zu ALGORYTHM IS IT

cobratheater.cobra Kritik zu ALGORYTHM IS IT

(Premiere: 15.11.2016, Theater an der Parkaue)

Sascha Lobo mochte ich noch nie. Diesen aufgeblasenen, selbsternannten Internet-Guru, der meint, im ARD Morgenmagazin Oma und Opa die Welt der „digital natives“ erklären zu können. In ALGORHYTHM IS IT kommt selbst er nicht mehr hinterher. Das Internet ist einfach zu komplex geworden. Wie die Leute noch erreichen? Und das ist schließlich sein größtes Ziel: Reichweite, Reichweite, Reichweite. Doch dazu muss er sich selbst optimieren. Und damit das Internet gleich mit. Vielleicht kann der Kybernetiker Norbert Wiener helfen? Doch wenn der den Mund aufmacht, ist nicht nur Sascha Lobo restlos überfordert. Klar, wir alle nutzen das Internet und damit Algorithmen und andere Rechenverfahren Tag für Tag. Aber wie die komplizierten mathematischen Gleichungen verstehen, die ihnen zu Grunde liegen? Datendschungel, Correlation Trees und Wahrscheinlichkeiten bestimmen die Welt und somit auch die Sprache von Wiener, der in seinem rosa Michelin-Männchen-Kostüm mit schneeweißer Perücke als nicht ganz ernstzunehmender „Weiser“ der Algorithmik daherkommt. Scheinbar hat er hier als Einziger den Durchblick. Oder ist sein Technik-Gefasel auch bloß Show? Per Fernbedienung steuert er willenlose Kreaturen, auch Sascha soll einer von ihnen werden. Doch der versteht nur Bahnhof und verwandelt sich lieber via ominöser Online-Droge „Freemium“ zu Warren – äh – dem Warenkorb – oder doch irgendwas dazwischen?! Grenzen sind hier kaum erkennbar, Figuren, Episoden, Räume schieben sich ineinander, verschwimmen, überlagern sich. Wie soll man da noch den Überblick behalten? Das meiste, was ich sehe und höre, kann ich kaum entschlüsseln – zu kryptisch die Sprache, zu abstrakt das Geschehen. Wo befinden wir uns hier eigentlich? Im Gehirn Norbert Wieners? Im Darkweb? In der Zukunft?

Zum Glück gibt es da noch den Wanderer. Einer, der vielleicht ein bisschen ist wie ich. Einer, der auch nicht so recht weiß, was er da tut. Einer, der auf der Suche ist, aber eigentlich auch nicht. Der schaut, sich wundert, mitmacht, sich dagegen entscheidet und dafür – Einer, der neugierig ist. Der gemeinsam mit mir zuguckt, wie Sascha sich in Warren verwandelt und zurück, der ungläubig den Worträtseln Wieners lauscht, und am Ende der Einzige ist, der „Nein“ sagt, wenn der schlangenzüngige Chor ein Manifest ausruft, dessen Inhalt so schwer zu begreifen ist wie die Mechanismen eines Algorithmus. Am Ende verlässt der Wanderer diese Welt. Doch ich stecke immer noch drin. Und bin vor allem eins: überfordert.

Von Gina Jeske

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