Toxic – Antonius und Cleopatra; Premiere 11.5.2013 Kampnagel; Die Cobra distanziert sich von sich selbst

„Eins Zwei Drei – Rom kroch aus dem Ei“ (Sprichwort im Geschichtsunterricht)

Zu Beginn kriecht da der eine oder die andere aus einem Ei. Sie kommen an, der Abend entsteht. Der musikalisch talentierte Legionär aus Rom und die struwwelpeter-psychotherapeuthische Erzählerin werden durch den Abend führen. Sie spricht mit einer säuselnder, beruhigender Stimme ins Mikrophon. Sie wird vorgreifen auf das, was uns an dem Abend widerfahren kann. Es kommt Musik, ein Remix des Hits aus dem Trailer: „in her Pavillon“.

„Das Rad immer wieder neu erfinden!“ könnte die Ansage eines Anderen Bildes sein: Ein Mann im Kostüm kommt erstaunlich lässig und rhythmisch zugleich von der Nebenbühne rein. Es herrscht eine geläste, Harmonische – ehrliche – liebevolle Stimmung. Sie ist zerbrechlich. Sie kann jedem Moment ins Ironische oder Peinliche abgleiten. Sie bleibt auf der Kippe und ich Wippe in meinem Stuhl. Es ist Spät.

 

Erst um halb elf beginnt die Vorstellung.

Ein Probenbesuch: in der Bodenstedtstraße (Frappant) ist ein Probenraum. Er ist sehr flach. Er hat zwei Säulen in der Mitte. Er ist voll mit Requisiten und Klamotten. Darin viele Beteiligte der Produktion. Sie sind zwischen Müdigkeit und Nervosität ein völlig eigener Kosmos geworden. Cleopatra – mehrheitlich gespielt von Alexander Merbeth und Antonius – ebenso mehrheitlich gespielt von Lukas Vögler – erzeugen in dieser Rumpelkammer eine merkwürdige Intimität. Sie singen gemeinsam ein Lied: „Make my Heartbeat….“. Sie singen in ein und das selbe Mikrophon und sie schauen sich dabei in die Augen. Und sie schaffen es das Ihr Blick den drohenden Popkitsch zerschneidet und es wirklich berührend wird. Dann kommt Judith Goldberg – Enno Barbus – ain´t no barby – the translater –  dazu. Eine Menage á droit in der die Geschlechterverteilung umgekehrt, verändert ist. Ganz einfach, soweit ganz schön. Das Bühnenbild scheint in diesem Probenraum provisorisch bis viel zu groß. Aber wenn sie dann erstmal noch die Einrichtungszeit von zwei/vier stunden haben, dann wird es sicher im Original da sein, und dem großen Raum schwung geben. Es sind große Stahlringe, die wie eine Schaukel in den Raum hängen und leuchten können. speziell angefertigt und günstig gebogen im Brandenburgischen. Niedriglohnsektor.

Der Text scheint Improvisiert zu sein. Spielerisch versprechen sie sich ins Shakespeare-ische. Die Fabel soll laut anderen Rückmeldungen rüberkommen. Mir erzählt sie sich nicht. Lege ich aber auch keinen so richtigen Wert drauf, weil situationsbezogen Bedeutungszusammenhänge enstehen, die mein mir vertrautes Assoziationsfeld weiten.

Und irgendwann dreht sich das. Die stets neuen Bilder, haben mit etwas zu tun, das mir verschlossen bleibt. Oder eine merkwürdige Schwankung in der Intensität zermürbt mich. So gibt es ein Monolog von Cleopatra über den Abschied von Antonius der mit teils platten, teils konkreten, teils unbestimmten Gesten des Sprechenden selbst kontrastiert, erweitert wird. Durch die leichte zeitliche Verschiebung entsteht ein zerbrechliches Bild vom Schauspieler und der Figur. Eine Traurigkeit, eine Melancholie viel mehr. Etwa komisches im selstamen Sinne. Ganz stark und dann kommt es zu Varianten davon. Es wird quasi wieder reset gedrückt und eine andere Variante ausprobiert. Dort an dieser Stelle reist mein Aufmerksamkeitsband. Was vielleicht als Darstellung einer Suchbewegung für Form und Inhalt steht, stagniert auf dem Band der Intensität. und so kommt es ab und an vor.

Am Ende kommen noch ein Paar Songs. Ihre Texte generieren sich aus Texten von Shakespear, Frieder Hepting und Lukas Vögler. Der Text wird immer auch zum Mitlesen gebeamt.

Die therapeutische Erzählerin beendet den Abend mit einem liebevollen Song. Sie hat den Abend über mit ihrem fast permanenten Blick ins Publikum den Zurückschauer gegeben.

Ein freier, eigenständiger, assoziativer Umgang mit dem Material, der ab und an zu viel ins methodische Abgleitet:

„Methode – Setzt „einen guten Willen des Denkers voraus, >eine vorher bedachte Entscheidung<. Tatsächlich stellt die Methode „ein Mittel dar, uns daran zu hindern, solche Orte aufzusuchen, oder uns die Möglichkeit offenzuhalten, ihn verlassen zu können (der Faden im Labyrinth)“ (…)“

Roland Barthes: „Wie zusammen leben“; S.37, Sitzung vom 12. Januar 1977; edition Suhrkamp 2402

 

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