SOFT — eine cobra.journal.cobra Kritik von Markus Wenzel

Anna Fries:          Ich weiss nicht, wozu Generalproben überhaupt gut sein sollen?

Jasper Tibbe:      Ihr macht heute alles so, wie bei der Premiere … Bloss noch besser.

 

Vier interessante Boys machen sich Gedanken über Männlichkeit: Sie essen ihre Äpfel mit Kernen, Stielen und Gehäusen. Das ist zwar eklig, dafür aber männlich. Dann machen sie sich männlich auf; auf eine weite, lange und männliche Reise. Dabei fehlt es auch nicht an gutem männlichen Humor, den wir alle so lieben und schätzen: Ihr Schiff heisst zum Beispiel SS Penis Hitler.

Die raue Männlichkeit steht die ganze Zeit über im Kontrast zu soft. Soft ist nicht nur der Titel dieses Hörspiel-Theaterstückes, soft ist hier viel mehr: Soft bezeichnet einen unaufgeregten Darstellungsmodus, eine gechillte Haltung zu verwendetem Material, eine angenehm seichte Dramaturgie, eine harmonisch-beruhigende Musikauswahl.

Soft kann eventuell leicht verwechselt werden mit unterspannt. Doch das wird hier geschickt vermieden, da sich soft und die bereits beschriebene Männlichkeit oft abwechseln, vermischen, miteinander paaren, was dann zu, wenn auch ungefährlichen, Eskalationen führen kann.

Wenn man beim soften, abwechslungsarmen belgish-style den Boden vibrieren merkt, die Schweißperlen laufen sieht und hört, wie die Schrittfolge erinnert wird, dann wird soft schon wieder eine körperliche und geistige Herausforderung. Männlich stellen sich die Boys auf einen soften Perser und fangen an, aus widerlichen (männlichen) Spuckefäden Seemannsgarn zu weben: Sie nehmen mich mit, auf eine Reise hin und her zwischen Meer-Jungs-Frau und unterhaltsamem postmodernem verbalem Rumgepose. Dazu gibt es softe Choreos, mit dem ein oder andern herrlich unangestrengtem demi-plié, die in männlichen Ring- und Faustkämpfen münden. Danach ganz soft mal eine Ananas ausschlürfen. Mit live hervorgebrachter Sprache geht man insgesamt sehr soft um. Dafür plappert uns beinahe ununterbrochen eine wunderbar absurde Version der Schatzinsel aus monströsen hängenden Lautsprechern entgegen. Oder ist das die Reise Darwins? Alexander von Humboldt? Eine Österreichisch-Sowjetische Nordpolexpedition? Spongebob? Sogar die Jacke, die Felix später an hat, ist soft.

Soft hat vor allem eine Wirkung: es ist warm, sehr sympathisch und manchmal, dank Manuel Melzer am Steuerbord, auch herrlich lila. Doch länger als 50 Minuten könnte sich Soft nicht tragen. Da ja sehr vieles (außer das männliche Kontrastmittel) soft ist, mündet jedes noch so kleine Szenchen in einem Happy-End. Da es viele solcher Mikro-Happy-Ends gibt, verpufft ein mögliches Makro-Happy-End in einer Lila-Laune-Stimmung, die so super ist, dass sogar die Toten wieder auferstehen.

„Unsere Körper sehen komisch aus“, stellt der Mann im Lautsprecher fest. Das stimmt wohl. Unsere Boys haben männliche Tattoos; aber softe Oberarme. Zum Schluss werden sie sogar schwanger. Was ist mit den Männern von heute bloss passiert?

 

Markus Wenzel

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Eine Antwort auf SOFT — eine cobra.journal.cobra Kritik von Markus Wenzel

  1. Ich mag das.. Ich hab da jetzt n paar Seiten durchgelesen. Und ich mag das wirklich . Ihr macht n verflucht guten Job.. Wirklich.. Wurde lange von keiner Seite mehr so gebannt.. Aber ihr habt den Dreh einfach raus.. Weiter so. Das ist einfach nur gross und artig….

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