Sachen zu Ende erledigen

Es ist der 08.11.2014 und Johann (J),  Laurin (Ln), Laura (La) und Wanja (W) haben schon zwei Stunden in Laurins Zimmer gessessen, geredet und gelesen.

W: Hallo, würdet ihr bitte kurz sagen, warum wir hier eigentlich zusammengekommen sind?

Ln: Es ist ganz einfach, wir machen die Theatergruppe cobra#massentauglich.cobra und damit eine Lesung für die Bella Triste, also eine Aufführung. Und wie ja das Prinzip des Netzwerkes cobra[…]cobra, ist, muss ja eine andere cobra zu Proben eingeladen werden. Deswegen sitzt Wanja jetzt hier.

J: Muss, naja, wir wollten das ja.

Ln: Wir wollten das. Das ist immer auch eine Form der Übereinkunft…

La: Häh?

J: Ich muss auch sagen, dass ich Wanja jetzt besser kenne als vorher. Das freut mich.

W: Seit wann kennen wir uns besser?

J: Seit wir uns unterhalten, habe ich das Gefühl, wir haben ein größeres Bond als vorher. Wir werden uns wohl nun offiziell grüßen, auch an Ecken, an denen wir uns vorher noch nicht kannten. Wenn wir z.B. durch Berlin-Mitte schlendern und ich dich auf der anderen Straßenseite sehe, ist die Tendenz doch, dass ich dir zuwinke und frage, „hey, wohin gehst du heute abend?“.

W: Das hättest du vorher nicht gemacht? Ich hätte dich gegrüßt.

J: Ja, das schon, aber jetzt ist die Verbindung verbindlicher, weil wir in einer WG an einem Tisch saßen und gelesen haben. Laura hält sich gerade die Augen zu, aber das ist mir egal. Die Realität muss ausgesprochen werden.

La: Ich würde nicht sagen, dass das der Grund ist, warum du, Wanja, hier bist, sondern weil wir beobachtet haben, dass wir es sinnvoll finden, eine Art Feedback oder Gespräch während der Proben zu haben. Dass das ein gutes Prinzip ist und deswegen wollten wir mit dir sprechen.

W: Was ist gut daran?

La: Dass während der Proben innerhalb der Gruppe ständig Aushandlungsprozesse stattfinden. Wie man arbeitet, in welchem Tempo, zu welchen Themen. Das Soziale steht dabei oft im Vordergrund und die Reflexion der eigenen Arbeit kann manchmal nicht mit ausreichend Abstand betrieben werden. Da finde ich es einfach enorm hilfreich, mit einer Person von Außerhalb zu sprechen. Die einfach nur zuhört und wir anfangen, uns zu artikulieren, was gerade gemacht wird und dabei klar bekommen, was das ist und Klarheit darüber gewinnen, wie das nach Außen wirkt. Überhaupt habe ich bei den letzten Sachen, die ich gemacht habe, gemerkt, dass es eigentlich immer eine Art Hürde war, jemanden einzuladen, wenn wir noch das Gefühl hatten, nichts zeigen zu können und man schämt sich, über die eigene Lückenhaftigkeit und Unvollständigkeit zu sprechen. Dass es doch sehr hilfreich ist, über den eigenen Schatten zu springen und sich ein mal kurz mies zu fühlen, das ging mir schon oft so, einen Stand präsentieren zu müssen und ich von da aus aber immer sehr gut arbeiten und denken konnte. Deswegen ist es vielleicht ein gutes Ziel, jemanden ziemlich früh bei den Proben zu haben.

W: Wie war das beim letzten Mal? Ihr habt ja schon mal eine sog. cobraproduktion.cobra gemacht?

Ln: Wir hatten sowieso eine Mentorin, weil das im Rahmen des Schredderfestivals in Hildesheim statt fand. Verena L hat uns da begleitet.

J: Das war irgendwie wild und durcheinander, auf verschiedenen Ebenen. Aber auch wahnsinnig wichtig.

W: Was war wichtig?

Ln: Dass Verena uns immer wieder besucht und gespiegelt hat.

J: Außerdem kamen noch Carolin und Marja. Mit Caro gab es außerdem ein Gespräch in einer WG, am Küchentisch. Es ist aber immer eine Überwindungen, jemanden in die eigene Probenblase herein zu lassen. Anfangs fand ich das aber schwieriger und heute habe ich mich sogar etwas darüber gefreut, dass jemand von Außen vorbeikommt, was auch eine gute Möglichkeit ist.

La: Beim letzten Mal war es aber so, dass Caro und Marja einen Tag vor unserer Preview, einer festivalinternen Präsentation, zu uns kamen und es war schon so eine Generalprobenstimmung, alles war irgendwie brüchig. Die beiden hatten gar keine Chance und wir gar keine Kraft oder Ruhe, uns mit denen zusammenzusetzen, haben es aber trotzdem versucht. Sie haben sich viel Zeit genommen, zu reflektieren und zu beschreiben, was sie gesehen haben. Mir hat das Mut gemacht, dass sie sagten, wir sollten einfach Spaß haben und drauf gehen.

Ln: Das war aber auch eine Art Test.

La: Genau, wir haben sowieso darüber gesprochen, wie wir diese Kritik sehen und sind darauf gekommen, dass wir gerne möchten, dass es erst mal ein Kennenlernen ist. Caro und Marja haben dann einen Text darüber geschrieben, wie sie die Proben und diese Art des Zusammenkommens erlebt haben. Nach der Preview haben wir uns noch mal mit Caro zusammen gesetzt und sie hat uns die Aufführung, die sie auch gesehen hat, beschrieben, ihre Sicht darauf. Das war sehr gut. Es wurde sehr inhaltlich, szenisch, sie hatte alles sehr genau beobachtet.

Ln: Wobei ich sagen möchte, dass es im Vorhinein schon anstrengend war, zu wissen, bald kommt jemand von cobratheater.cobra zu unseren Proben. Das musste irgendwie abgehakt werden, weil wir beschlossen hatten, etwas als cobratheater.cobra zu machen. Das dringt ein, in unseren Schutzraum, das war auch eine Drucksituation.

J: Wir hatten wahnsinnigen Druck, weil das unsere erste Produktion, auch in Hildesheim war, in einem größeren Zusammenhang.

W: Was ist das für ein Druck?

J: Sich zu präsentieren. Für Laurin war das irgendwie ein organisches Zusammenfließen. Er kam schon von einer cobraproduktion, Bodybild, für Laura und mich gab es eine große Unkenntnis, was das ist oder sein kann. In dem Sinne haben wir uns einfach reingeschmissen, weil wir von den älteren cobras nicht viel wussten, wir hatten nichts mit Euch zu tun. Mit der Clique, die sowieso ihr Ding macht.

W: Das war also ein doppelter Druck. Vor der Hildesheimer Theateröffentlichkeit und noch einigen Leuten zusätzlich, die ihr gar nicht kanntet.

J: Ich glaube, die Öffentlichkeit ist weniger problematisch, als ich selbst; vor mir selbst zu zeigen, was ich abliefere, im Verhältnis zu dem, was ich abliefern kann. Das war zu dem Zeitpunkt irgendwie unklar, aber wir waren da auch alle sehr ehrgeizig mit dem Projekt und wollten sehr viel damit. Was uns noch zusätzlich gestresst hat.

W: Wie war denn die Resonanz, dass ihr euch dieses cobra-Label annehmt, ohne zur Clique von Wanja oder Jule dazuzugehören?

Ln: Es gab ja Kritik, u.a. von Thomas K, der sich auf Facebook geäußert hatte, vor allem gegenüber dem Netzwerkgedanken.

La: Das war aber nicht spezifisch auf uns bezogen.

J: Ja, aber für uns war das vielleicht noch eine Verstärkung, aktiv auf das Label zuzugehen und es sozusagen mitzunehmen. Es gab schon, glaube ich, eine spannungsgeladene Situation, vielleicht auch nur von mir imaginiert, aber es gab schon in unserem Umfeld Fragen, warum wir das machen, was das überhaupt soll usw.

La: Mich haben aber nur Leute darauf angesprochen, die selbst nicht bei cobra sind, warum wir das gemacht haben.

W: Was hast du denen gesagt?

La: Der Grund war eigentlich die Performance, warum wir uns mit Netzwerkstrukturen auseinander gesetzt haben. Wir fanden es irgendwie interessant und wichtig, Strukturen in unserem Umfeld zu beobachten, die so angelegt sind und Potential zur Markenbildung oder Zusammenschluss zur Selbstvermarktung ermöglichen. Das ist ein interessanter Vorgang, finde ich, der umso besser von innen her erfahren werden kann. Innerhalb der bestehenden cobra, das fand ich auch interessant, gab es dazu bereits Auseinandersetzungen [Interview Yumin]. Es wurde auch gesagt, dass sich die cobra immer neu formiert, immer neu hervorgebracht wird und plötzlich schien es die Möglichkeit zu geben, das mitzugestalten. Ich habe aber, wie gesagt, kaum Resonanz erfahren. Und den nächsten Kontakt gab es bei dem cobrafest.cobra in Hannover.

Ln: Irgendwie gab es da auch eine aufmerksamkeitsökonomische Motivation, die wir gesehen haben.

J: Was sich total gelohnt hat. Zwar nur am unteren Ende der Leiter, als Nachwuchs, oder so. Aber es war immerhin Thema.

W: Ihr seid aber nicht auf der Homepage. Ihr seid dort nicht sichtbar. Ich weiß nicht, ob ihr die kennt, das Interview mit Laurin ist dort z.B. veröffentlicht. Gut, dass wir mal darüber reden, weil ich euren Schritt seltsam unvollständig empfunden habe. Ihr hattet euch entschieden, von cobratheater.cobra zu profitieren, habt euch aber nur den Namen angenommen, wo ich nicht verstehe, warum ihr nichts, nirgendwo hochgeladen habt.

Ln: Das Projekt war natürlich eine anstrengende Zeit und diese Internetarbeit war noch ein zusätzliches Ding, das gemacht hätte werden müssen.

J: Das war vor einem halben Jahr, wir kamen aus der Produktion, hatten das Festival unvermutet gewonnen, dadurch noch ein Gastspiel in Braunschweig und steckten mitten im universitären Projektsemester und haben einander aus den Augen verloren.

W: Jetzt habt ihr die zweite Produktion als cobra#massentauglich.cobra vor euch. Warum habt ihr Euch entschlossen, das wieder unter diesem Label zu machen?

Ln: Erst mal weil wir drei das wieder zusammen machen. Und irgendwie bewegt man sich in der Tradition, die man entwickelt hat, Tradition ist natürlich schwer zu sagen, weil es das zweite Ding ist, das wir machen, aber wir wollen gerne weiterführen, was wir schon mal angefangen haben. Und die Frage wäre auch: „Warum nicht?“ Unser jetziges Treffen ist doch auch gut, das haben wir ja bereits gesagt, du, Wanja, hast z.B. auch schon mal eine szenische Lesung gemacht.

J: Wir waren auch gerade in Berlin, bei dem cobrafrühling.cobra und es gibt irgendwie keine Gründe, die gegen cobratheater.cobra sprechen. Auch die Connections zu den anderen Leuten zu haben, die in dem Kontext auftauchen, das ist erst mal wahnsinnig positiv und da weiter zu gucken, was in diesem Netzwerk gehen kann.

La: Ja, mir war aber das wichtigste, dass bei der ersten Arbeit, die abrupt aufgehört hat, auch weil das Semester anfing, wo ich das Gefühl hatte, die Auseinandersetzung mit der cobra irgendwie noch nicht mal richtig angefangen hat, oder erst im Entstehen begriffen ist. Und es ist mir schon ein Bedürfnis, mich noch weiter auseinanderzusetzen, und ich mich auch bei der Homepagesache gefragt habe, warum wir noch nicht dort sind und dachte, dass wir noch nicht dort angekommen sind, ein fertiges Stück neben all den anderen fertigen Stücken zu präsentieren.

W: Hast du die anderen Stücke mal gesehen?

La: Ja, viele davon habe ich gesehen. Irgendwie fühlt es sich noch nicht so an, dass wir so ein Bombenstück gemacht hätten und das nun auf der Homepage sehen wollen. Trotzdem hätte ich Lust, dort auch vertreten zu sein und habe das Gefühl, das passiert nicht, wenn wir in fünf Jahren wieder mal was machen, sondern eher wenn wir die Beziehung aufrecht erhalten.

J: Wobei ich noch mal widersprechen muss, weil ich vermute, dass unser erstes Stück besser war, als wir den Eindruck hatten. Ich bin ja ein großer Wiederaufnahmevertreter, was bei den anderen nicht so verbreitet ist. Mit den Transportkosten haben wir auch ein kleines Hindernis.

W: Und jetzt wollt Ihr von uns Geld?

J: Nee, aber das ist vielleicht auch ein Grund, warum wir uns noch nicht in einem cobra-Zusammenhang gezeigt haben. Mit dem, was jetzt kommen wird, übrigens auch nicht, weil das auch eine rechtliche Frage wird.

W: Warum habt ihr die Sachen, die ihr dazwischen gemacht habt, nicht cobratheater.cobra genannt?

Ln: Ja, also erst mal hat das ja bei dem State of the Art stattgefunden, was Johann mitorganisiert hat. Erstens hatten die Produktionen innerhalb des Programmhefts keine Gruppennamen.

J: Wenige. Herrman Simons, z.B.

Ln: Das waren Gastspiele, wir haben aber extra fürs State produziert. Ich habe das mit T zusammen gemacht und über cobra geredet. Für mich wäre das eine Option gewesen, wieder jemanden einzuladen. Da war aber keine Notwendigkeit, weil es schon innerhalb des Festivals so eine Art Netzwerkstruktur gab. Mit Manuel M wurde uns ein Mentor zugewiesen, was sehr gut funktioniert hat und noch andere Leute im Festival waren und ich keine Notwendigkeit verspürt habe, noch eine große Diskussion zu beginnen, T war dem gegenüber auch kritischer eingestellt, gehört gar nicht zum Netzwerk. Auch, dass jemand auf die Proben kommt, zu dem man kein Verhältnis hat, war nicht durchzusetzen.

J: Ihr hattet auch vorher noch nie zusammen gearbeitet und musstet vielleicht erst zusammen finden, das war zumindest mein Eindruck, als ich auf den Proben war. Es ist natürlich eine Frage, ob du dich mit jedem Stück in diesen Kontext begeben willst. Es gibt unterschiedliche Sachen, die zu bedenken sind. Wie man sich selbst dabei fühlt und in welchem Verhältnis man zu dem Netzwerk ist. Und wer das Gefühl hat, etwas sehr Intimes zu machen, oder nur für sich, etwas sehr relevantes, geht vielleicht nicht den ersten Schritt zu sagen, ich gebe mir einen Namen, hinter dem cobra steht. Dafür müsste man irgendwie versichert sein, oder sehr gut mit den entsprechenden Leuten befreundet sein.

La: Dem kann ich ein wenig zustimmen, weil mit dem Stück, das ich mit C gemacht habe, wir auch sehr intim gearbeitet haben und auch das Gefühl hatten, dass die Öffnung, oder die Verbindung mit der cobra dem Ganzen eine Öffentlichkeit gäbe, mit der wir uns zu dem Moment noch nicht konfrontieren wollten. Wir haben auch darüber gesprochen, wie interessant das eigentlich wäre, weil wir uns mit verschiedenen Arbeitsweisen beschäftigt haben, wie wir proben, was natürlich auch viele cobraleute interessiert, was vielleicht auch guter Input war. Als cobra zu veröffentlichen erzeugt aber eine Öffentlichkeit, die wir noch nicht haben wollten.

W: Es ließe sich aber auch antworten, ihr behieltet das Label „Massentauglich“ bei, habt eine Marke, setzt das cobra-Label dazu, habt außerdem noch eine Gratis-Optimierung durch Leute wie Caro, Marja oder mich, die unterstützen, vielleicht sogar noch eine Supervision liefern. Das hat doch nur Vorteile.

J: Ja, man identifiziert sich aber doch so, dass man einen Deal mit einer Marke, der cobra eingeht. Wir haben nun schon eine etabliert, aber ich denke, wir müssen uns immer auch fragen, welche Distanz zu Marken, Institutionen, oder Netzwerken nötig sind. Und als Vielleicht-Künstler sucht man nach einer Autonomie oder einer Art von Selbstausdruck und fragt sich, ob es nötig ist, sich noch eine Marke aufzuhalsen, wenn man noch in einer Selbstfindungs- oder Experimentsphase ist. Das verstehe ich schon. Ich fange ja auch nicht an, irgendwelche Fotos für mich privat zu machen und schreibe dann cobra oder Cola drauf. Manchmal denkst Du eher persönlicher, manchmal eher im Kontext.

Ln: Was einen Außenblick betrifft, geben auch wir etwas ab, wenn wir uns mit cobra identifizieren. Von außen wird uns unsere Arbeit vielleicht nicht mehr so zugeschrieben, als wenn wir uns nicht cobra nennen würden. Du wirst irgendwie bewertet oder in irgendwelche Ecken geschoben.

J: Es findet ein ganz klarer Abgleich mit anderen cobra-Stücken statt. Und da ist der Rahmen für ein Feedback oder ein Betrachten dessen natürlich ganz anderes gesetzt, als wenn ich mich frei auf ein Stück zubewege, ohne eine Kenntnis oder Vermutung zu haben, wie das entstanden oder organisiert ist. Der Blick des Publikums wird durch das Label schon verändert und das ist schon bedenkenswert, oder?

La: Keine Ahnung, wie das für andere ist, mich stört aber diese Vergleichssituation mit anderen corbra-Produktionen. Die schon erwähnte Produktion mit C war halt eine Art Work in Progress und für mich war es das erste Mal, dass das nicht auf eine fertige Inszenierung hinauslief und wir wussten selbst noch nicht so richtig, wie sich das Endprodukt verkaufen lässt und waren auch vorsichtig vor dem Vergleich mit einer Reihe anderer Produktionen.

W: Darauf würde ich antworten, dass gerade die Gespräche wie wir sie jetzt führen, dazu da sind, mögliche Vergleiche zu relativieren. Selbstverständlich habe ich diese Konkurrenzsituation noch nicht gedacht. Für mich ist es auch was anderes, eine sehr natürliche Entscheidung, etwas als cobratheater.cobra zu labeln, aber es gibt halt sowieso die Möglichkeit der Diskursivierung, Entstehungsprozesse transparent zu machen und Teil des Aufführungsdiskurses werden zu lassen.

J: Ein Problem haben wir aber auch nicht generell, wir sind ja hier und reden.

Ln: Was ist aber, wenn das Marketinginstrument cobra wegfällt? Wenn wir mit unserer Theaterarbeit keine besondere Öffentlichkeit suchen, ist es natürlich immer noch gut jemanden einzuladen, aber haben wir ja immer noch Netzwerke, in denen wir uns sonst auch bewegen.

J: Was beim State of the Art sehr stark der Fall war, glaube ich. Alle proben nebeneinander, es gibt viele Leute, die sich Sachen angucken und viel sprechen. Noch mal: cobratheater.cobra ist ein gutes Marketingtool, die Frage ist aber, ob die Marke das Produkt verschluckt. Und ich glaube, sobald man sich in eine Art von Öffentlichkeit begibt, muss man ein gewisses Standing haben. Zumindest in gewisser Weise. Aber das ist vielleicht nur mein Gedanke, weil wir eine Art zweiter Generation darstellen und deswegen eine ganz andere Perspektive haben.

W: Ja, okay. Aber wenn ich mir jetzt die cobra-Sachen angucke, ist nichts dabei, das mich einschüchtert, eher im Gegenteil, dass ich Lust habe, etwas zu übernehmen, oder auch total ablehne. Sagt doch mal bitte, wie ihr das seht, ein Stück wie „Als der Körper zum Feind wurde„, was ich jetzt nenne weil ich da mitgemacht habe, ist doch nichts, was irgendwie virtuos wäre, sondern eher wie Amateurtheater daher kommt.

J: Entweder bist du Teil dieser Gründungsclique, über die ich überhaupt keine verlässlichen Informationen habe, aber wenn du nicht bester Freund mit einer Full-Time-cobra bist, ist die Perspektive ganz anders. Ich rufe weder dich noch Martin an und frage, wie die Woche war, was dein nächstes Projekt ist und, dass ich da übrigens mitmache. Also, ich habe nicht das Gefühl in das Netzwerk integriert zu sein oder gleichberechtigt an allen Aktivitäten teil zu nehmen, was man vielleicht auch gar nicht will.

Ln: Es ist schon so, als wir mit dem Studium angefangen haben, dass ich gemerkt habe, dass ihr schon in so Professionalisierungsschritten definitiv weiter wart als wir, die wir das erste Projekt machen. Das sieht man auch, das sind reifere, professionellere Produktionen. Bei „马马 虎虎“ z.B., was das erste war, das ich hier gesehen habe. Danach „Soft„, glaube ich. Wenn du hier anfängst zu studieren, siehst du schon einen größeren Abstand.

J: Vielleicht wird der jetzt noch wahrgenommen, oder hat sich in dem Sinne nicht verringert, weil die anderen cobras, auch Schritte nach vorne machen, in der Zeit, in der wir zwei Semester hinter uns gebracht haben.

W: Entschuldigung, ich muss ein bisschen das Tempo anziehen, weil ich nicht mehr so viel Zeit habe. Das ist mein Fehler, sorry. Mich würde noch interessieren, was das ist, das ihr als professionell wahrnehmt. Was ist das Professionelle an cobratheater.cobra?

La: Für mich ist das nicht nur in den Stücken, sondern ich nehme eine allgemeine Reflexion über Theatermachen oder -proben wahr. Euch kenne ich alle eher grob, weiß aber ungefähr, was ihr studiert habt und kenne euch aus Gesprächen, wo ich Euch als reflektiert, bewusst und viel nachdenkend wahrgenommen habe. Eigentlich will ich gar nicht so rumschleimen, aber es macht nicht den Eindruck, ihr produziertet irgendwas, fertig, in drei Wochen darauf das nächste, sondern, dass ihr Euch darüber hinaus gehende Gedanken macht und was den Anschein kontinuierlichen Nachdenkens weckt. Das wäre für mich professionell, wenn man das so nennen mag.

J: Auch das Gefühl, auf jemanden zu treffen, der auch irgendwie cobra ist, vielleicht ähnliche Interessen zu haben, zumindest was Theater angeht. In dem Sinne ist das vielleicht professionell, wenn ich auf jemanden treffe und schon ein bisschen weiß, wer das ist. Was ihn oder sie interessiert und dann darauf zugehen kann. Diese Option oder dieser Gedanke vereinfacht den Zugang zu Menschen.

La: Ich sehe in den Produktionen auch einen Gestus von „Ich-weiß-wie-das-hier-sein-soll“. Das ist vielleicht nicht allen Produktionen immanent und es ändert sich, aber was ich beobachtet habe, sind ästhetische Entscheidungen, die durchgezogen werden, die mir vermitteln, da hat jemand eine Vorstellung davon, wie Theater in dem Moment sein soll und bezieht da eine klare Positionen. Am Anfang meines Studiums fiel mir dieser Gestus schwer. Jetzt bin ich in der Mitte und es fällt mir immer noch sehr schwer.

Ln: Ich weiß gar nicht, ob sich dieser Zustand überhaupt mal einstellt.

La: Ein bisschen klarere Gedanken beobachte ich an mir schon.

W: Letzte Frage: Was gebt ihr eigentlich cobratheater.cobra?

J: Wir geben eine szenische Lösung, zumindest den Menschen, die da hinkommen. Und stellen uns zur Verfügung für netzwerkartige Aktivitäten. Wir haben z.B. auch Eintritt für das Frühlingsfest gegeben. In diesem Sinne geben wir, dass wir Teil davon sind.

Ln: Jetzt gerade geben wir. Wir diskutieren.

La: Ja, wobei ich schon sagen würde, dass ich diesen Netzwerkgedanken dahingehend sehe, dass es immer Aktivere gibt und ich empfinde mich tatsächlich als cobra-Nachwuchs, oder so, der guckt was passiert, der so komisch dranhängt und rumschlabbert. Das ist aber, glaube ich, auch Motivation, nicht nur eine Produktion mitzumachen, sondern länger dran zu bleiben und aus einer eigenen Sicherheit, vielleicht auch Verantwortungsgefühl, eigene Sachen zu initiieren. Ich würde sagen, dass wir bisher nicht so wahnsinnig viel beitragen und das nicht als Problem sehen.

Ln: Es ist aber auch eine Machtfrage, wer kann überhaupt wie aktiv sein? Was braucht man dafür, um aktiv im Netzwerk zu sein? Da gibt es schon Formen von Hierarchien, meiner Meinung nach. Das sind vielleicht die Anzahl von Verbindung die du hast und den Grad deiner Aktivität, was Handlungsfähigkeit in dem Netzwerk ausmacht. Das kannst du natürlich voran treiben.

J: Die Frage ist erst mal, wie wir uns verbinden.

W: Wollt Ihr das?

Ln: Ich finde es schon interessant, noch mehr zu denken, dass man irgendwie Einzelperson ist, die mit anderen ein Projekt unternimmt, woraus sich Verbindungen ergeben, die sich anders fortsetzen usw. Zu dritt sind wir jetzt irgendwie in das Netzwerk rein gesprungen. Zwar habe ich Martin im Vorhinein assistiert, aber das habe ich schon als großen Schritt erlebt.

J: Ich will auf jeden Fall unspezifisch mit Menschen zusammen arbeiten, die irgendwas damit zu tun haben, weil ich gerne Dinge mache, die erledigt werden und zu einer Aufführung kommen und das habe ich bei cobratheater.cobra irgendwie das Gefühl, dass es jedenfalls ein paar Leute gibt, die Sachen zu Ende erledigen. Das empfinde ich als ein beruhigendes Gefühl und die Leute, von denen ich das annehme, will ich gerne noch weiter kennen lernen. Natürlich ist es von Vorteil, aber nur weil ich mich cobratheater.cobra nenne, heißt das noch nicht, an bestimmten Häusern bestimmte Kontakte mitgeliefert bekomme. Jetzt scheint cobratheater.cobra auch irgendwie verteilt zu sein, auf verschiedene Orte. In Hamburg ballt sich etwas. Da bin ich aber nur selten. In Berlin, da bin ich oft, gibt es wenig. Außer vielleicht am Ballhaus Ost.

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