Re: Ausflug mit Arztsohn

Liebe Lena,

ich lese wieder Deinen Text. Wie Du weißt, zum wiederholten Male. Was nun folgt, ist meine erste Antwort darauf, leicht an heute angepasst. Die nummerierende Ordnung Deines Blogs kommt mir entgegen, sie organisiert die Selbsterzählung auf sehr angenehm lesbare Art und Weise, die schon witzig ist, aufgrund ihrer harten Knappheit. Thematisiert auf relativ geringem Raum sehr viele unterschiedliche, zentrale Motive, die übrigens, das fällt mir jetzt zum ersten Mal an Deinem Schreiben auf, extrem im Reflexiven operiert und fast gar nicht im Modus körperlichen Erlebens spricht.

Bemerkenswerterweise berühren mich die biographischen Daten, die Du anführst, stark. Erinnert mich prinzipiell an meine Familie. Bei uns wird allerdings auch immer gesagt, BILDUNG, damit nicht körperlich gearbeitet werden muss (während das Ideal der sog. realen Arbeit nicht infrage gestellt wird). Meine Mutter hatte ebenfalls ein Böcklerstipendium, mit dem, sowie dem Opelgeld meines Vaters, ihr es möglich war, Soziologie zu studieren und mich/uns zu erziehen. Interessanterweise hat es mir gefallen, mich und meine Familie in Deinen Text projizieren zu können. Dieses Sentiment habe ich noch nicht wirklich reflektiert, weil es auch ein bisschen allem widerspricht, was ich im Folgenden schreiben werde und allgemein denke.

Halt ein geiler Text, den Du geschrieben hast, weil er mich selbst in den Text getrieben hat. Leider habe ich mir zu viel Zeit gelassen, ihn hochzuladen, weswegen die Spontanstgeste leider wegfällt. Das Hintergrundrauschen von Feuilleton und Blog haben wir aber immer noch. Auch in diesem Sinne: gerne zu spät. Allen Linien, die Du so anbietest, will ich aber nicht nachgehen, sonst schaffe ich es nie, irgendwas irgendwo hochzuladen. Nur so viel: die sozialdemokratische Partei Deutschlands überschreibt ihr Regierungsprogramm mit „der Wert der Arbeit“ und souffliert damit einen Romantitel, der von Jmd. handelt, der sich nicht schafft, von einem Arbeitsbegriff zu lösen, der darauf basiert, anzunehmen, die Werte, die seine Arbeit erschafft, seien vollernst zu nehmen. Und der Wert der Arbeit etwas, auf, dass wir uns verlassen könnten.

Zu spät kommen – davon sprichst Du. Darunter kann ich mir etwas vorstellen. Nur, was sind uns diese Leute aus den etwas besseren Verhältnissen denn voraus? Was für eine Scheiße sollte das sein, das sozial-kulturelle Kapital? Mit den Eltern über Bachkantaten, Lyrik von Rose Ausländer, oder Theaterinszenierungen von Claus Peymann zu disputieren? In einem universitäre Seminar nicht nervös zu werden? Sich ganz natürlich für Rotwein zu interessieren? Mir fallen leider keine richtig guten Beispiele ein, weil ich diese feinen Unterschiede eher lächerlich finde. Oder einfach kein Problem mehr. Das Niveau ist doch selten zu hoch, oder? Können wir doch auch alles. Wenn ich irgendetwas von der Mentalität meiner Familie übernehmen möchte, dann den natürlich trotzigen aber komplett egalitären Prollsnobismus, zu glauben, wir könnten das sowieso alles, sowieso gleich. Eher ein männliche Denken, was noch reflektieren ist. Das Problem ist nicht bei uns, sondern der Wunsch der Gesangslehrerin, immer die gleichen Voraussetzungen bei Schülerinnen anzutreffen, nicht die fehlende Erfahrung als Öffnung, Möglichkeit, oder KAPITAL zu verstehen.

Spiegel Online fragte einige der Aufständigen, die in Kiew das Rathaus gestürmt haben, warum sie nicht wüteten, sondern fast alles in Ordnung gelassen haben. Gehört uns doch schon sowieso, haben die Leute gesagt und sind Tage später wieder aus dem Rathaus gegangen. Fand ich in der ganzen boulevardesken Aufmachung ziemlich nachvollziehbar und eine geile Szene.

Natürlich ist sich anzupassen. An den Habitus der Universitäten, meinetwegen auch der Schreibschulen, Verlage, Künstlerischen Betriebsbüros und keine Ahnung. Aber genau das gleiche erleben wir in den Fußballvereinen, Eckkneipen, Großraumdiskos, Shisha-Cafés, Tattoo- oder Sonnenstudios, Wettbüros, Arbeitsämtern, Fabrikkantinen. In diese ganzen Läden kommen wir doch auch immer schon zu spät. Mit den Leuten dort können wir, entschuldige, Dich da jetzt mit reinzuziehen, doch auch nicht unbefangener reden, als mit Literatur-Agentinnen oder Festivalmachern. Oder wie die sich gerade auch immer nennen.

Wir könnten auch beobachten, wie wir, die Kinder dieser seltsamen, sozial aufgestiegenen (westdeutschen?) Schicht, den uns vorbereiteten Weg des relativen finanziellen Wohlstands nicht einschlagen. Wohlstand und Einsamkeit der Sozialarbeiter und Facharbeiterinnen, Berufsschullehrer und Verkaufsleiterinnen. Ein Wohlstand, der das damit einhergehende Sicherheitsversprechen niemals tatsächlich einlöste, stattdessen diese bemerkenswerten Mittelklasselebensformen, frei vom sog. bürgerlichen Stil, die wir bei unseren Eltern besuchen können. So kann ich von dem Glück sprechen, keine private oder künstlerische Agenda aus meiner sozialen Herkunft ableiten zu können. Ich fühle mich vor niemanden verantwortlich und weigere mich, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich einen Tag nur rumhänge und überlege, wie ich meinem Freund Leo schreibe, wie ich den Film finde, den wir gemacht haben. Und kein Interesse daran habe, irgendwelche Realitäten abzubilden, die Verhältnisse mitzuverwalten, indem ich sie als Darstellung interessant zu machen versuche. Es gibt keine Heimat, keine verbindliche Programmatik, wir sind alle in uns selber, allein oder mit den Freundinnen, aufgeteilt. Und wenn mein Bruder auch jetzt gerade in dem großen Stahlwerk, direkt am Rhein gelegen, steht und alles tut, damit dieser Stahl auch wirklich weltklasse bleibt, so tut er das allein und mit seinen Kollegen zusammen und ich bin froh, dass ich damit absolut nichts zu tun habe. Die Fremdheit und seltsame Negativität, dem gesamten Herkunftsumfeld gegenüber ist wohl der einzige Luxus, den wir haben können werden und vielleicht auch weswegen wir uns hier schreiben.

Aber klar, meine Anpassungsschwierigkeiten, als ich in einem Vier-Sterne-Hotel, einem Restaurant, oder einem (Stadt-)Theater mit anspruchsvollem Publikum, gearbeitet habe, als ich angefangen habe, mich mit Professorinnen oder Künstlerinnen zu unterhalten, verschweige ich. Darüber will ich gerade nicht mehr reflektieren, mich nicht benachteiligt fühlen, weil das tatsächlich nicht der Fall ist. Nicht, dass Du das gemacht hättest, aber ich will nicht an die sog. feinen Unterschiede denken, sie interessieren mich nicht, sondern annehmen, dass ich all diese bekloppten symbolischen Ordnungen und Gepflogenheiten spielen kann. Auch, weil ich immer schon eingeladen, gefördert und unterstützt wurde. Mit dem Theater oder der Universität bin ich trotzdem nicht identisch, wie sollte das auch gehen. Es gibt keine Tradition, der ich mich verpflichtet fühle, der Bauchkommunismus meiner Familie ist glücklicherweise mit dem Zusammenbruch der Institution KP völlig unmöglich geworden und diese Leere empfinde ich als tendenziell befreiend. Ich kann mir eine Krawatte anziehen, und, leider besitze ich keinen, guten Anzug anziehen und das auch performen, weil es eine Lustquelle ist, ein Eingriff in meine Person, oder wie soll ich das nennen, und fühle mich weniger fremd als bei einem Kreisliga-C-Fußballspiel. Das ist untrennbar mit dem Gang in die anderen Institutionen, hin zur sog. Bildung und Kunst, verbunden. Weil da ein Bedürfnis, oder Begehren, oder desire, in der materiell und ideell sich andeutenden Welt irgendwie zu wirken und sich stetig verändern zu wollen. Da kann ich dem von Dir zitierten Eribon nicht ganz folgen. Das Problem, sich aus einem Umfeld wegzuentwickeln, vielleicht auch nur halbbewusst, begann doch schon lange vor der Studienzeit. Ich habe das Theater und die Universität fast nie als asketischen Ort erlebt. Es war sicherlich ziemlich schwer, so oft die Fresse zu halten, und mir das anzuhören, was da vorgetragen wurde, aber diese Kackdisziplin musste ich erstens bereits in der sozialdemokratischen Gesamtschule aufbringen, und ich war dazu in der Lage, allein aus Mangel an Alternativen. Weil das Leben mir sowieso als relativ vereinzelnd und langweilig erscheint, war es doch die brutalste Erweiterung, einen Autor wie Roland Barthes zu lesen. Oder Judith Butler, Rainald Goetz, auch Adorno, Donna Haraway, alle die, die halt reinhauen. Die Autorinnen und Autoren der ersten Reihe, wie Du vielleicht sagen würdest.

Vielleicht, und es tut mir wirklich schrecklich leid, wenn Du das jetzt nicht lesen willst, aber ich möchte noch kurz über Dein Auftreten referieren. Ich sympathisiere ganz natürlich mit Dir, was offensichtlich ist. Unterschätze bitte nicht, die Ruhe und Eleganz, mit der Du in der Lage bist, dazusitzen, mit einem Lächeln im Nacken, so lernen es Tänzerinnen, zuzuhören. Und noch zu sprechen. Ich will Dir sicher nicht zu nahe treten, aber im Umgang mit Dir ist stark erfahrbar, wie sehr Du über interpersonelle Dynamiken reflektiert und bestimmte Umgangsformen kultiviert hast. Du lädst sprechend zum Mitdenken ein und signalisierst ruhig Anerkennung ohne Dich anzubiedern. Mich beeindruckt das ausschließlich immer und ich kann mir vorstellen, dass es, vermeintlich paradoxerweise, auch wieder einzuschüchtern in der Lage ist. Es soll gar keine Lenaprosa sein, aber die Veränderung andeuten, die schon längst in uns allen arbeiten und die wir, und das beginnt Dein Text abzumessen, eher zu selten beobachten. Ich hätte ja auch davon schreiben können, wie ich, darüber denke ich zu wenig nach, die Leute immer antexte, auf intensiv und wichtig und es ist Arbeit oder Nicht-Arbeit und trotzdem immer Flirt als gäbe es kein morgen.

Gerade bin ich nicht sehr zufrieden, mit dem, wie ich schreibe. Alles klingt, als wollte ich Dir widersprechen, das nervt mich. Vielleicht muss das jetzt sein, damit ich verstehen kann, wie ich Deinen Text weiterschreiben kann, da irgendwann mal vernünftig anbauen kann. Habe gerade in Archivaufnahmen von Radio Bremen gehört und was du geschrieben hast, spricht mich auch ganz eigen an, dass ich immer noch fast gerührt bin, weil ich nur sagen wollte „die Alltagsrealität bildete nicht alles ab, was mich interessierte.“

 

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