Ganz kurz vor cobraStruktur.cobra

Wanja schreibt und Jonas antwortet:

lieber jonas,

in der gruppe, die das kommende arbeitstreffen cobraStruktur.cobra vorbereitet, herrscht eine große freude über deine zusage, dabei zu sein. ehrlich gesagt, bin ich nicht ganz sicher, was sich die anderen unter deinen aufenthalt mit uns vorstellen. also möchte ich dich gerne fragen, woran sich dein interesse eigentlich entzündet hat und was das für dich bedeuten könnte, ein prozessbeobachter in unserem kontext zu sein. Im sinne von selbstdokumentation und erläuterung für die interessierten leute, die dann hoffentlich antanzen, labern, denken werden. hier nun die fragen:

ich habe dich kürzlich angeschrieben, ob du lust hättest, bei unserer veranstaltung als beobachter dabei zu sein. warum, vermutest du, habe ich das gemacht?

Jonas: Die Frage nach der Organisation von (eigener) Arbeit ist vor allem für Künstler relevant: Kunst ist schließlich nicht nur für lange Zeit nicht als Arbeit betrachtet worden, sondern absurderweise seit der Umformulierung des Spätkapitalismus als eine Form der kreativen Selbstorganisation bzw. kreativen Organisation des Selbst zum Modell für das postfordistische Subjekt geworden. Hierbei steht natürlich die Rolle der freien Kunst im Vordergrund, da sie sich ohne risikominimierende Institutionen projektbezogen ‚vermarkten’ muss. Als ein Netzwerk, Rhizom, oder Kollektiv ist ein Arbeitstreffen zum Thema Professionalisierung und Kritik demnach besonders relevant: Kollektive, so hat es Jan Deck auf einer Tagung in Düsseldorf vor Kurzem formuliert, sind vielleicht gerade deshalb interessante Alternativen zu Institutionen, da sie die eigene Arbeitsweise reflektieren. So sehe ich es auch, weshalb es mich nicht überrascht, dass ihr ein solch wichtiges Treffen organisiert und euch beobachten lassen wollt: Beobachtung ist eben immer relativ gegenüber der anderen Beobachtung Anderer.

warum hast du zugesagt?

Jonas: Als Sozialanthropologe begleite ich nun schon seit einigen Jahren Künstler und Theatermacher, v.a. solche, die in Bezug zu Institutionen oder in Institutionen arbeiten. Im Rahmen meiner Dissertation habe ich über 15 Monate hinweg die Arbeitsprozesse, Proben und institutionelle Praxis des Theaters an der Ruhr begleitet, wobei stets die Frage nach der Hierarchie, der Organisation und der Beobachtung von künstlerischer Arbeit zentral war. Während meiner Begleitung der Theatertrilogie RUHRORTER mit Flüchtlingen aus Mülheim und Oberhausen, an dessen drittem Teil Du, Wanja, ja auch arbeitest, fiel mir immer wieder ins Auge, welche Spannungen und Wechselverhältnisse zwischen kollektiver und institutioneller Arbeit entstehen und bestehen. Diese teilnehmende Beobachtung hatte auch etwas nostalgisches, da ich denke, dass sich künstlerische Institutionen im öffentlichen Bereich, die gerade in Deutschland als eine Art verlängerter Arm des Kulturstaates fungieren, in einem Wandlungsprozess befinden – sie werden nämlich mehr und mehr von einer sich formierenden freien Szene kritisiert, d.h., erstmal, analysiert und besprochen. Ich finde aber eben gerade die sich selbstbeobachtenden, selbstreflektierenden und selbstformierenden Strukturen der freien Szene interessant, v.a. diejenigen, die mit Anbindung an die Universität auch die Erfahrung des akademischen Zwangs zur projektbezogenen Selbstoptimierung und Selbstvermarktung gemacht haben, da ich diese Entwicklungen für sehr wichtige Parallelprozesse des gesellschaftlichen Wandels betrachte.

was erhoffst du dir von der zeit in hamburg? und was hast du vor, mit den dort gewonnenen eindrücken anzufangen?

Jonas: Ich freue mich erstmal euch kennenzulernen und das Klima der Diskussion, die Ziele, die ihr euch setzt, die Arbeitsweisen, die ihr für richtig und wichtig haltet, euer Vokabular und eure Sorgen zu hören. Ihr habt mit dem cobratheater.cobra Netzwerk eine sehr interessante und flexible, wenngleich auch sehr fragile Struktur erschaffen, das mit der (Selbst)-Kritik einen der wichtigsten Aspekte der Kunst und des Forschens ins Rampenlicht gerückt hat. In erster Linie möchte ich euch also zuhören, hoffe aber, dass wir es schaffen, einen längerfristigen Dialog aufzubauen, da ich die Arbeitsweise der freien Szene in Deutschland weiter in den Mittelpunkt meiner anthropologischen Forschung rücken möchte. Ich kann mir beispielsweise sehr gut vorstellen, dass wir einen wechselseitigen Austausch der Beobachtungen zwischen Kunst und Anthropologie beginnen; ich könnte zu bestimmten Zeiten Proben, Tagungen, Treffen beobachten, reflektieren und beschreiben und, vielleicht könnte man auch an einer Form der künstlerischen Beobachtung arbeiten. Was bedeutet beispielsweise der künstlerische Blick auf Wissensproduktion in der Akademie? Wie kann man Theater als eine Form der ethnographischen Forschung konzipieren? Das Werk der Kunst, also der Künstler als Arbeiter, als kreatives Subjekt, ist einer der zentralen Zeitgenossen unserer Gesellschaft und die Ethnographie, die teilnehmende Beobachtung, die angemessenste Art, diese Zeitgenossenschaft wahrzunehmen und zu beschreiben.


p.s. Tinius, Jonas. 2015 (i.Ersch.). ‘
Was für ein Theater! Überlegungen zum Spielraum zwischen ethnographischer Praxis und performativer Kunst’. Berliner Blätter. Ethnographische und Ethnologische Beiträge. 01/2015.

Dieser Beitrag wurde unter cobra veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.