die cobra spricht mit sich selbst.

Juliane: Worum es in dieser Diplomarbeit geht, sind Organisationsformen theatraler Arbeit im Freien Theater: das Netzwerk versus das Kollektiv. Du kannst ja mal erzählen, wie es dazu kam, dass sich cobratheater.cobra als Netzwerk gründete und mit welcher Motivation das passiert ist.

Martin: Ich erinnere noch, dass wir in Hildesheim studiert haben. Alle drei zusammen. Jule Hahn, Wanja van Suntum und ich. Und dass wir da vor hatten – wie alle größeren Studenten vor uns auch (lacht) – ein Projekt zu machen und dafür eine Theatergruppe zu gründen. Wir wollten uns ein Alleinstellungsmerkmal erarbeiten oder vielmehr waren wir, glaub ich, eher so abgetörnt von den Gruppen, die es bisher gab – mit ihren jeweiligen Festlegungen auf eine bestimmte Ästhetik. Also dass Name und Ästhetik deckungsgleich sind, dass das auch immer irgendwie gleichbleibt. Da war die Frage so ein bisschen, wie kann man das eigentlich anders machen? Wie kann man das strukturell so verankern, dass das von sich aus immer einem Wandel unterliegt, einer Verschiebun, die man auch nicht so kontrollieren kann.

Juliane: Wie ist das dann umgesetzt worden?

Martin: Also wir haben ja zu erst dieses Projekt „die Affenfrau“ gemacht – da waren noch ein paar andere dabei. Ich weiß gar nicht mehr, ob die Frage eher davor schon so sehr war oder ob sie danach… Also davor war auf jeden Fall die Frage, wie kann man das machen. Deswegen ja auch der Name cobratheater.cobra – die Wiederholung in ihrer Differenz, als Schlagwort dafür. Und ich glaube danach haben wir mehr überlegt, wie kann das dann aussehen: Jeder kann mitmachen, es muss eine Offenheit haben. Und dass es immer nur aus konkreten persönlichen Beziehungen herauswächst, um auch ein bisschen dieses … ähm… kapitalistische Prinzip der Erweiterung, des alles Auffressens abzuwenden, sozusagen. Es muss immer aus einer persönlichen Beziehung wachsen. Kann schon jeder mitmachen, aber es braucht einen Kontakt, den persönlichen Kontakt.

Juliane: Erinnerst du dich noch daran, wie dass das erste mal tatsächlich umgesetzt wurde? Wie das weitergetragen wurde?

Martin: Ich hab das Studium gewechselt. Hier nach Hamburg. Und dadurch gab es sozusagen schon den ersten Ableger, aus der Keimzelle Hildesheim (lacht). Und dadurch sind Parallelitäten entstanden, von dem was du und Wanja und Kristofer – weiß gar nicht ob der das so… Der hat glaub ich relativ früh dann vorschlag:hammer als seine Gruppe begriffen – aber es gab dann Parallelitäten in den Arbeiten in Hildesheim und hier in Hamburg und daraus hat sich das ja erweitert. Ich hab hier dann mit Schauspielstudenten und auch Leuten, die schon frei waren, also fertig mit dem Studium…denen das erklärt und so hat sich das ja auch immer weiter noch entwickelt. Und darüber ist dann auch etwas entstanden. Also Julia Riedler die Schauspielerin, die sehr empfänglich dafür war, trägt das jetzt ja auch immer noch krass weiter und forciert das und findet das ein gutes Prinzip. Oder Lucas Vögler auch. Leute, die nach und nach immer initiativer werden. D.h. dadurch ist das jetzt schon erst Mal aus dem Kontext Hildesheim rausgegangen und gleichzeitig macht ihr ja auch andere Sachen. Aber die erste Situation, an die ich mich erinnere, war die Premiere von dem Studienprojekt 1, von mir hier. Wo das so Realität wurde. Wo wir auch Leute getauft haben (Lachen)

Juliane: Erzähl mal.

Martin: Wir hatten ein Bühnenbild. Das waren so Lilien. Also unter anderem waren das halt Lilien… Und die waren übrig nach der Premiere oder nach der Derniere und dann saßen wir alle so zusammen. Das war eigentlich ein ganz tolles Projekt und gute Stimmung und so weiter und – da hab ich dann schon Imke, stimmt, die war da auch schon dabei, die Kostümbildnerin – die waren dann alle so zusammen und dann lagen diese Blumen noch rum. Und dann haben wir relativ spontan einfach noch ein Ritual daraus zu gemacht, dass man so dazu gehört. Damit man diese Verbindlichkeit auch erfährt. Und dann waren Wanja und ich – Wanja hat da Dramaturgie gemacht – waren da, standen dann so rum. Und da war so ein Kreis und dann haben wir die einzelnen Namen aufgerufen und die sollten dann vorkommen und da hat man von links und rechts eine mit der Blume so übergezogen bekommen. So dass dann diese Blüte so abfällt, auf dem Kopf zerschlägt. (Pause) Achso, wir haben die gefragt. Nimmst du, düdüdüdüdü, die cobra an? Und dann haben die „Ja“ gesagt. Vielleicht auch aus einem sozialen Druck heraus…

Beide lachen

Juliane: Aber ihr habt in dem Zeremoniell nicht noch mal erklärt, was die cobra ist?

Martin: Doch doch doch doch. Vorher hat man einmal gesagt, was die cobra ist. Also die cobra ist düdüdüdüdü, wenn du jetzt…

Juliane: /Was?

Martin: Also ist eine Gruppe. Was wir da gesagt haben? Gute Frage. (Pause, denkt nach) cobratheater.cobra ist eine Gruppe und wächst aus ihrem Zusammenhang selberheraus. Die wesentlichen Sachen sind noch: „Die cobra distanziert sich von sich selbst“. Was auch die Verbindlichkeit schafft, zwischen den Sachen, dass man sich immer der Kritik eines externen cobramitglieds, was nicht an der jeweiligen Produktion beteiligt ist aussetzt. Es vorher einlädt, bevor die Premiere ist. Und das haben wir schon erklärt, dass das dazu gehört. Das jeder jetzt selber unter dem Label oder mit dem Namen ein Projekt initiieren kann. Ich glaube, wir haben eher nicht erklärt was die cobra ist, sondern was man jetzt machen kann, damit.  Also das man selber Projekte beantragen… eher hervorrufen kann. Das man gleichzeitig die Konzepte – was leider noch nicht so viel vorkommt – in die entstehende Community streuen kann und da einen Pool an Leuten hat, die vielleicht reagieren und sagen: „Oh Toll!“ Oder: „Oh scheiße!“ Oder: „Denk mal darüber nach!“ Oder: „Ah. Ich hätt voll Bock mitzumachen.“ Und gleichzeitig auch eben einfach Leute findet, die man vielleicht nicht finden würde. Wie jetzt z.B. Leute aus Hildesheim, eine Opernsängerin aus Hamburg finden könnten. Theoretisch.

Juliane: Kannst du nochmal erklären, worin der Unterschied besteht, zwischen der Arbeit in einem Kollektiv und der Arbeit in diesem Netzwerk, bzw. wo es auch eventuell Überschneidungen gibt?

Martin: Erst mal: Netzwerk ist ja viel weiter gefasst, also die Grenze das Territorium ist sozusagen noch nicht erschlossen. Es ist immer wieder ein neues Feld und man muss sich das immer wieder neu aufteilen. Während das kollektive Arbeiten… –  Also darin gibt es auch Varianten, wie man Kollektiv arbeitet, wie man zu diesen Entscheidungsprozessen kommt. Oder? Aber: das Kollektiv ist ja wahrscheinlich immer eine gewisse Zuordnung, oder eine gewisse… was heißt Kollektiv? Das ist natürlich auch ein Begriff, aber das Territorium ist kleiner als eins zu dem man Netzwerk sagt, weil … Die Aufteilung kann ja auch relativ klassisch sein, oder kann sich immer verschieben und bei dem merkt man „Ah da mach ich das“, „Da wär es eher so…“. Da mischt sich das vielleicht. Oder das Potenzial ist größer, dass es sich mischen kann. Wie die Aufteilung, die Zuschreibung und die Funktionen jeweils sind, der Leute… also Kathrin eine Schauspielerin, die jetzt film studiert, die film macht, die bei dem einen Projekt spielt und im nächsten Projekt  selber inszeniert, dann vielleicht dramaturgisch beratend dabei ist. Oder: Wie jetzt, wie wir das mit dem Rialto wollen, das jeder eigentlich ein Segment dieser Arbeit bekommt und darin komplett eigenständig arbeitet und es gibt halt irgendwie so eine Supervision oder so, jemand guckt sozusagen drüber, wo sind die Fäden, wo kann das so zusammenlaufen…Und das ist ja auch… weiß nicht ob das kollektiv ist.

Juliane: Wir oder du hattest ja schon eine konkrete Vorstellung davon, was Kollektivarbeiten ist, in dem Moment, in dem man gesagt hat, wir möchten uns davon abgrenzen und eben nicht diese eindeutige Ästhetik haben. Dahingehend gibt es ja schon einen Unterschied. Einerseits natürlich mit den Aufgaben, hier kann man immer wieder wechseln, und auch bewusst Schwerpunkte setzen…

Martin: Ja, aber ich glaube im Kollektiven braucht man irgend so eine… Es gibt einen gemeinsamen Nenner. Den muss es beim Netzwerk nicht geben. Ich will gar nicht werten, ob das politischer ist oder nicht, aber es muss noch mehr verhandelt werden, immer. Und jeder kann trotzdem seinen eigenen Begriff von der cobra halten. Und wird nicht aufgefordert, den jetzt in bestimmten kollektiven Zusammenhängen aufzugeben. Man muss kein Kompromiss damit machen, wenn man das nicht will, man kann es auch nur kurz machen, man kann es wieder aufgeben. Ich glaube das so die eigene Ethik quasi mehr verlangt wird. Also man kann nichts delegieren, weil es nichts gibt, an was man es abgeben kann. Man kann ja nicht sagen: „Ah, die Gruppe macht das für mich.“, oder so. Weil man muss es selber machen. Die Synergien oder die Synapsen sind besser geschmiert. Das man so mehr Verbindungen hat und man kann in verschiedene… Man dreht sich um und da ist da wieder jemand und da kann man mit Benni z.B. ein Projekt machen. Heute z.B. haben wir das gemerkt, bei dieser Einladung für das Outnow! Festival. Ich frag so Benny: „Ey, hast du einen Trailer von deinem Ding? Von Dido und Aenaes?“ Und er so: „Hä? Nee, ich hab nie was hochgeladen.“ Und ich guck auf die cobraseite und dann ist da ein Trailer und dann hat er nur so noch kommentiert: „Ja, die cobra beginnt zu funktionieren.“ Also, dass ich vor ihm wusste, wo sein Trailer ist, den er irgendwann mal selber hochgeladen hat. Aber das ist jetzt total beknackt… Das Netz ist halt ein Netz… Es ist immer ein offenes Netz. Also das man immer irgendwo andocken kann. Oder ich wurde letztens angesprochen von der Chefin von der Theaterhochschule Hamburg, dass sie in einem Programmheft irgendwas mit cobra gelesen hätte, ob das denn auch dazu gehören würde. Und da hab ich sie gefragt, wie sie darauf kommen könnte, das es nicht dazu gehört… cobradüdüdü.cobra mmmmh? Aber, das sind ja auch so Sachen, wo man dann plötzlich merkt: „Damit habe ich nichts zu tun, eigentlich.“ Aber ich werde darauf angesprochen. Also, steh ich dann also doch irgendwie dafür. Aber es ist halt null meins… Aber es ist halt irgendwie dann auch meins. Also: Das ist halt komisch. Das Kollektiv ist immer überschaubar glaub ich.  Und das ist so eine Wucherung, das kann man nicht mehr überblicken irgendwann…

Juliane: Kannst du mal beschreiben, welche Rolle das Netzwerk spielt, während man konkret an einer Produktion arbeitet? Vorher, mittendrin oder/und nachher?

Martin: Z.B. bei dem Sturm, bei der letzten Produktion. Ich hab bei Bennies Projekt – der Musiktheaterregie macht, Oper gemacht hat – Dramaturgie gemacht. Das wäre auch entstanden wenn es die cobra nicht geben würde, weil ich mich mit ihm sehr gut verstehe und trotzdem: Im Nachhinein kann ich für das Projekt, was ich dann gemacht hab – mein Abschlussprojekt, der Sturm – eine Sängerin von da fragen, mit einer größeren Verbindlichkeit einfach. Also irgendwie mit dem Moment, dass man einander assoziiert ist. Also das heißt, es fallen Barrieren weg – wie man jemanden überzeugen muss oder ansprechen muss, ob er mitmacht. Man hat einen größeren Fundus sozusagen: einen kollektiven Fundus an Leuten, Ideen, Konzepten, Vorschlägen, Meinungen. Das ist irgendwie enger, doch irgendwie enger, irgendwie verbindlicher, als wenn es das nicht gäbe. Und es sind natürlich auch Leute, die man einlädt, sich einander zugucken und einander immer rück zu melden. Also vor allem das ist, glaube ich, gut, dass jetzt bei diesen Premieren, die wir haben, man dann immer hinkommt. Und irgendwie sind dann schon zwei bis drei Leute da, die man vielleicht auch noch nicht kennt, im besten Falle. Irgendwann kennt man sich natürlich. Und dann trotzdem darüber ins Gespräch kommt, und das irgendwie über dieses „Was ist da los? Wie geht das? Und was macht ihr da? Was machen wir?“ tatsächlich ein Diskurs stattfindet.

Juliane: Allein weil man den gleichen Namen trägt?

Martin: Ja, weil es diese Barriere nicht gibt: „Spricht man jetzt darüber miteinander?“; sondern es gibt mit dem Namen, den man jeweils trägt, einen gemeinsamen Hintergrund, der aber total verschieden ist, voneinander. Aber… äh… Es gibt eine Idee davon.

Juliane: Wie würdest du die bezeichnen? Kannst du das für dich beatworten?

Martin: Mir fällt das jetzt auch erst ein, wen man darüber spricht. Oder es fällt mir mehr auf, das es so ist. Dass ich schon finde, dass es sozusagen, wie auf eine Art ein geschlossener Diskurs ist … ähm… Etwas wo jeder andocken kann – wie eine eigene Kultur, also eine Subkultur oder so. Das ist jetzt eher komisch, was ich jetzt sage. Nur um plastisch mal so ein Beispiel zu machen. Nationalitäten haben ja, wenn man im Ausland ist, schneller eine Verbindlichkeit. Dadurch dass man sich irgendwie in komischen Kreisen bewegt, wo man permanent glaubt, das man im Ausland ist, wo man nicht versteht, was die anderen meinen.. Also hat man so das Gefühl „Ahh cobra“ und da weiß man „Aha…“ Da überspringt man diesen Fremdheitsmoment, ohne sich zu verbrüdern. Ohne jetzt tatsächlich eine Nation zu sein, die geschlossen, gegen die anderen kämpft oder so was, sondern es gibt  den Moment von… man entdeckt dann was zum besprechen. Der Affekt des Kennenlernens ist einfacher, das ist so die Klammer, glaube ich. Das man über Sachen auch spricht, die sonst im Verborgenen bleiben, weil man dahin auch aus Zeitgründen nicht kommt, weil man sich nur kurz sieht. Man kann sich offener sagen, was Phase ist, glaube ich. Oder das würde ich mir wünschen, dass das stattfindet. Das man schneller sagen kann: „Da an der Stelle fand ich das so und so, da fand ich das so.“ Ohne, dass man jetzt denkt: „Oh, das nehme ich ihm krass krumm.“ Sondern einfach nur… diese Kultur, die ich meine. Das man auf jeden Fall darüber sprechen muss, dass das relevant ist, was man macht.

Juliane: Also ist die Klammer, diese Diskursivität? Dass sobald man jemanden trifft, der diesen Namen auch trägt, das man weiß, man kann darüber sprechen. Mindestens was diese Klammer für einen bedeutet, wenn nicht sogar…

Martin: Und eine komische Vertrautheit. Das ist ganz merkwürdig. Weil z.B.  bei euch, bei Ma Ma Hu Hu, wie heißt sie, die Blonde?

Juliane: Marja.

Martin: Marja – mit der z.B. hab ich nie irgendwas zu tun gehabt. Aber ich war bei euch auf der Premiere und das war sofort: „Ah, du gehörst auch zur cobra…Achja, blablablabla“ Man fängt an zu reden über diesen Abend, den man gesehen oder über was anderes auch. Oder Mehmet…. Ach nee, da ist es ein bisschen anders, weil der beim TDJ…

Juliane: / TDT

Martin: TDT – TDJ – (lacht) beim TDT gespielt hat und da mit Wanja in Kontakt war. Deswegen war das ein bisschen anders. Oder Dennis Kopp z.B. Na gut, den kenn ich vom Studium so halb… Aber trotzdem ist das so: „Ah, der gehört irgendwie auch dazu.“ Und dann spricht man mit dem. Oder – wie heißt der? Ähm… Peer. Der z.B. mit dem würde ich so nicht sprechen. Und dann aber, das war so kurz nach dem cobrafestival, da haben wir uns im Thalia auf irgend so einer komischen, bescheuerten Premierenparty getroffen und dann haben wir super lange darüber gesprochen – über cobra, was das sein kann, wie das geht, was seine Projekte sind. Und plötzlich ist er auch irgendwie drin und mit dazu assoziiert und irgendwie… Man hat total lang darüber gesprochen, auf dieser Party.

Juliane: Also, meinst du gerade dadurch, weil es eben verhandlungsfähig ist. Also einerseits hast du ja vorhin gesagt, es ist verbindlich ist, aber es gibt auch diese Offenheit – jeder kann es begreifen wie er will – das genau da, der Gesprächsbedarf die ganze Zeit entsteht? Also genau in diesem: Wie verstehst du es eigentlich?

Martin: Ja. Voll. Weil es halt auch keiner weiß. Man kann es an nichts delegieren, man hat keinen Stellvertreter. Oder sich auf jemanden berufen. Und trotzdem gibt es, das ist halt dieser – Psychologie… Man sagt: „cobra!“ und hat ein gewisses Feld, was sich vor einem öffnet, wo man so denkt: „Ja, das weiß ich irgendwie…“ Und dann geht man drauf und merkt: „Krass, das kenn ich überhaupt nicht. Und das war beim letzten Projekt was komplett anderes.“ Das macht es auch schwer. Das ist auch, vor allem in Phasen wie jetzt, wo man so vor dem, direkt nach dem Studium ist – direkt vor irgendwas anderem, was man auch noch nicht weiß – dann ist da diese doppelte Resonanz, die dann da entsteht. Die ist schwer auszuhalten. Also das man dann nichts hat: „Ah, ich bin ja bei der cobra, das bringt mir schon was.“ Das ist auch nichts, worauf man sich ausruhen kann. Aber trotzdem ist es halt.. (Pause) Bescheuerte Glaubensfrage.

Juliane: Es ist eine Glaubensfrage?

Martin: Ja, das hat Alex gesagt. Der ist auch Schauspieler. Ich hab gestern ganz lange mit ihm gesprochen. Er studiert jetzt auch Film und hält sehr viel von dieser Sache. Obwohl er halt Gruppen gegenüber total abgeneigt ist, eigentlich. Er sagt so, das hat so krass viel Potenzial, was er so sieht und er glaubt da irgendwie dran. Er hat das irgendwie so im Gefühl.

Juliane: Und was ist das?

Martin: Das bleibt in diesem Dunst… Hinter dem Weihrauch zurück. Hat auch was katholisches. (lacht) Geil. Im Prinzip schon. Katholisch heißt doch so „Alle betreffend“ oder so.

Juliane: Keine Ahnung.

Martin: Welt umspannend. Ich glaub „Alle betreffend“ heißt das, glaub ich. Und im Prinzip betrifft das ja auch alle.

Juliane: Aber jeden einzeln.

Martin: Genau.

Juliane: Kollektiv ist ja wahrscheinlich eher, das man sich in einer kleineren Gruppe auf was relativ konkretes einigt und hier einigt man sich nur darauf, dass man sich erst mal auf nichts einigen kann.

Martin: Auf so einen Spirit.

Juliane: Und dieser Spirit? Was ist das? Labern?

Martin: Naja, es ist Handeln. Es ist nicht labern. Also man muss auch was machen.

Juliane: Um was zu erreichen?

Martin: Um den Begriff weiter auszuloten, von dem … Es ist eigentlich eine Aufforderung.  Eigentlich ist das sozusagen eine Aufforderung, dass man in diese Suche tatsächlich eintritt – was es denn ist. Also, was ist diese Ästhetik? Was ist das, was man so interessant findet – am Leben und am Theater, oder am Film oder an der Oper oder wo auch immer. So dieses Hervorbringen von etwas. Das ist glaube ich, was man sowieso immer hat. Wo es auch wirklich nur erst mal um diesen Modus des Hervorbringens geht. Das man sonst für Theater Arbeit macht, da geht es bei der cobra ja noch nicht konkret um diese Theaterarbeit, sondern es geht ja nur erst mal um den Modus des Hervorbringens. Also es geht noch nicht um die Konkretion: „Ahh, wir machen jetzt She She Pop“ Oder: „Wir machen jetzt wieder: Costa Compagnie“, oder irgendeinen Stoff haben und den mit irgendeinem aktuellen Stoff verschneiden oder „Wir machen wieder diese Methode“ oder „Wir machen wieder eine Romanadaption“ oder was auch immer. Das kann man nicht sagen, weil das bleibt so im Dunste. Oder in irgendeinem anderen Feld, was mir verschlossen bleibt. Was ich nur rausfinde, wenn ich auch wirklich handle. Da ist ja nicht vorher schon eine selbstverständliche Verabredung, sondern diese Selbstverständlichkeit, die muss ich mir immer wieder erarbeiten. Oder die muss ich erst Mal in dem ich mich auf diesen Modus des Hervorbringens einlasse, ja, dadurch, dass das so ist, bin ich vor diesen Verabredungen, die die Gruppen und Kollektive sonst haben, glaube ich – oder, die ich denen unterstellen würde. Deren Praxis halt ist, dass sie immer wieder was fertigen, was schon fertig ist

Juliane: Aber konkret deine Arbeit, inwieweit würde die sich… Es gibt das Kollektiv Turbopascal und die sind diese vier oder fünf Leute, die manchmal mit anderen Leuten arbeiten. Inwieweit unterscheidet sich da deine Arbeit, also rein organisatorisch? Oder inwieweit ist das dann wiederum zutreffend? Also warum ist es trotzdem anders, obwohl es eventuell organisatorisch sehr viele Ähnlichkeiten aufweist?

Martin: Weil es immer noch ein Bewusstsein… Weil ich finde immer noch was außerhalb von mir. Was trotzdem dazu gehört. Also, wenn die vier bis fünf Leute das machen, dann machen die das halt zusammen. Oder vielleicht machen es auch nur mal drei und der andere muss was anderes machen. Oder so. Aber, ich weiß darum, dass ich nur ein krass kleiner Teil bin.

Juliane: Und deswegen ist es auch spiritueller, weil man was für die Sache macht?

Martin: Ja. (beide lachen) Ja, so kleiner, minoritärer. Man ist  immer schon von andern umgeben, sozusagen, unterdrückt.Das was ich gerade meinte mit dem Modus des Hervorbringens: Bei Agamben gibt es das in dem „Mensch ohne Inhalt“. Da spricht er von der Trennung von poeisis und praxis. Und das ist ja was, das die Moderne, seit Marx spätestens aufgegeben hat und bla. Und das glaube ich, ist mit der Cobra sozusagen da. Das ist da näher dran, wieder genau diese Trennung, also das wieder zu zerteilen. Diese poeisis zuzulassen, mal wieder. Wirklich als PRO-Duktion. „Pro – Gedankenstrich – Duktion“ schreibt er immer. Also um da einen Unterschied zu machen in Produzierend – Gewerbe – und Pro-duktion, also etwas hervorbringen.  Ähm, aus dem Erheben oder so was sagt der immer… Aus diesem irgendwie unbestimmten Feld etwas sichtbar machen, oder in eine Anwesenheit bringen, das ist es glaube ich. In der cobra gibt es glaube ich immer was, was versteckt ist, was immer auch bleibt versteckt bleibt, erst mal. Und nur dadurch versucht man, und daran versucht man immer. Weil es so eine Aufforderung ist, etwas hervorzubringen, also rein strukturell. Das wird sich ja zeigen ob das funktioniert oder nicht. Aber das ist glaub ich der Unterschied zu so einem Kollektiv. Weil da sind immer alle mit allen schon da – es gibt diesen unaufgelösten Rest nicht. Den gibt es sicher auch, auf einer anderen Ebene, auf einer anderen Verbindlichkeit. Weil die sich ja nicht alleine bewegen, also es bewegt sich ja niemand alleine. Aber da ist glaub ich der Fokus mehr darauf. Eine Struktur in der Struktur – die Mausefalle bei Hamlet.  Das Theater im Theater.

Juliane: Ok. Kommen wir mal konkreter zu dir und dem wie du das so machst. Gibt es Sachen, wo du denkst, dass dich das einschränkt, dass du Teil dieses Netzwerks bist? Wo siehst du Grenzen in der eigenen Arbeit?

Martin: Ja, klar. Also es ist ja krass die Frage für mich – wenn ich jetzt Regie studiert habe – ob ich nicht auch als Regisseur arbeite. Weil die Konvention oder die Praxis ist erst Mal, dass Leute am Theater alleine arbeiten, am Stadttheater. Also, dass die Regisseure oder Regisseurinnen für sich stehend sind. Und das würde ich sagen, ich muss da irgendeinen komischen Kompromiss mit mir finden. Und weil ich ja eben doch eher denk: „Ah krass, cobratheater.cobra will ich erst mal forcieren. Wie kann man das weiter entwickeln? Wo geht das hin?“ Und gleichzeitig: „Dafür werde ich nicht gefragt.“ – Ich werde sowieso nicht gefragt. Doch zweimal wurde ich jetzt schon gefragt. Ich hab mir aber auch sagen lassen: dass es ganz normal ist. (schnauft aus) Und da ist es so: In Bonn z.B. beim Theater Marabu, einem freien Kinder- und Jugendtheater, da z.B. habe ich krass Wert darauf gelegt , dass da cobratheater.cobra steht. Das steht da jetzt auch. Also: „in cobration“ sogar, glaube ich. Wenn ich das jetzt in Braunschweig mache, dann 2014 irgendwann, dann weiß ich nicht, ob ich da sagen kann… Oder wie ich damit umgehe. Das weiß ich überhaupt nicht. Also ob dann da einfach cobratheater.cobra steht, was irgendwie dann komischer Weise in eine Ecke rutschen würde, wo ich jetzt sozusagen, ein Tabu hätte, das cobratheater.cobra damit in Verbindung gebracht wird. Also mit einem Stadttheater, als Spielplan- oder Repertoirestück. Wo ist dann die Grenze? Gerade momentan, ist die Überlegung oder die Frage daran: „Ist es das auch? Gibt es ein Tabu? Gibt es was, womit die cobra auf jeden Fall nicht in Verbindung gebracht werden darf?“ Einfach aus Gründen der Wahrnehmung dieses Gebildes. Oder ist sie auch das und dann ist es die Frage: Was unterscheidet sie von einer konventionellen Agentur? So wie schaeffesphillipen, wo alle unter Vertrag sind und die dann alle für die diese Konzepte schreiben und diese Vitamin B Sachen machen und sagen: „Hier, wir haben da noch einen Regisseur, der ist vielleicht irgendwas für euch, weil der ist so ein bisschen verrückt, ja. Der darf ja mal bei euch arbeiten.“ Oder: „Wäre das nicht was spannendes für euch? Weil ihr ja eh so…“ Müsste das dann cobratheater.cobra auch machen? Als Künstlerlabel auftreten und sagen: „Jetzt gibt es hier zwei, drei Leute die dann immer rumfahren oder das machen die Künstler, wenn die selber irgendwo arbeiten, also die Schauspieler die dann an den Häusern schon sind… Äh auf jeden fall, wären die dann immer aufgefordert zu sagen: „Wir haben da noch einen Regisseur, der auch interessant ist“ – Ich sag immer der Regisseur, meine aber überhaupt Leute, die irgendwas machen. Komische Frage, weil das noch unentschieden ist. Dann ist es wie, ich finde fast nicht eine Einschränkung, es ist eher so dann eine Entscheidungsfrage, die man dann da noch treffen muss.

Juliane: Und die musst du alleine fällen?

Martin: Die könnte ich auch alleine fällen,

Juliane: / Genau

Martin: Ich hab ich das Gefühl, die könnte ich natürlich auch für mich alleine fällen. Wenn ich so sage: „Ja, gar kein Problem, ich mach das nicht.“ Oder: „Ich mach jetzt auch allein – als Martin Grünheit inszeniere ich.“ Ähm, nur hab ich an dieser Identität nicht weiter rumgebaut. Ich finde das irgendwie nicht gut.

Juliane: An deiner Identität weiterzubauen?

Martin: Doch. Natürlich. Da bau ich ja immer, jeden Tag. Aber jetzt nicht so mit einem Gesicht… Das ist auch immer das was vorgeworfen wird, dass cobratheater.cobra ein Gesicht braucht. Mit dem man das assoziieren kann. Ich hätte gesagt: Ich brauche kein Gesicht. Mir geht es krass auf den Sack, wenn ich die ganze Zeit nur Gesichter sehe, wo ich so denke: „Ach das ist ja der, das ist ja der, das ist ja der…“ Das ist für mich halt nicht cool. Das wäre auch glaube ich doof. Weil das einfach so viel von so einem Mythos lebt. Also es ist halt nicht der Faschismus, wo irgendwie Adolf Hitler vorne steht oder wer auch immer… Oder Angela Merkel. Wo alle dann sagen: „Oh. Ja jajaja!“ Es ist halt keine Partei. Sondern es ist eher so ein Kreuz.

Juliane: Eine Religion?

Martin: Eine Schlange? Und da steht halt keiner vorne dran.

Juliane: Was du vorhin alles gesagt hast: mit Taufe, Katholizismus… Das heißt es ist eine Religion oder eine Sekte?

Martin: Ich weiß jetzt nicht, wie man Sekte definiert. Aber Sekte würde ich jetzt auch nicht sagen, weil dafür sehen wir uns zu selten. Dafür gibt es zu wenig Rituale, die den Alltag bestimmten. Es gibt was spirituelles dabei.

Juliane: Aber ist es tatsächlich spirituell oder hat es nicht tatsächlich eine Verortung in der Welt? Was ist denn das Spirituelle?

Martin: Man kann es ja nicht auflösen. Man kann es halt nicht sagen. Man kann so viel drüber sprechen. Und das ist ja auch das Schöne. Und man kann sich ja auch annähern und man kann da immer mehr an sich selber verstehen, als an der Sache. Ich stell mir das so vor – ich geh nicht in die Kirche – aber ich stell mir das so vor, dass man so dahingeht, eigentlich jeden Tag, und dann immer mit sich… Natürlich auch über Gesellschaft nachdenkt, aber vor allem über sein eigenes Leben und wie man das so Zeit hat, noch mal darüber nachzudenken. Wie das jetzt so war und hat man jetzt gesündigt oder nicht oder ist das jetzt Sünde oder nicht oder was auch immer.

Juliane: Diese Frage ist jetzt sehr suggestiv, aber: das ist doch eine gesellschaftliche Kritik und keine Gesellschaftskritik, die aus einer spirituellen Religiosität gespeist ist. Zu sagen: „Ich will nicht eine eindeutige Ästhetik, die mit einem Gesicht verbunden ist…“ Die Gegenbeispiele, die du vorhin mit dem Faschismus gebracht hast, sind ja realpolitische. Warum…

Martin: Aber darin gibt es trotzdem auch immer eine Faszination oder ein unbewusstes oder ein etwas, was nicht sprachlich ist. Das meine ich dann vielleicht auch mit spirituell. Etwas was nicht sprachlich ist. Was ist das dann, was sind Sachen die nicht sprachlich sind. Das sind ja Zwischenmenschlichkeiten oder was auch immer. Also das kann man vielleicht auch so nennen. Ich meine das ja auch nicht im buchstäblichen Sinne, sondern eher als einen Versuch auf dieses Nichtwissende – das vielleicht dann doch eher mit Unbewusstem zutun hat – vielleicht dann doch eher auf dieses Nichtwissende zu vertrauen. Dass das ok ist. Und dass das irgendwie immer mal wieder hochkommt oder halt auch nicht. Aber das es sozusagen…

Martins Tochter Luzia schreit im Hintergrund: PAPA! PAPA!

Martin: … eigentlich etwas gibt, was einen immer wieder so… Können wir Pause machen?

Nach einer kurzen Pause und einem Gespräch mit Luzia geht es in Ruhe weiter.

Martin: Also, was ist das spirituelle?

Juliane: Ich verstehe schon, dass… Sonst ist es ja: Der Regisseur macht es für sich, aus seinem Geiste. In einem Kollektiv ist es: Ich mach es in der Idee des Kollektivs. Und in diesem Netzwerk ist es halt: Nicht du als Regisseur, nicht die geschlossene eine Produktionsgruppe für sich, sondern immer für dieses noch größere. In dem Sinne ist es unverortet oder schon metamäßig. Aber es gibt ja trotzdem immer diese Stimme von außen durch die Institutionalisierung der cobrakritik. Die macht ja dann klar, es gibt einen Gegenpart, und macht auch klar, wer dieser ist. Und ist es nicht eher dieses Moment, in dem Außen und Innen aufeinander treffen, als diese (singt hoch und lässt die Hände zusammenklatschen)

Martin: Es ist definitiv nicht das alltagsstrukturierende Irgendwas. Es strukturiert halt nichts. Eigentlich. Das ist ja das Problem. Aber: Es ist eher so ein diskursives Meta-Teil. Das hat aber auch eine spirituelle Kraft, will ich ja nur sagen. Also, das hat auch eine… Das ideologische daran ist, dass es Leute überzeugen kann. Diese Kraft hat es ja schon. Es machen ja jetzt auch viele mit. Also es hängt natürlich auch ganz stark an dem was im Kern mal Jule, Wanja und ich erzeugt haben bei den Leuten, die das dann irgendwie für sich übersetzen und irgendwie anders weiter tragen. Was das Stille-Post-Prinzip ist, so….

Juliane: …missionarisch?

Martin: Missionarisch auf eine Art. Oder auch Weiterbildung, kannst du auch sagen. So Weiterbildungsangebot. Wir müssen ja nicht da bleiben, wo wir sind, sondern das kann ja auch noch, wenn wir das und das aufgeben, jene Selbstverständlichkeit lassen, dann kann es ja auch noch woanders hinkommen.

Juliane: Ja. Nochmal, mehr zusammenfassend: Es gibt dieses Paradoxon, finde ich, von Verbindlichkeit und, wie du es beschrieben hast, vom selbstbestimmten Handeln: Ich muss selbst aktiv werden, d.h. ja eigentlich, ich muss selbstbestimmt handeln und damit hat es irgendwas mit Freiheit oder mit Autonomie zu tun. Kannst du diesen Zusammenhang beschreiben?

Martin: Ja, also es hat natürlich was mit Freiheit zu tun. Es hat aber auch was damit zu tun, total unwirtschaftlich zu sein. Wo Agamben über Aristoteles spricht, dass die Griechen damals die Trennung gemacht… Praxis: Also das was Arbeit ist, was man machen muss, ist immer mit dem Existenziellen, Biologischen verknüpft. Was der Mensch als Lebewesen, als Tier, beschaffen muss, damit er weiterleben kann, weiter existieren kann. Und poeisis: das was Kunst ist… Diese Praxis mussten dann meistens die Sklaven machen, ja. Das wurde dann irgendwie auch als wichtig gesehen. Aber da hab ich jetzt auch keine Ahnung. Mir macht nur dieser Gedanke Sinn, dass es etwas gibt, was Praxis ist, was existenziell ist, ja? Was für uns ja, im Endeffekt auch krass wirtschaftliche Zwänge und so weiter sind, krass existenziell ist. Und dann gibt es die poeisis, die die Leute, die hat dann eine andere Richtung und Relevanz. Wo es erst Mal um einen Modus der Hervorbringung geht, der einen an etwas wie Wahrheit bringt, so beschreibt das dann Aristoteles. An einen Raum, der Wahrheit offenbaren kann über das eigene Handeln oder so. Über den Menschen selbst. Und das hat ja im Prinzip nichts mit irgendwas wie wirtschaften oder erwirtschaften zu tun, mit etwas Existenziellem, sondern das ist so ein Denken – Gnosis, oder wie das dann auf Griechisch heißt. Das ist dann auch dieses Tun, das kommt nicht von dem Tun als Handeln, agere – sozusagen, sondern das kommt von dem Denken. Es ist halt nichts materielles, nichts was man so… Dafür kriegen wir halt nichts.

Juliane: Vielleicht es dann eine Überlegung, die wir noch nicht zusammen gemacht haben, dass man sagt: „Klar, im Unikontext hat das funktioniert, weil es eben nicht mit tatsächlichen existenziellen Nöten zu tun. Und jetzt muss Martin Grünheit halt ans Stadttheater gehen um da Geld zu verdienen und cobratheater.cobra ist…“– Also das man auch tatsächlich bewusst setzten würde: Damit kann ich kein Geld verdienen, deswegen muss ich…

Martin: Eher ein Studium… Simmt ja. Das hab ich noch nicht so überlegt. Ja, stimmt. Also, cobratheater.cobra als Hochschule eigentlich. Als Ausbildungsstätte.

Juliane: Ja, aber ohne Ort.

Martin: Eher so, als die „innere Cobra in dir“, die dich auffordert. Nicht der Schweinehund, sondern die Cobra. Die Schweinecobra.

Beide lachen.

Martin: Ja, ja, klar, stimmt. Gut, dann lassen wir das jetzt so.

Beide lachen.

Martin: Aber gleichzeitig gibt es ja dann trotzdem das Potenzial Praxis zu sein. Oder das was übrig bleibt ist die Anstrengung eines Labels. Das man sich jetzt im Studium kennengelernt hat, ein paar Leute kennengelernt hat und dann jetzt einen neuen Begriff davon findet: cobratwurst.cobra favorisiere ich, als Thüringer, als neues Wort – cobratwurst. Nichts anderes als eine Bratwurst. Ich will eine Initiative starten: Cobratheater.cobra ist wie… Punkt Punkt Punkt.

Juliane: Das ist richtig ecklig.

Martin: Was ich nämlich echt glaube, cobratheater.cobra funktioniert deshalb noch nicht, weil wir eben diese existenziellen Zwänge noch haben, wenn wir das irgendwie überwunden haben oder vielleicht auch nie überwinden werden, dann kann es irgendwann mal funktionieren. Oder wenn halt das bedingungslose Grundeinkommen kommt. cobratheater.cobra ist wie das bedingungslose Grundeinkommen. Dann kann es sich jeder leisten, das ist genau das was sozusagen, früher in Griechenland Thema war. Das die Armen und Schwachen, was ja nicht mehr in Europa der Fall ist… Gut, Griechenland jetzt wieder… Oder Afrika oder China vielleicht. Weiß nicht wo das ist, überall da wo Leute unterdrückt werden, die hart arbeiten müssen, für ganz beschissen wenig Geld, auf deren Kosten können, wir das jetzt wieder machen.

Juliane: Wenn wir dann alle bedingungslose Grundeinkommen haben?

Martin: Ja, also wir müssen ja dann hier nicht mehr arbeiten.

Juliane: Also sind wir dann hier in der griechischen Polis im Sinne einer globalisierter Polis?

Martin: Ja, wir haben dann wieder Zeit hier poesis zu machen.

Juliane: Das ist doch aber Furchtbar.

Martin: Ja, in einem sozialdemokratischen Sinne schon, ja. Jetzt ist halt die Frage, die wollen das nicht. Die wollen ja immer noch… Also ich weiß nicht, was daran so schlimm ist, wenn halt alle die Chance hätten in dieses poeisis, Politische einzutreten.

Juliane: Aber das ginge ja nicht, oder? Wie ginge das wenn nicht alle…

Martin: Auf wessen Kosten sozusagen? Anscheinend, ich hab das noch nie durchgerechnet, aber anscheinen gibt es ja genug Geld für alle und genug Ressourcen für alle und es ist halt nur schlecht verteilt. Das wäre ja beim bedingungslosen Grundeinkommen schon was anderes. Das können sich, glaube ich, relativ viele Gesellschaften leisten eigentlich. Es müssten halt nur sehr viel mehr Herrschaftssachen, beherrschende Sachen, aufgegeben werden. Das ist genau das: Man kann die cobra eben auch nicht beherrschen. Das ist ja das geile daran.

Juliane: Merkst du manchmal, dass du im Widerspruch dazu stehst, zu dieser Unbeherrschbarkeit? Du, als Gründungsvater?

Martin: Im Widerspruch dazu? Im Widerspruch zu der Unbeherrschtheit? Weil ich es gerne beherrschen würde, meinst du?

Juliane: Weil, du hast ja eine Idee davon, was es ist.

(längere Denkpause)

Martin: Nö.

Juliane: Krass, du findest also dass genau diese Kultur – das ist dass was verhandelt werden kann; diesen Selbstzweck – in dem Moment, in dem sich das Leute annehmen, darüber nachdenken, gehen wir z.B. von der Abschlussdiskussion beim cobrafestival aus; dann hat es schon funktioniert. Das ist das was passieren muss. Das man drei Stunden darüber redet, ohne Ergebnis eigentlich – ergebnisoffen.

Martin: Ja, man muss ganz viel darüber nachdenken. Ja klar. Also, wir haben alle nichts gelernt, wir können nichts anderes. Wir können nichts anderes als das. Das muss auch die ganze Zeit machen. Dafür müssen wir auch Geld bekommen. Von irgendwelchen reichen Leuten, die das halt nicht machen wollen. So Ablasshandel. Das macht einen ja auch fertig,  wenn man so ganz viel darüber nachdenkt, das kann ja auch die Dimension bekommen, dass man so sich Stress macht… Es entsteht ganz viel realer Stress dadurch. Und das finde ich. Das muss weiter. Das ist ja das, was wir der Gesellschaft abnehmen könnten, mit diesem Prinzip. Das die sich nicht mehr so einen Stress machen müssen.

Juliane: Und wir sollen den dann übernehmen?

Martin: Aber weil man auch so anders denkt. Das ist einfach eine Öffnung von Denkmustern, von einer Routine. Und das ist krass anstrengend. Das muss man halt auch immer machen. Eigentlich darf man auch gar nicht saufen gehen, eigentlich muss man wieder viel disziplinierter sein. Asketisch werden. Das ist dann auch wieder das, wo ich sofort denke: „Das ist so krass katholisch eigentlich.“ Das man das für die anderen macht. Eigentlich muss cobracontrollingtheater.cobra sein. Wir müssen so den ganzen scheiß Theaterbetrieb irgendwie überwachen. Den müssen wir durchdenken. Wir müssten immer so eingeladen werden und so systemische Analyse machen, Analyse von den Strukturen machen.

Juliane: Aber wie sind denn die cobrastrukturen?

Martin: Die sind metastrukturell, die denken sich. Oder poststrukturalistisch. Die gibt es eigentlich nicht Die gibt es immer nur in der Verbindung, die man aufnehmen will, oder die man aufgibt, oder die man annimmt. Es gibt sozusagen nur ein Vertrauen darauf, dass wir uns wieder vertrauen werden. Und das ist ja das eigentlich geilste Vertrauen. Und das ist ja die eigentliche Liebe.

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Eine Antwort auf die cobra spricht mit sich selbst.

  1. wanja sagt:

    ich glaube, wir müssen uns noch mehr als eine internetgruppe verstehen. wie wichtig diese art des netzwerks, des rhizoms (ist das vielleicht auch der anfang, die ouverture des internetprojekts?) ist, indem es die gesellschaftlichen rahmenbedingungen und denkstrukturen bereit stellt, die für einen diskurs, wie ihr ihn führt, wie wir ihn schon zusammen und mit anderen geführt, eine ohnehin schon anwesende hintergrundautorität schafft. das irriterte gefühl von, ja, normal, diesen text lesend, das können alle verstehen, ist doch für alle, kann alle angehen, wenn sie wollen. vielleicht auch der grund, warum jemand wie a. glauben kann, das wachse. weil es eine grunderfahrung sich zum immerwieder-absprung nimmt. kooperation wollen, finden, aktion (eylem), wieder auseinander gehen, wenn das gewollt ist. insofern total mainstream, cobratheater.cobra. total gesellschaftsadäquat. wie das internet.

    und gleichzeitig gesellschaft gestaltend. auch hier: für ein paar mark gibts erstmal den platz hier, den wir noch nicht gut zu nutzen gelernt haben, wie das theater. medium für die formen des spezifischen, eines moments der ideenattacke, formanfall. einen raum vorübergehend zu gestalten, warum und wie auch immer, weil, ja, in cobratheater.cobra eingebettet, immer disponibel und nicht fertig. form gibts immer nur im vollzug und, darum theater, immer auf ein gegenüber, noch unbekannt, oder geliebter leib, bezogen und im endlosen gespräch mit pausen. und wie auch mein text hier nur ein antwort ist, weil wir es als solche verstehen wollen. und wir sind in diesem fall grundsätzlich nicht ausreichend, aber auch jetzt gerade, in den letzten paar jahren, zu wenige. zu wenige.

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