Der Fleischreport // cobrakritik.cobra

Wir befinden uns an einem Tag wie morgen

Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! (Deleuze/Guattari: Rhizom)

Herzlichen Glückwunsch zu knapp drei Stunden ‚binge-watching’ der neuen Fleischreport- Staffel. Aber was war das eigentlich? Trash-TV oder Philosophie-Nachhilfe? Der Abklatsch einer Soap oder genialer Theaterfilm? So viele Namen, so eine verworrene Story… Doch wie bei jeder ‚guten‘ Soap packt mich irgendwann die Story und die Charaktere und ihre Geschichten lerne ich nebenbei kennen.

Doch von vorne: Die zweite Staffel des Fleischreport beginnt wie der Blick hinter die Kulissen eines Filmsets. Da verschwimmen on-stage und off-stage und die Figuren treten manchmal erst auf der Bühne in ihre Rolle. Wie auf einem Laufsteg treten die unterschiedlichen Figuren auf, die ‚Zauberkugel’ am oberen Ende spuckt sie in einer Mischung aus Verkleidungskiste und futuristisch inspirierten Knallbonbon-Kostümen aus.

Das Schiff ist nun Raumschiff und als dieses Handlungsort der Tour de Force von Familie Dice. Die Fäden im Hintergrund der Reise zieht Traudl, sie erscheint als die Strategin, die Herrscherin aus dem Off. Für die Aufgabe eine „mittelständische Kleinfamilie“, eben die Dicens, durch’s All zu navigieren kann sie Oh Ke gewinnen. Familie Dice entpuppt sich als unsympathischer Haufen von snobistischen Narzissten. Aber kein Wunder permanent laufen irgendwelche Boys durch’s Bild, die putzen wollen oder ihnen Tee anbieten. Die Dicens sind ohne Zweifel kostbares Gut auf dem Raumschiff und sie lassen tief blicken in ihre Abgründe: Vater Dice erinnert sich an seinen verlorenen Bruder; Mutter Dice fällt auf eben diesen verloren geglaubten Bruder herein, weil dieser sich als Stalker tarnt: Achso, du bist besessen von mir, ja klar, dann komm rein! Währenddessen navigiert Oh Ke das Raumschiff in einem „persönlichen Moment“ in einen Nebel, nur das Opfer eines Kindes kann die Crew vorm ewigen Herumirren im Nebel-Leben bewahren. Bereitwillig opfern die Dicens ihren Sohn, alles für die Quote, oder?

Von Vollständigkeit kann in meiner Nacherzählung keine Rede sein (was ist zum Beispiel mit dem seltsamen Abhängigkeitsverhältnis zwischen Traudl und Matthias? Oder der Ermordung von Para Dice? Was haben die Geschwister Dice für eine komische, inzestuöse Beziehung?), aber ich glaube es sollte hier vielmehr um das Dahinter gehen.

Der Fleischreport ist Abbild einer medial übersättigten Gesellschaft und zeigt diese in radikal analoger Entschleunigung: Da werden ‚Mixtapes’ geleakt oder Kinder mit Melissentee verführt. Neben der zum Teil ins Triviale abdriftenden Story tauchen immer wieder kleine philosophische Perlen auf, wie aus dem Nichts monologisiert Frau Dice über die Verdinglichung des weiblichen Körpers oder Traudl stellt die Linearität der Zeit infrage. Neben der Holzigkeit einiger Schultheaterdialoge sind das die Lichtblicke. Denn der Fleischreport ist auch ‚Kinderspiel’: Auf naivste Weise wird das Leben der Großen imitiert, wird sich um Kopf und Kragen gespielt. Das ist oft lustig anzusehen, aber manchmal wirkt es eben auch platt. Aber es ist gerade die Mischung aus der Reproduktion gewisser Platitüden mit philosophischen Diskursen und einem naiven Schultheaterspiel, die hier den Reiz ausmacht. Schnelle ‚Schnitte’ à la Theaterfilm lassen mich manchmal erst im Nachhinein realisieren, dass es um die ganz großen Fragen geht. Trotz filmischer Dramaturgie wird der Kontrast, den Text und Spiel auszeichnen, durch den Verzicht auf Live-Kamera oder Filmmaterial formal verstärkt: Ein Theaterfilm ohne Kamera getarnt als Daily-Soap gespickt mit philosophischen Diskursen.

Deleuze und Guattari sagen es so: Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie! Seid schnell, auch im Stillstand! Glückslinie, Hüftlinie, Fluchtlinie. Lasst keinen General in euch aufkommen! Macht Karten, keine Photos oder Zeichnungen! Seid der rosarote Panther und liebt euch wie Wespe und Orchidee, Katze und Pavian.

In diesem Sinne: bis zur nächsten Staffel!

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cobrakritik.cobra von Franziska Schnoor nach Besuch der Generalprobe am 23.09.2015

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