cobrajournal.cobra: Twilife

Jasper Tibbe besucht eine Haupt- und Carolin Gerlach die Generalprobe.
Im Anschluss folgt Instant Messaging

[29.01.14 23:23:28]

carolingerlach: Jasper = Jasper!

Jasper Tibbe: Genau.

carolingerlach: „Alle gucken mich gerade an, nicht davon überrascht
jemanden zu sehen, der so aussieht wie ich.“ – Wenn ich den Satz höre,
klingt er nach einer Punchline, die wie ein Satz klingt, der erst puncht,
wenn ich weiß, was vorher passiert ist.

Jasper Tibbe: War das im Stück?

carolingerlach: Das war die heutige Punchline. Der letzte Satz. Wanja
sagt, er habe ihm sogar beim zweiten Mal Probegucken weitere Ebene
zuordnen können. Fantastischer Satz! An und für sich gestanden, klingt
er eher so: Ja. Klar.

Jasper Tibbe: Schönes Ende. War gestern noch nicht so. Ich hab neulich
einen Text über filmische Autobiografien gelesen, da klang das auch so.
carolingerlach: Ja. Recherche-Projekte eben. Da sind Enden wie gleich-
förmige Puzzleteile, die kann man variabel verschieben und jeden Abend
anders anordnen.

Jasper Tibbe: Wir sind ja immer wieder neu und erzählen uns auch im-
mer wieder neu und nehmen die Erzählungen von anderen auch immer
anders auf. (Das war noch zur filmischen Autobiografie – Passt aber auch
zum letzten Satz noch gut.)

carolingerlach: Aha. Immer wieder neu. Das passt gut und geht doch in
eine andere Richtung. Ich hab heute Abend Mindfuck erlebt.
Jasper Tibbe: Schreib ruhig, kann man ja wieder rauskürzen.
carolingerlach: Mindfuck, weil: Da zeigen zwei ihre Recherche, zu-
sammengeschnipselt und doch insgesamt unisono, wenn sie zeigen:
Doppelleben-Doppelgänger-Alibi-Lifestyle ist anstrengende Verwirrung
für die „doppelte“ Person. Und ich bekomme Innensichten dieser recht-
schaffenen Menschen, mir werden ihre Gesichter filmisch gespiegelt ne –
beneinander gezeigt, mein Kopf kann ihnen möglichst verquickte Simul-
tan-Identitäten unterstellen, und doch… am Ende gibt es kein Publikum,
das ihre Versteckensleistung honoriert – und eben darin liegt der Klou
und die Mühe. Mission accomplished. Am Ende guckt dich einer an und
sagt: Das bist ja du, dich kenn ich schon, siehst aus wie immer. Und du
musst verstecken, dass du neu bist.

Jasper Tibbe: Kein Publikum? Ist ja auch irgendwie Theater, sich ver-
stecken. Ich war nicht so überfordert, aber mir schwant, ich bekomme
auch nicht so viel mit wie du.

carolingerlach: Oh no, Missverständnis hier: Ich war nicht überfordert
von der Inszenierung. Sondern ich tauche hier argumentativ in die The-
matik der Produktion ein. Also stelle ich mir vor: Ich führe ein Doppelle-
ben. Und habe Spaß daran, mir auszumalen, wie im Detail ich zwei Ehen
und Jobs und Familien und Wohnungen arrangiere. Das alles zu dem
hohen Preis, dass mir niemand zujubelt.

Jasper Tibbe: Mir reicht immer schon der Wechsel zwischen Höflich –
sein und ein bisschen Arrogantsein, was Doppelleben angeht. Ah, ver-
standen! Unsichtbares Theater. Kein Brot für die Künstler. Aber man ist
sich selbst ja wahrscheinlich meist das beste, also dankbarste Publikum.

carolingerlach: Ah. Interessant. Höflichsein oder Arroganzsein. Zwei
mögliche Reaktionen, die ich beide jetzt performen könnte, mich aber
für eine entscheide und diejenige beeinflusst dann auch, wie es in unserer
Konversation weitergeht. Doppelleben also in dem Sinne, dass ich mit
mir selbst nicht identisch bin; ich bin nicht ein-eindeutig immer genau:
so, sondern habe die Wahl. Je nach dem wie bzw. erst, wenn ich mich ent-
scheide, wird es von anderen als linear und typisch ich wahrgenommen.

Jasper Tibbe: Manchmal hat man auch kaum eine Wahl, schätze ich.

carolingerlach: Ist das womöglich ein Ausschlusskriterium: Wer sich
nicht selbst das beste und einzige Publikum ist, kann kein Doppelleben
führen?! Sobald wer von meiner Zweilebigkeit weiß, bin ich aufgeflogen.

Jasper Tibbe: Ich versteh immer nicht, warum Leute rausfinden wollen,
wer sie wirklich sind. Als wäre das erstrebenswert. Es ist bestimmt er-
strebenswert, mit sich im Reinen zu sein, aber das kann man doch auch
immer wieder neu. Ich glaube nicht, dass ich da irgendwo mal angekom-
men sein werde, herausgefunden zu haben, wer ich bin.

[29.01.14 23:59:42] carolingerlach:
Ja. Wer ich bin. Das Dilemma steckt im Paradoxon: Sobald ich heraus-
gefunden haben werde, wer ich bin, werde ich ein_e andere_r sein.
[30.01.14 00:00:19] Jasper Tibbe:
Können wir das zurückbinden an den Theaterabend?
[30.01.14 00:01:11] Jasper Tibbe:
Oh, heute ist Premiere!
[30.01.14 00:01:30] carolingerlach:
Was eine Sekunde doch für einen Unterschied machen kann!

carolingerlach: Wer ein Doppelleben führt, will ja nicht herausfinden,
wer er ist, sondern weiß das und will es vor den jeweils anderen ver-
tuschen. So wie Doppelgänger. Die sind ja temporär wer anders. Also
wenn man sie beispielsweise engagiert. Bill Clinton hat ja heute gesäch-
selt „Leipzig oder New York – man geht halt einfach spazieren.“

Jasper Tibbe: Klingt, als wären Doppelgänger durch ihren Beruf auto-
matisch enspannte Menschen. Wir sollten alle mal wieder Theater spielen
mit so richtigen Rollen. Method Acting statt Yoga oder Badewanne. Es
fühlt sich ja allein schon toll an, einen guten Anzug anzuhaben, wie muss
das dann erst toll sein, Bill Clinton zu sein. Ich war mal Geheimagen-
ten-Fotomodell, das war schön. Und einmal Bräutigam, wunderschön.
Alle haben uns beglückwünscht, eine Mischung aus Scham und ehrlicher
Freude. Ein alter Mann hat uns ein vierblättriges Kleeblatt geschenkt!

carolingerlach: Ich denke in letzter Zeit oft über Stuntmänner nach. Die
sind ja quasi für sehr kurze Millifilmsekunden auch Doppelgänger – nur
eben nicht aufgrund ihrer äußerlichen Ähnlichkeit. Ob auf die wohl dei-
ne These Doppelgänger seien durch ihren Beruf automatisch entspannte
Menschen zutrifft?

Jasper Tibbe: Ich stell sie mir irgendwie zufrieden vor, die Stuntmänner.

carolingerlach: Zufriedenheit ist ja auch kontextabhängig. Am Leben
sein und gesund sein ist für Stuntmenschen sicherlich Zufriedenheit mit
höherem Erlebniswert als für, sagen wir mal, mich. Ich wache morgends
auf und weiß, wer ich bin und dass ich überleben werde. Die nicht. Und
Doppelleben-Führende auch nicht. Die wachen morgends auf und den-
ken: „Vielelicht flieg ich heute auf. Was kann ich dagegen tun. Erstmal
die Alibi-Agentur anrufen…“

Jasper Tibbe: Vielleicht ist es ja wie im Urlaub in einem fremden Bett
aufwachen und sich erstmal fragen, wo man ist.

carolingerlach: Für manche ist dann jeden Tag Urlaub. Erstmal: Augen-
aufschlag und checken, wen man anspricht, wenn man „Schatz“ sagt.

Jasper Tibbe: Schön, jeden Tag Urlaub.

carolingerlach: Hier bedeutet dann Urlaub das Gegenteil von Entspan-
nen. Weil: Immer auf der Hut. Doppelleben nicht vergessen

Jasper Tibbe: Schade.

carolingerlach: Genau: Schade. Diese Twilife-Inszenierung lässt mich
nie wieder ein Auge zudrücken! Plötzlich gibt es so viele Hintergedanken
und Parallelwege und -welten, die gegangen worden sein könnten bzw.
die gegangen werden sein müssten, um alles weiter aufrecht zu erhalten.

Jasper Tibbe: Wenn ich darüber nachdenke, habe ich mit so etwas dann
doch eher schlechte Erfahrungen gehabt, bisher.

carolingerlach: Glaubst du, dieses Konstrukt, das Doppelleben-Füh-
rende in ihren zwei Umwelten aufbauen, ist Alleinstellungsmerkmal für
Alibi-Lifestyler? Oder ist das nicht vielmehr eine alltägliche Maskerade,
auch in meinem Einen-Lebens-Alltag?!

Jasper Tibbe: Ich glaube, Lifestyler versuchen genau das Gegenteil:
Eine konsistente Identität, und das ist dann auch das Langweilige,
weil alles zueinander passen und Sinn ergeben muss. Die Leute, die zu
Swinger-Partys gehen sind vermutlich im Alltag die Unauffälligsten.

[30.01.14 00:024:14] Jasper Tibbe:
Ok, eine Stunde. Fazit?
[30.01.14 00:25:23] carolingerlach:
Immer schön hinter die Fassade gucken.
Und: Nicht nur die anderen haben eine Fassade.
(Warum hat das Fassaden-Haben eigentlich so einen
schlechten „Anstrich“? Wird ja oft als Vorwurf gebraucht.
Sollte doch aber eher normal sein.)
[30.01.14 00:026:54] Jasper Tibbe:
Jule und Clara haben ja auch beide einen sehr schönen Teint.

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