cobrajournal.cobra oder Zusammen schreiben. Ein vielstimmiges Journal.

„Uns braucht niemand anzustupsen, nicht wahr, Birhan, wir wachen von alleine auf.“
Sema Kaygusuz

1
Mein Schreibzimmer ist kalt und staubig. Immer ist es kalt und staubig, wenn der Herbst anfängt, diese staubige Kälte im Herbst, die sich schwer vertreiben lässt. Mein Schreibzimmer ist gleichzeitig mein Schlaf- und Wohnzimmer. Wenn ich mich umschaue, denke ich: Es fehlt mir an Büchern.

2
Ich habe mir angewöhnt, an vielen Dingen gleichzeitig zu arbeiten. Mich hatte die Leere an manchen Vormittagen oder auch Nachmittagen erschreckt. Sie legte mir nahe, stets viele Gedanken zu verfolgen. Es ist wie Zaubern: Jeder Gedanken entwickelt Dringlichkeiten und Erfordernisse und hält mich beschäftigt. So habe ich mich für meinen Beruf, für eine gewisse Art von Zeitgenossenschaft, qualifiziert.

3
Viele Jahre zuvor unterzog ich mich einer radikalen Kur: Schluss mit Büchern. Ich wollte Asphalt, real life, Abenteuer, street life. Meine Mutter hatte diesen spöttischen Blick. Ich ging. Kollektive Wohnungen, kollektivierte Betten, kollektive Feierlaune, kollektive Ratlosigkeit, kollektive kalte Füße, kollektive bauliche Mängel, kollektiv rumhängen, kollektiv arbeiten, kollektive Besetzungen, kollektive Gewahrsamnahmen, kollektive Unzulänglichkeit, kollektiv schlecht schlafen und kollektiv gut essen. Mir war das ziemlich ernst.

4
Als ich mich fürs Schreiben entschied, zog ich alleine in ein leeres Zimmer und druckte mir „A room for one’s own“ von Virginia Woolf im kostenlosen pdf aus. So lebten wir eine Weile: The room, Virginia und ich. „But, you may say, we asked you to speak about women and fiction – what has that to do with a room of one’s own? I will try to explain.“

5
Mein Schreibzimmer (das von heute, kalt und staubig) liegt im dritten Stock, am Ende eines langen Flurs, in dem in den letzten fünfundzwanzig Jahren hundert Bewohnerinnen und Bewohner Spuren hinterlassen haben. Viele haben irgendwelche Kisten stehengelassen, die sie nie wieder abholen, andere haben die Wände besprüht, bemalt oder beschriftet. „Geh doch in die 2. pissen!“ „Katholiken trinken kein Alkohol“ Oder: „J’ai vomi plusieurs fois.“ Wieder andere haben besagte Wände überhaupt erst gebaut. Oder die Fenster eingesetzt, die Stromleitungen verlegt, die Kacheln verfugt. Momentan sind wir wenig mehr als vierzig Personen im Haus. Das Haus reißt mich oft aus den Gedanken. Ständig klopfts an meine Tür. Wenn das Internet nicht geht und ich es reparieren soll. Wenn es einer Freundin schlecht geht. Wenn das Essen fertig ist oder wenn ich es kochen soll. Silvia Federici schreibt: „[D]ie „Vergemeinschaftung“ (commoning) der materiellen Reproduktionsmittel [stellt] den wichtigsten Mechanismus zur Herstellung kollektiver Interessen und wechselseitiger Verbundenheit [dar].“ Oha.

6
Schreiben ist meine Einsamkeit. Immer wieder bin ich erleichtert, wenn ich es geschafft habe, mich davon zu schleichen. Wenn ich alleine bin. „Ich trinke Eisensaft und rauche“, schrieb mir eine Freundin. So stelle ich es mir vor: Sie, schreibend, Eisensaft trinkend, rauchend, alleine. Romantisch, immer wieder, diese Verbindung aus Einsamkeit und Schreiben. Essentiell auch, gefährlich. Sich versteigend, verrennend, zerfallend. Wer hälts zusammen?

So let’s go Schreibjournal.

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