cobradistanziertsichvonsichselbst.cobra – eine Kritik

Benjamin van Bebber:
AMERIGO
Die cobra distanziert sich von sich selbst nach einem Probenbesuch auf der Probenbühne Wartenau,eine Woche vor der Premiere von Amerigo

…vor einigen Wochen sangen Simon and Garfunkel live in Central Park auf YouTube für mich: We come in the ages most uncertain hours and sing an american tune und ich dachte, dass sie auf diese ganz spezifische Art und Weise entspannt und sympathisch sein können, weil sie Amerikaner sind und, wenn es mir vielleicht auch ein bisschen peinlich ist, ist es doch vielleicht das erste Mal, dass ich eine bewusste Sympathie für etwas habe, was ich als spezifisch amerikanisch empfinde. Ich mag die zwei Männer mit den weichen Stimmen immer noch, so wie ich es jetzt mag, dass hier auf der Probe gleich am Anfang Lukas kommt und von einer Liebe singt, mit der ich vielleicht was zu tun haben könnte und dass jetzt gleich am Anfang der ganze Höhepunkt kommt (oder vielleicht hat er auch schon vorher stattgefunden und ich gerate in sein Echo?) Es gibt Bilder, Show, Kostüme von vornherein im Übermaß: LOVE LOVE LOVE singt ein zärtliches Football-Team, auf Berge steigen und Berge versetzen, tanzen, gemeinsam mit dem freundlichen Fremden nach L.A. fahren. Aber von vorne herein will ich mehr von den Bildern, von den großen Gefühlen, will ich, dass Lukas mir beim Singen immer in die Augen schaut und dass Ka und Ka mich aus dem Sitz reißen und so weiter und so weiter und…

…but what are you doing afte the orgy? spinoza sagt dazu: „die sinnliche lust fesselt die seele so, dass sie in einer glückseligkeit zu rasten scheint; sie wird dadurch gehindert an irgend eine andere zu denken; aber nach dem genuss derselben folgt die größte traurigkeit, die, wenn sie die seele nicht ganz zum stillstand bringt, dieselbe doch verwirret und stumpf macht.“ Stimmt das? What are YOU doing after the orgy? Was für eine Orgie war eigentlich die Entdeckung Amerikas? What are you doing AFTER the orgy? Oder ist sie überhaupt schon vorbei? Leitet die Ekstase mich nicht weiter in einen langen, liebevollen (und unheimlichen) Schwebezustand; dastehen, in der Stille, auf das Schweigen der Körper hören: LOVE LOVE LOVE – Wie könnt ihr das bewahren? Und was passiert, wenn jemand alleine bleibt? Oder zu zweit? Spielen diese Konstellationen eine Rolle oder seid ihr sowieso immer alle miteinander verbunden? Wäre das nicht schön? Schon die Suche danach, die offene, konzentrierte Suche nach dem immer wieder anderen ist vielleicht ausreichend (eine Konzentration ohne ein einzelnes Zentrum). Es wäre auf alle Fälle viel Arbeit.…

…die Bilder (Amerika!) bleiben die ganze Zeit unvermeidbar und unerreichbar. Die Zartheit der Spieler_innen im Umgang miteinander unterläuft die Bilder beständig. Und darum kann ich das mögen. Uneingeschränkt. (Aber nach der Probe habe ich vielleicht trotzdem zu sehr von „Show“ gesprochen – es geht nicht um Behauptung und Unaufrichtigkeit, eher um den Genuss des Bildes an sich selbst, also um Amerika, also um den Genuss der Spieler_innen am Bild. Um den Genuss an dem Spektakel, das die Körper und Münder und Stimmen selbst in den Raum ausbreiten und miteinander teilen. Und dann fange ich an, über Demokratie nachzudenken, während Alex singt und alle tanzen und America is indeed a great democracy und ich finde, dass schon neun Menschen, die miteinander und für sich ein bisschen mehr Raum für ihr Begehren geschaffen haben, unzählig sind und das ist ein unfassbares Potential)…

…also gehen wir mit Sigfried und Roy nach Amerika – die Geschichte beginnt! Nein, doch nicht, sie hat ja eben schon angefangen, einen Anfang anzukündigen, vielleicht – und alles ist noch am Rande zum Chaos als wäre Amerika gerade erst entdeckt worden und das ist einerseits ein Wunder und wirklich schön, weil voller Möglichkeiten und andererseits schafft es eine beständige Unbefriedigung bei mir, der ich irgendwie teilhaben will aber ich weiß gerade gar nicht warum ihr so viel redet, wenn die schönen Sätze doch schon da waren und ich denke: da war doch eben fast ein roter Faden, der mich zieht oder eine Stimmung, die mich trägt aber dann ist es oft nur virtuell, vielleicht auch eher theoretisch als sinnlich vorhanden und ich merke, ich habe mich gerade in fremden Träumen verirrt…

…aber dann, wenn der Kreisel sich dreht, ist der Anfang wieder da: Das andauernde Konzert, das Monumentale, der Pop, die Sehnsucht! Und die Musik ist eine Einladung, in fremden Träumen spazieren zu gehen und die Verirrung, wieder zu genießen und von irgendwo winkt der Mistery Man und Frieder und Kathrin werden unsichtbar in der Musik und das ist so heimelich wie unheimlich. („Endlich“, dachte ich als der Kreisel sich drehte und dieses „Endlich“ bezog sich dabei nicht auf eine Bedeutungsebene im eigentlichen Sinne sondern auf etwas Rhythmisches oder Energetisches und auf die Anwesenheit der Gruppe…

… and I dreamed I was flying/ And high up above my eyes could clearly see/ The Statue of Liberty – sailing away to sea und Rabea und Meret sind die schnellsten und fassen sich an den Händen und verwandeln den Rest in Kinder, und Lukas und seine Freunde stehen mit der brennenden Jacke im Hof und während Sophie ihr Lächeln verschenkt und Gesine mit großen Augen schaut, als hätte sie ein Geheimnis, das ihr Freude bereitet, wandern die Stimmen zwischen den Ohren und Mündern hin und her und die Körper werden sichtbar und dann lass uns doch wegfahren – Wohin? – Nach L.A. – Ja. Aber am schönsten ist es doch, wenn man zu zweit ist… – …mit guter Musik…und das reicht uns dann schon…

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