cobra distanziert sich von sich selbst – „Lenz“ Regie: Benjamin van Bebber Premiere: 31.08.2013 von cobraoliviawenzel.cobra

von Olivia Wenzel

gestern habe ich gestaunt:

-neben mir in der s-bahn spielt eine alte frau auf ihrem kindle-tablet eine art tetris. es geht darum, die je gleichen würste aneinander zu fügen, sodass sie verpuffen. digitales wurst-tetris für rentner!

-im internet sehe ich zuvor am nachmittag eine zahnpasta-werbung. da leuchtet in weißen buchstaben: ÜBERLEGENE REINIGUNG! überlegene reinigung?

-in der nacht davor sehe ich im fernsehen eine doku. touristen in sambia – safari, bungeejumping usw. darin schließlich der weiße moderator, der durch seine hornbrille auf den sambesi blickt und lächelt. er nippt an seinem cocktail, der im licht der untergehenden sonne roséfarben schimmert, und schaut genussverzückt in die kamera: „so müssen sich die britischen kolonialherren gefühlt haben, als sie sambia eroberten. und ganz ehrlich – das ist ein gutes gefühl!“

dafür habe ich keine worte.

 

-dann, im bus, auf dem weg zur generalprobe von „lenz“, sperrt die polizei die straße. gefühlt sieben milliarden fahrradfahrer ziehen in einer demo vorbei. in der knappen halben stunde, die der bus still steht, verwandelt sich die stimmung. anfangs sind viele heiter bis albern, am ende aggressiv bis hasserfüllt. zu meinem erstaunen: auch ich werde immer genervter, starre im wechsel auf die uhrzeit und den unendlichen strom freundlicher radfahrer, rufe einmal sogar: alter, sie sind unendlich!, und hoffe auf diverse stürze.

vielleicht komme ich also nicht mit der nötigen entspannung an. denn ich glaube, entspannt muss man sein, um „lenz“ genießen zu können.

das ist ein stück mit großer ruhe. ganz viel gezielter ruhe. nicht unbedingt stille, wobei doch, die auch ab und zu. in so eine ruhe muss man reinkönnen, muss man reinwollen, um sich mitnehmen zu lassen. ich schaff’s nicht ganz.

prosaischer text wird ruhig nach vorn gesprochen, zwischendurch und/oder dabei viele schöne bewegungen. ab und zu sind die wie eine mischung aus tom cruise‘s krassen moves in „minority report“ und kinderhänden, die tannenbäume in die luft skizzieren.

der text ist bezaubernd, ja anmutig; überhaupt hat das ganze ding grazie und klarheit. mir wird eine geschichte erzählt. mit vielen pausen, viel luft darin. ich warte, ob noch was anderes passiert, fange an, über die struktur des teppichs nachzudenken, über die dunkelheit, die in so einem raum möglich ist, über die merkwürdigkeit der ruhe.

die monotone, fast durchgängig gleiche stimmung – das ist bewusste setzung, klar, wird auch verbalisiert: „lasst mich doch in ruhe, nur ein bißchen ruhe, jetzt, wo mir wohl wird.“

aber wenn das szenische dem text noch ein anderes hinzufügt – das liebe ich im theater. „lenz“ zeigt mir vor allem einen schönen text.

 

 

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