Ausflug mit Arztsohn

Von Literaturdebatten, Ökonomien der Aufmerksamkeit und sozialdemokratische Wattenmeere

1 Ich könnte sagen: Ich komme aus einer bäuerlich-proletarisch geprägten Familie. Meine Großeltern waren sogenannte Kleinbauern und verdienten sich mit ungelernten Handwerks-tätigkeiten oder Fabrikarbeit etwas dazu. Meine Eltern verließen beide so früh wie möglich die Schule, mein Vater mit 14, meine Mutter mit 16 Jahren. In meiner Familie wird untereinander nicht hochdeutsch gesprochen. Von klassischer humanistischer Bildung existiert eine eher vage Vorstellung. Prägend sind viel mehr: Katholizismus, ein gewisser Arbeitsethos und die Ideale der 70er-Jahre-Sozialdemokratie. Stichwort Soziale Gerechtigkeit.

2 Während ich dies schreibe, sitze ich ausgestattet mit einem (längst aufgebrauchten, weil vor mehreren Monaten ausgezahlten) Arbeitsstipendium in Atelier 2 der Worpsweder Künstlerhäuser, es ist Donnerstag 12:51 Uhr, die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich schaue auf die Pferdeweiden, die sich verschwenderisch vorm Fenster ausbreiten. Und anstatt am neuen Hörspiel zu arbeiten, lasse ich mich zu diesem Text verleiten. Immer noch ertappe ich mich hin und wieder dabei, das Schreiben vor mir selbst als Arbeit rechtfertigen zu müssen. Unter der Woche am frühen Nachmittage herumsitzen und nichts weiter zu tun als sich Gedanken zu überlassen, die wie Wolken ziehen…

3 Ich habe an einem gemeinbildenden Gymnasium Abitur gemacht. Sartre, Camus und de Beauvoir waren das Verheißungsvollste, was mir in 13 Jahren Schule begegnet war und so setzte ich mich bei der ersten Gelegenheit nach Frankreich ab. Ich arbeitete als Bäckerin in einer Kooperative, weil wir (es gab eine Art wir) dachten, durch eine Kollektivierung von Produktionsmitteln „irgendwie“ Voraussetzungen für etwas anderes zu schaffen. In dieser Landkooperative re-performte ich einiges, was auch das Wissen meiner Großeltern und Eltern geprägt hat: Es gibt beständig zu viel Arbeit und zu wenige Menschen, die sie erledigen können. Die Vereinnahmung der Einzelnen für die Erfordernisse des Gemeinsamen ist selbstverständlich und weitreichend. Die gemeinsame Bewältigung der Arbeit wird das prägende Moment schlechthin. Ständige Mittelknappheit. Meistens: Pragmatismus. Improvisation. Häufig: Überforderung. Mühsal. Manchmal: Hochgefühle. Kollektiver Flow.

Wir arbeiteten, manchmal jedenfalls, in der Überzeugung, die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, die kommen mussten und kommen würden – in Frankreich krachte es in diesen Jahren an der Uni und in den Vorstädten – zu unterstützen und zu befördern.

 4 Da der Aufstand aber auf sich warten ließ und die Zeit weiter überbrückt werden musste, kam ich über einen von alten, fröhlichen Marxisten ins Leben gerufenen Studiengang zur Erwachsenen- bzw. Arbeiterbildung durch die Hintertür doch noch an die Uni. Ich kämpfte mich für einige Zeit mit dem Fahrrad durch den Pariser Autoverkehr, besuchte eben die Seminare, die für uns im Zweiten Bildungsweg vorgesehen waren, las mit den fröhlichen Marxisten Bourdieu, Lévi-Strauss, Rancière, Guattari und Deleuze quer und bastelte flugs eine Abschlussarbeit zusammen, der man das Fehlen von wissenschaftlichen Grundkenntnissen und einen eigenwilligen Gebrauch der französischen Sprache anmerkte.

 5 Ich hatte einige dieser intensiven Momente intellektueller Hochgefühle erlebt, wie sie bei der Lektüre bisher unbekannter Denker_innen manchmal vorkommen, und wollte jetzt doch richtig an die Uni. Soziologie wäre vielleicht naheliegend gewesen. Meine Mutter hatte es in den 80ern mit einer mühsam erbeuteten Fachhochschulreife über Umwege in die Soziologie an der FU Berlin geschafft – allen Stimmen zum Trotz, die sie als Nicht-Abiturientin und Mädchen vom Land in die Sozialpädagogik umleiten wollten – und die Soziologie war eigentlich die einzige mir bekannte Wissenschaft. Aber auch ich wollte einen gewagteren Sprung machen – ich wollte schreiben. Über eine Freundin hatte ich von Hildesheim gehört und so kam ich, die bis dato wenig bis keine klassische Literatur gelesen hatte, seltenst im Theater und noch nie in Ballett, Sinfoniekonzert, Oper etc. gewesen war, zu Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis.

 6 Ich habe in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Und ich habe mich einigermaßen fremd gefühlt. Ich erinnere mich beispielsweise an den zweifelnden bis unwirschen Blick einer Gesangslehrerin, zu der ich im Rahmen meines „künstlerischen Beifachs“ Musik ging, als klar wurde, dass ich NOCH NIE in meinem Leben von klassischem Gesang gehört hatte. Wir einigten uns dann stillschweigend darauf, dass ich sie nicht weiter belästigte und meine Punkte eher in einem Seminar zu Populärer Musik sammeln sollte. Mein Mich-Fremd-Fühlen war vielleicht auch eine Art Abgrenzung: Vieles, das verhandelt wurde, interessierte mich eher weniger. Ich verstand nicht die Regeln der Spiele, in denen es vielleicht um Aufmerksamkeit, Anerkennung oder gegenseitige Herabsetzung ging. Ich verstand sie nicht, auch weil ich den Wert von Anerkennung in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht durchschaute. Mein Horizont blieb vorerst das Lob oder die Kritik für einen Text, ähnlich der pflichtbewussten Schülerin, die einfach ihre Hausaufgaben erledigt. Darüber hinaus fehlte mir die Vorstellung darüber, was ich wollen sollen konnte. Ich fand dort einen Ort, an dem ich mich schönen Dingen widmen konnte: Ich verbrachte ganze Tage lesend und schreibend, ich rezipierte abgründige zeitgenössische Lyrik und Performancekunst und tauschte mich mehr oder minder kundig darüber aus. Ich las ein wenig Johnson, ein wenig Sebald, ein wenig Jelinek etc. Ich erfuhr, dass der Prenzlauer Berg der Achtziger und Neunziger Jahre auch in literarischer Hinsicht ein wilder und verwegener Ort gewesen war.

 7 Während sich meine Mutter sagen wir mit Pierre Bourdieu aus zu engen Verhältnissen herauswinden konnte, halfen mir eher: Leonard Cohen, Dorothy Allison oder Angel Haze. Eine Lanze für die Melancholie brechen. Die Angst vor dem Nicht-Anschlussfähigen loswerden. Die Angst vor der eigenen Erzählung. Denn was hartnäckig zurückbleibt von den familiären proletarisch-bäuerlichen Spuren in mir selbst, ist diese gewisse Härte, dieses Misstrauen dem „Unproduktiven“ gegenüber, dem Selbstzweck, Müßiggang und Schöngeist. Auf letztgenannte aber muss bestanden werden. Es ist die Wertschätzung den eigenen Gedanken gegenüber, die ihnen ein Gewicht geben, das vom Kollektiv nicht vorgesehen war. In diesem Beharren liegt etwas, dass diese überaus hinderliche Produktivitätsmoral, sowohl die kleinbäuerlich-katholische als auch die gewerkschaftlich-sozialkompromissorientierte, in ihre Schranken weisen kann.

 8 Trotz all dieser Entdeckungen kann noch vieles fehlen, was für eine Platzierung in der Ökonomie der Aufmerksamkeit (eines Literaturbetriebs zum Beispiel) von Nöten ist: die Selbstverständlichkeit des passenden Auftritts und des guten Timings, das implizite Wissen über die Orte der Aufmerksamkeit, der feste Willen zum Erfolg, das Hochstapeln ohne Schuldgefühle, die Disziplin, der lange Atem, die Gelassenheit und die (finanzielle) Rückendeckung für die größeren Würfe. Und so gibt es im allgemeinen an den demokratisierten Universitäten und im besonderen an den Kultur-Kader-Schmieden neben einer Erste-Reihe-Mentalität einiger auch die Zweite-Dritte-Vierte-Reihe-Mentalität vieler: die Übersetzerinnen, die Jobber, die Ein-paar-Artikel-Schreiber, die Den-Roman-bei-einem-kleinen-Verlag-Unterbringerinnen, die Aufstocker. Auch das ist Literaturbetrieb. Nur selten geht es um die ganz große Aufmerksamkeit, meistens geht es um Zwischenzustände, von denen sich schwer sagen lässt, ob sie super oder scheiternd, wahnsinnig prekär oder doch ganz gediegen sind.

 9 Eine Platzierung in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit ist doch immer auch eine Frage der Behauptung: Hier und jetzt passiert etwas wichtiges. Wenn ich zuerst alle Regeln verstanden haben muss, bevor ich selbst etwas sage, heißt das auch: stets zu spät dran, noch nicht gut genug. Überhaupt scheint das Zu-Spät-Dran-Sein die große Hürde für Kinder aus bildungs- oder kultur- oder einflussfernen Familien zu sein: die Codes noch nicht durchschauen, den Kanon noch nicht kennen, die Selbstsicherheit noch nicht mitbringen etc. Insofern scheinen Schreibschulen für eine gewisse Demokratisierung zu stehen, in denen auch ein paar Kindern aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien das ABC des Literaturbetriebs und der ein oder andere Kniff aus der Poetik-Trickkiste beigebracht wird. Was nichts daran ändert, dass die aus den anderen Familien noch den ein oder anderen Joker im Ärmel haben.

10 Didier Eribon, französischer Soziologe mit Arbeiterhintergrund, beschreibt diese Verspätung in Retour à Reims so: „Was für die anderen selbstverständlich war, musste ich mir Tag für Tag, Monat für Monat im alltäglichen Kontakt zu einem Verhältnis zur Zeit, zum Sprachgebrauch und auch zu den anderen erobern, das meine gesamte Person, meinen Habitus von Grund auf verändern würde, und mich in eine heikle Lage brachte gegenüber meinem Herkunftsmilieu, zu dem ich jeden Abend zurückkehrte.“ Und schreibt weiter: „Die unteren Klassen glauben, an dem teilzuhaben, von dem sie vorher ausgeschlossen waren, obwohl die Positionen, zu denen sie Zugang haben, immer schon ihre frühere Bedeutung und ihren Wert verloren haben, wenn sie dorthin gelangen. Die Zurückweisung ereignet sich langsamer, der Ausschluss später, aber der Abstand bleibt derselbe: er erneuert sich, indem er sich verschiebt. Bourdieu nennt das „die Translation der Struktur“. Was als Demokratisierung bezeichnet wird, ist eine Verschiebung, in dem die Struktur trotz der augenscheinlichen Veränderungen überdauert und gleich bleibt, fast genau so rigide wie früher.“

11 Der Ausgangspunkt dieses gedanklichen Ausflugs war unter anderem die in den letzten Wochen gern diskutierte Frage, warum Literatur in Deutschland (immer noch) vor einem eingeschränkten sozialen Hintergrund stattfindet. Sowohl bezüglich der Literaten, die, aus Schreibschulen kommend, mehr oder weniger reüssieren, als auch in Anbetracht der Themen, Formen und Inhalte zeitgenössischer Literatur. Ich schaue mich um und denke: Etwas fehlt. Ich habe vage Ahnungen. Viele sind nicht Arztsohn. Einige schreiben. Viele von denen, die schreiben, bemühen sich hin und wieder um Aufmerksamkeit. Setzen sich mit Mangel und Knappheit auseinander. Manche ziehen Joker aus dem Ärmel, ziehen sich zurück auf die gekonnte Inszenierung, die Selbstdisziplinierung in der Auswahl der Freunde und der Gestaltung der Zeit, die Selbstsicherheit in der Nutzung der Kontakte, die glückliche Übereinstimmung der eigenen Codes mit den Erwartungen. Und schreiben (mit der Zeit) gute Texte. Anderen fehlt der ein oder andere Joker, dann ist es beschwerlicher, dann wiegen die Entmutigung, der Zweifel, die Vereinzelung oder der soziale Druck schwerer, etc.

12 Was wäre zu fordern, zu wollen, zu versuchen? Sicherlich: Lustvolles, beharrliches Schreiben, Selbstbewusstsein in der Wahl der Themen und Formen. Gegenseitige Unterstützung, Einbindung und Einbeziehung. Benennung eigener Situiertheiten und ihre Unterwanderung. Und dabei auch: Die Produktions- und Reproduktionsverhältnisse in den Blick nehmen, sie hinterfragen oder besser noch: unterlaufen. Schluss mit dem Mangel. Die Macht des ökonomischen Denkens, auch der Ökonomie der Aufmerksamkeit brechen und Orte der Verschwendung im Mangel schaffen: der Verschwendung von Zeit, von sich selbst, von Begegnungen, Worten, Ideen und Aufmerksamkeiten. Für aufregende dritten, vierten, fünfte, sechste Reihen!

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