Irgendwohin weiter

Mittwoch der 08.07.2015, in der Küche der Uferstudios, Berlin. Charlotte, Hieu, Hilkje, Wanja im Gespräch mit Stefanie über die Kunstresidenz DRECK – EIN APPARAT.

WANJA: Beschreibe doch bitte, wie du die Dreckzeit an den Uferstudios erlebt hast und welche Erkenntnisse du daraus jetzt schon ziehst.

STEFANIE: Sehr intensiv auf jeden Fall. Eine intensive Zeit und ich habe immer so eine andere Folie, durch MYKORRHIZA, durch letztes Jahr, und vergleiche auf eine Art, andererseits gar nicht. Was ich schon im Vorfeld interessant fand, war, dass die Künstlerinnen – ihr, die Gruppe, die sich aus verschiedenen Gruppierungen zusammengesetzt hat – extrem konzentriert am Thema ist und sich sehr stark auf das Format eingelassen hat. Das finde ich ziemlich bemerkenswert. Auch in Gesprächen untereinander nehme ich das so wahr. Zwischen den Einzelgruppen und der jeweils eigenen Arbeit. So, dass ich im Moment etwas sehe, was ich normalerweise problematisch finde, etwas wie eine künstlerische Forschung, die da statt findet. Eine Recherche, die thematisch erst mal eine Richtung bekommen hat, durch unseren Raum und die Fragen, die wir vorformuliert haben, die sich dann entfernt hat, aber wieder rückgekoppelt wird und sich zu den jetzigen, unterschiedlichen Positionen verknüpft. Auf eine elegant zufällige Art und Weise. Das sind so Strömungen, Sachen, die In The Air sind, die liegen nahe, wenn wir uns jetzt, gerade hier, mit einer Thematik befassen. Das sind Effekte, die ich ziemlich interessant finde. Für mich geht es als Fragestellung immer auch darum, wie wir Theater machen und was für ein Theater wir machen. Da habe ich den Eindruck, was eigentlich noch zu früh ist, weil wir noch mitten drin sind, aber aus den Erfahrungen, die wir im letzten Jahr gemacht haben und mit der Zeit in Düsseldorf im Hinterkopf, als eine Art Zwischenstation, Mykorrhiza Berlin, Mykorrhiza Düsseldorf und jetzt Dreck hier – da sind wir schon woanders angekommen.

Also, wie können aus solchen Konstellationen Theaterarbeiten werden? Wie entsteht daraus ein Programm, was für eine Art Programm entsteht daraus? Das ist so ein Annäherungsprozess.

CHARLOTTE: Eine Frage für uns war auch, wie dein Konzept bei der Auswahl der eingeladenen Künstlerinnen war.

S: cobras sind halt immer dabei… Nein, Quatsch, ich wollte die Zusammenarbeit allerdings fortsetzen. Das war ein Wunsch, da dieses Format des Apparats sehr stark damit umgeht, zu fragen, wie arbeiten wir zusammen, was auch ein Grundthema von cobra ist. Weswegen ich mir eure Präsenz gewünscht habe. Hendrik und Maika waren im letzten Jahr nur mit einem Schlusskonzert dabei, da wollte ich sie nun gerne richtig in Residenz sehen. Im letzten Jahr ging sich das nicht anders aus, aber durch ihre Arbeit mit natürlichen Materialien, Natur und Theater, fand ich die schon für Mykorrhiza naheliegend, für Dreck sowieso. Mit denen bin ich schon seit Jahren im Gespräch und habe mir gewünscht, dass es zur Zusammenarbeit kommt. Mit Simone habe ich auch schon seit langem so etwas wie ein Gespräch und wusste, dass sie am New Materialism interessiert ist. NK, Colin und Farah, waren im letzten Jahr als Kuratorinnen dabei, für die Musical Thursdays, dabei habe ich sie auch als Künstler kennen gelernt und fand es wichtig, diese Soundebene dabei zu haben. Und bei Liz Rosenfeld ging es darum, eine Position zu haben, die queer ist sowie eine andere Art von Dirtyness reingibt. Also, was ich jetzt schon sagen kann, ist, dass es, sollte es einen dritten Apparat dieser Sorte geben, was ich mir sehr wünsche, dann würde ich auf jeden Fall die theoretischen Positionen, die Theorie, genauso ins Programm integrieren. Dass im Prinzip die selbe Entwicklung, die es mit der Musik genommen hat, stattfindet. Dass es auch da einen anderen Austausch gibt. Was natürlich nicht mit allen geht, klar, aber es gibt Leute, wo ich gemerkt habe, dass die ein totales Interesse an einem solchen Diskurs haben und es soll auch nicht so sein, dass von von außen irgendwas landet und wieder weggeht, sondern ein anderer Austausch stattfinden soll.

Was sich als Frage für mich stellt, ist, wie es mit diesen Zeiten des Überlappens, der Anwesenheit, verhält. Es wurde von uns mit einer relativen Offenheit gehandhabt, wer wie lange da ist. Aber wir sind da schon weniger offen als letztes Jahr und ich überlege, ob ich nächstes Jahr noch weniger locker bin. Weil ich das Gefühl habe, dass es einen ziemlich großen Effekt hat, dass man so eine Zeit, das müsstet ihr aber mal sagen, verbringt, zusammen oder nebeneinander, im Gespräch oder in einer Parallelität. Ich nehme sehr stark wahr, dass diejenigen, die lange weg waren, doch viel verpasst haben, oder in so eine externe Position geraten, während es so etwas wie organischere Verknüpfung gibt, die ich nicht erwartet hätte und total schön finde. Zwischen Simone und eurer Arbeit etwa, was ästhetisch, wenn ich mir etwas von ihr oder euch angucke, nicht der erste Gedanke gewesen wäre. Der erste Gedanke ist, Simone und Liz kommen irgendwie zusammen. Mein erster Gedanke war auch nicht, dass Liz und Colin und Farah zusammenkommen. Das ist natürlich durch das Teilen des [Heiz-]Raumes entstanden, was auch eine Herausforderung war und ist.

W: Ich möchte nochmal nachfragen, was Du bereits angedeutet hast, als Du von Deinen Zuschauerinnenerfahrungen und Deiner kuratorischen Praxis sprachst. Wo siehst Du diese Verwebungen und Überlappungen hier konkret? Und, auf das nächste Jahr hin gedacht, wenn Dich das interessiert, wie kannst Du oder wie können wir das weiter forcieren?

S: Das ist letztlich eine heikle Frage. Wir forcieren das ja bereits durch das Teilen des Raumes und der Zeit und ich weiß es nicht, wie weit ich da gehen möchte. Das müssten wir zusammen diskutieren. Was fühlt sich richtig an? Und wofür ist das gut? Abgesehen davon, dass es natürlich gut ist, Verknüpfungen zu haben, Austausch stattfindet, was eine andere Sicht auf andere Praktiken eröffnet, die ich sonst nur als Zuschauerin konsumieren kann. Es ist ja ein Unterschied, einen Prozess, beispielsweise bei Simone und Michael, mitzubekommen, oder einfach in die Show zu gehen. Was sind dann die Fragen? Wie wird was gemacht? Bei einer choreographischen Praxis, die anders mit Material umgeht, die anders Material generiert, als es bei euch vielleicht geschieht. Oder sicher ganz anders, als es bei Hendrik und Maika der Fall ist. Das finde ich interessant unter dem Aspekt der Ansteckung. Was gibt es da für Ansteckungspotential und wie entsteht daraus interessante, ästhetische Praxis, die ich so vielleicht noch nicht gesehen habe? Oder wir.

W: Darauf zielte der erste Teil meiner Frage ab. Kannst Du das vielleicht konkret an einem Beispiel hier erzählen? Oder anhand einer Situation, wo du das hier erlebt hast?

S: Hast Du etwas dazu im Kopf?

W: Nein, ich bin erst seit zwei, drei Tagen hier.

S: Natürlich. Haha. Also, ich habe den Eindruck, da müssen wir aber nochmal mit Hinblick auf DRECK DIE SHOW gucken, dass es bei Liz und Colin und Farah schon sehr massiv war. Durch das Teilen des Raumes und dem Sound der beiden, der schon sehr bestimmend ist. Da gab es dann auch einen kleinen Konflikt – wie kommen wir denn damit klar? Sowie eine völlig andere Arbeitsweise. Also, Liz, die sich hinsetzt und sechs Wochen an ihrem Schreibtisch schneidet und ihren Job macht. In so einer Kontinuität sagt, ich bin jetzt hier. Und Colin, Farah und Frederik, die in den Raum reinkommen, mit einem Lapbook und einem komplett durchgetakteten Tag, der so und so auszusehen hat; wo ich es dann so wahrgenommen habe, dass die sich schon von Liz zu einem eher entspannteren Einstieg in die Arbeit haben inspirieren lassen. Was sicher nicht heißt, weniger effektiv zu arbeiten. Auch vom Material her, wo es umgekehrt war, dass Liz sich hat komplett infizieren lassen, von dieser Methode des Projektionismus und damit jetzt sozusagen schwanger geht und es in ihre Arbeit integriert. Das ist die Methode, die sie vorgestellt oder für ihr Lecturekonzert angewandt haben, die Solomon Nikritin in den zwanziger Jahren entwickelt hat, um zu sagen, die Künstlerinnen sind nicht dazu da, die Gegenwart oder Realität abzubilden, sondern sie neu zu projizieren. Da habe ich mich schon sehr gefreut, als sie das vorgestellt haben, weil das auch so etwas wie meine Mission ist. Meine Mission ist, ein neues materialistisches Theater zu formulieren, auf eine bessere Art der Wirklichkeitsdarstellung abzuzielen, weil wir davon ausgehen, dass wir so, auf eine bestimmte Art und Weise, Wirklichkeit herstellen. Was letztlich mit dem Materialismus verknüpft ist.

W: Aus dieser Erfahrung, als Beispiel, steht die Frage im Raum nach dem Format. Hast Du da bereits eine Phantasie, ich frage dich jetzt wieder als Kuratorin, wie ein solches Beispiel in Formatform aussieht?

S: Wie könnte es aussehen. Wir haben jetzt einen Antrag gestellt, für einen Theaterabend, den wir in so einer Form entwickeln wollen, nur ein bisschen anders. MAGICAL.ACTS.MATTER habe ich das jetzt genannt, als Arbeitstitel. Das orientiert sich an Alejandro Jodorowsky und dessen Psychomagie und wir haben jetzt sechs verschiedene Leute gefragt, psychomagische Akte in ihrer Ästhetik umzusetzen und wollen daraus einen Abend machen. In den Sophiensaelen und dann auf Kampnagel. Ja, da habe ich auch Colin und Farah für die Musik angefragt und Imogen für Video. Ansonsten wird Sharon von GOB Squad dabei sein, Melanie Jame Wolf und Florian Feigl [?] werden auch noch dabei sein. Also ganz coole Leute. Ich glaube, das wird sehr interessant und mal ein ganz anderer Versuch, damit umzugehen, wie wir einen Theaterabend machen können. Ich habe das Gefühl, dass es bei Magical.Acts.Matter auf einen klassischeren Probenprozess, in Parallelität, hinausläuft, wobei wir da auch keine Regie haben werden, darauf lege ich Wert. Die Vorstellung ist schon, dass es Probenräume geben wird und nicht alle in einen Raum sitzen, das wird kaum gehen, wir wollen es aber so takten, dass es vielleicht hier, in den Uferstudios, Räume gibt, wo einige was probieren und trotzdem in einen Austausch kommen. Also, keine komplett separate Arbeiten, die dann irgendwie zusammengewürfelt werden. Das ist, glaube ich, wichtig.

Fürs nächste Jahr ist mein Wunsch, nochmal einen expansiveren Apparat zu machen, mit einer gemeinsamen Recherche. Den habe ich auch schon beantragt, PHARMAKON, wo ich nicht weiß, ob wir Geld bekommen. Dabei soll es um Kybernetik und Menschenopfer gehen. Da haben wir jetzt gedacht, tatsächlich vier Wochen Zeitraum kompakt für alle, hier vor Ort, zu machen. Dass man doch diese Verdichtung macht und diese Zeiten nicht so freistellt, sondern sagt, wer dabei ist, ist dabei, es sind diese vier Woche. Dann aber vielleicht nochmal anders mit den Öffnungszeiten umgeht und gemeinsam diskutiert, was pragmatische Setzungen sind, Zugänglichkeit schafft, jede Woche undsoweiter. Alle Leute früh in Entscheidungen einzubeziehen ist nicht so einfach, ich möchte das aber nächstes Jahr versuchen, anders zu denken. Und dann würde dieses Ding auch wandern, nach Athen und Wien. Ja.

W: Irgendwie scheint da eine Erzählung aufzuscheinen. Dich nochmal als Kuratorin gefragt, die von einer lockeren, sagen wir, Umgangsweise mit den Künstlern und Künstlerinnen ausgegangen ist, jetzt aber dazu tendiert, strikter oder strenger zu agieren?

S: Das wird auch so beantwortet. Auch ihr wollt jetzt nochmal ein Gespräch führen. Ich habe das Gefühl, dass der Austausch, den wir über das gemeinsame Essen gestartet haben, total wichtig ist und, dass es so was gibt, wie eine Sehnsucht nach Verknüpfung. Das nehme ich ganz stark wahr. Was mich, ehrlich gesprochen, total überrascht. Im letzten Jahr war mir nicht klar, ob ich die Leute für solch einen Apparat überhaupt anfragen kann. Abseits von klassischen Probenprozessen, wobei keine tourbare Show herauskommt undsoweiter. Wie fügt sich das in die allgemein Ökonomie ein? Und da war es schon so, dass Kate McIntosh, die damals diejenige mit dem großen Namen war, gesagt hat, wie geil das ist. Oder Oblivia fanden es auch großartig, einfach mal so einen Raum zu haben, der nicht leer ist. Da hatte ich die Leute dann auch so angefragt, dass es da thematische Anknüpfungspunkte, einen anderen Resonanzraum gibt, wo andere Leute sind und daraus etwas neues entstehen kann.

Jetzt empfinde ich es fast noch stärker. Auch jemand wie Simone, die einen toughen Schedule hat, als Performerin und Choreographin, die die Zeit hier nutzt – mit Lust und Interesse an den anderen. Insofern habe ich das Gefühl, dass diese Intuition, die vor der Idee, so etwas zu bauen, lag, richtig ist. Die ja sehr stark kam aus meiner Praxis am HAU und IMPULSE. Was sind überhaupt die Bedürfnisse? Was bauen wir? Welchen Apparat bedienen wir die ganze Zeit? Was wünschen sich die Künstlerinnen und wo führt das überall hin? Was für eine Art Produkt generieren wir und wie kommt das wieder zusammen mit den Leuten, für die wir das dann machen? Ich selber habe eine große Lust, das noch weiterzutreiben. Es war niemals geplant, drei Apparate zu machen. Ich bin von einem ausgegangen – Mykorrhiza letztes Jahr. Unterwegs wurde aber gesagt, es müsste bitte nochmal einer sein, bitte noch einen! Jetzt denke ich auch, ein dritter muss irgendwie noch sein. Damit das Format noch woandershin wachsen kann, das ja mit einer gewissen Annahme begonnen hat, und wie bei jedem Prozess entwickelt sich das und geht irgendwohin weiter. Ich habe außerdem das Bedürfnis, irgendetwas zu verstetigen oder, dass das Format selber vielleicht irgendeine Art von Virus entwickelt. Es war interessant, was Kira Kirsch als Spielstättenbescheinigung für Wien, für Pharmakon, geschrieben hat. Dass sie das für ein zukunftsweisendes Format hält, wie Leute zusammenarbeiten. Darüber habe ich mich total gefreut. Aber die Wahrnehmung ist halt noch nicht so richtig da, wir brauchen echt noch ein bisschen Atem.

C: Kannst du sagen, was der Begriff Apparat für dich in diesem Zusammenhang bedeutet?

S: Geklaut ist er von Karen Barard, klar. Eine Situation, die wir generieren, zusammen, aus der Konstellation aller Beteiligten, menschliche und nicht-menschliche, Akteure. Für den Kontext Theater oder performativer Kunstproduktion ist das hier ein Apparat, der sich wie ein Parasit in einen anderen Apparat hineinsetzt und diesen informiert.

C: War das für dich auch ein Ausschlag zur Kybernetik überzugehen?

S: Eigentlich nicht, aber es passt natürlich gut. Das ist eher eine Genese aus der Bewegung von Mykorrhiza zu Dreck, dann Kybernetik. Wachstum als eine Bewegung, die wir nicht richtig verstehen, weiter zu befragen. Retrospektiv ist mir das auch erst nach der Düsseldorfer Mykorrhiza-Station klar geworden, dass ich selber so einen kybernetischen Sprech nutze. Und dies der Sache sicher nicht gerecht wird, der Kybernetik, als einer Königsdisziplin unserer Zeit. Mein Wunsch wäre dann auch, ohne es zu Ende gedacht zu haben, am Schluss in ein klassisches Theaterhaus zu gehen, weil das eben für sich selbst auch eine Maschine ist. Überhaupt könnte das der nächste Schritt sein, mit dem Maschinenraum des Theaters, wie er eben gebaut ist, wieder mehr zu arbeiten. Der ja eine bestimmte Historisierung oder Reflexion braucht. Wie könnten wir damit umgehen? Eine Zeitlang habe ich gedacht, wir müssten diese Theaterhäuser abreißen, das ist natürlich Quatsch, aber vielleicht müssen wir sie auf eine andere Art und Weise aufladen.

HILKJE: Mich interessieren nochmal deine Erfahrungen mit der Zuschauendenseite. Wie haben Leute, die hierher gekommen sind und zum Beispiel bei den OPEN HOUSES zu Gast waren, deren Prozesshaftigkeit und stattgefundenen Überlagerungen wahrgenommen? Hat das vielleicht sogar eine bessere Zugänglichkeit? Um ins Gespräch zu kommen?

S: Teils, teils. Gerade auf dem Weg hierhin habe ich darüber nachgedacht, dass wir im letzten Jahr einen gefühlt anderen Flow hatten, mit Publikum von Außen. Das ist ja immer mein Horrorszenario, nur unter sich zu bleiben. Nicht nur wir als Dreckisten, sondern die Szene. Da, finde ich, kann sich noch was tun. Eine stärkere Verknüpfung. Mein Eindruck ist, dass es für viele Leute schwer ist, wahrzunehmen, was hier passiert, obwohl es eigentlich gar nicht schwer zu verstehen ist.

Manchmal denke ich, dass alles was hier in der Freien Szene stattfindet, ist wie ein großer, künstlerischer Forschungsverbund. Ich gucke mir irgendetwas an, eine Arbeit in den Sophiensaelen und denke, krass, jetzt machen die das. Sachen tauchen wieder auf, wo ich das Gefühl habe, es wurde auf Bestimmtes gehört, oder reagiert auf andere Arbeiten. Was total legitim ist, aber wie kommuniziert sich das irgendwoanders hin, das ist eine große und wichtige Frage. Die kann ich nicht gut beantworten.

W: Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, warum wir hier sind. Interessanterweise hattest du schon vorher als Bedürfnis formuliert, dass die Künstler_innen untereinander mehr in Kontakt treten, aber auch mit den Zuschauer_innen. Naiv könnte man sagen, dass das eigentlich nichts besonderes ist, wenn Menschen miteinander in einen spürbaren Kontakt und Kontext miteinander kommen wollen. Was hat das dann wieder mit dem Thema DRECK zu tun?

HIEU: Das führt die Frage nach einer politischen Agenda fort. Zu sagen, es gibt den Wunsch nach einer irgendwie angemesseneren Darstellungen von Welt, aber auch kritisch zu bemerken, es gibt so viele weiße Räume, cleane Räume. Wo für mich extrem aufgegangen ist, gemeinsam in einer Lecture zu sitzen, während gleichzeitig geschnibbelt wird und die Porosität, wovon auch in der Soziologie gesprochen wird, sofort spürbar ist. Wie ist das dann aber tatsächlich gewesen? Ich komme nochmal auf Hilkjes Frage zurück, wie hat es sich in der wirklichen Zuschauer_innenerfahrung ergeben?

S: Ich glaube, dass die Leute hier ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Bei den Vorträgen etwa, ist natürlich noch eine andere Szene, eine Theorieszene, anwesend, teilweise. Bei den Open Houses hatten wir teilweise eher wenige Leute, die dann oft aus dem Umfeld der Künstlerinnen kommen. Wir haben nicht geschafft, etwas zu machen, das okay, da muss ich hin war, außer bei der Eröffnung. Was schon mal viel ist. Dort und auch wenn die Leute wiedergekommen sind, waren sie in der Regel schon ziemlich begeistert bis neugierig, haben vielleicht nicht alles verstanden, fanden es aber interessant. Da bräuchte es vielleicht einen noch längeren Atem, auch wenn ich vorhin gesagt habe, wir wollen nächstes Jahr nur vier Wochen machen. Wobei ich auch gemerkt habe, dass Leute wegen Mykorrhiza wiedergekommen sind und es in der Stadt einen Gossip gibt, das weiß ich. Eine Neugier gibt es und deswegen habe ich die Öffnungszeiten für nächstes Jahr angesprochen. Wichtig war mir die Porosität, auch für den Produktionsprozess. Gegen den Elfenbeinturm, wir sind hier schön unter uns und es ist alles auch so gemütlich undosweiter. Ich kriege Aggressionen, wenn Künstler wie unter Welpenschutz behandelt werden. Hier offen zu sein, finde ich schon wichtig. Andererseits kann man aber vielleicht auch eine Verdichtung denken, wo ein Austausch mit Gästen nochmal anders stattfinden kann. Da geht es dann um so etwas wie bleibende Wirkung.

Ich mache noch eine kleine Schleife: Pirkko und ich haben teilweise so frustrierende Erfahrungen gemacht, im HAU, wo wir Sachen richtig geil fanden, die gezeigt haben und es kam okay an. Und Sachen die wir eingeladen haben um die Bude vollzukriegen, wurden dann Hype und toll gefunden. Wo du dich fragst, wofür mache ich das eigentlich? Das hat sehr viel mit ästhetischer Bildung zu tun, letztlich. Was können die Leute wie wahrnehmen undsoweiter. Und das ist eine längere Sache.

Dreck ist für mich thematisch total aufgegangen. In den Beiträgen der Leute einerseits, aber auch im Arbeitsvorgang. Das schöne daran ist, dass es im Vorhinein weitergedacht ist. Dass wir da nochmal eins weitergehen, vielleicht auch mit einer politischen Agenda, wie du es genannt hast, die da dranhängt. Sollen wir uns mit Shakespeare beschäftigen, während irgend ein Pazifikatoll, auf dem Atommüll lagert, geflutet wird? Die Funktion von Theater ist da vielleicht oft total falsch gedacht. Oder es gibt das Sensationalistische, wie vom Zentrum für politische Schönheit: Wir begraben hier mal ganz groß die Toten und machen einen Totenkult, den ich persönlich ganz schrecklich finde. Da bin ich absolut dagegen. Gut, aber es ist interessant als Phänomen, weil es auch wieder zeigt, es gibt eigentlich ein Bedürfnis, auch eine Sensibilität dafür, dass diese ganze Oberfläche, die da generiert wird, nicht stimmt. Wie können wir uns da einmischen und sichtbar werden? Gleichzeitig würde ich immer auch auf André Lepecki verweisen, der sagt, wir sollten Sachen produzieren, die vom System nicht konsumierbar sind. Da sind wir hier auf einem sehr guten Weg. Deswegen bin ich nicht enttäuscht oder traurig, dass wir nur so und so viele Leute erreicht haben. Ich finde, wir haben gut viele Menschen erreicht und es hat vielleicht auch einen Schutz an sich, dass wir nicht ständig die Riesenschleuder sind.

HU: Das heißt zu merken, es gibt die Sensibilität fürs Weltgeschehen und gleichzeitig eine Komplexität so zu initiieren, darüber hinaus, die dem angemessen ist. Ich wollte noch über etwas anderes sprechen, nämlich unser Gespräch auf cobratheater.cobra zurückführen. Zwei Beobachtungen erst mal: Ich sehe das hier ähnlich, als einen willkommenen Zeitraum und Ort, an dem wir unintendiert auf neuen Formen stoßen können, so ähnlich wie du es sagst, dass daraus vielleicht sogar ein Theaterabend werden könnte. Dieser Chor in unserem Fall, der ja auch der Versuch ist, neu und anders Material zu generieren, hat uns jetzt an einen Punkt gebracht, von dem aus wir weitergehen können.

S: Das ist anders als im letzten Jahr, viel intensiver, von dem was ihr gemacht habt.

HU: Zweitens die Frage des Zusammenarbeitens und Zusammenlebens. Wenn Du gerade darüber nachdenkst, wie Künstlergruppen in Zukunft zusammen arbeiten. Da gibt es für uns die Beobachtung, dass wir gerade durch diese Art und Weise hier leben zu können, intensiv miteinander Zeit zu verbringen, gerade durch diese Vorgänge, jemand kommt, dann geht er wieder, jemand anderes kommt dafür, einige Leute bleiben länger, dass gerade daraus für uns die Frage entstand, wie es weitergeht. Kaufen wir uns ein Haus im Thüringer Wald?

S: Die Frage steht ja schon länger im Raum, wenn wir ehrlich sind. Haha.

HU: Die kehrt verschärft wieder. Oder wie ich deine kuratorische oder Theaterpraxis jetzt begreife, die versucht beides zu vereinen: Diesen Apparatcharakter beizubehalten, aber auch Formate zu entwickeln, die vielleicht einen Theaterabend ermöglichen.

S: Letztlich ist das eine Frage der Kollektivität.

HU: Genau. Da möchte ich gerne von Dir wissen, wie Du uns in der Zeit wahrgenommen hast.

S: Ganz schön gestresst dieses Mal. Zwischendurch habe ich mir Sorgen gemacht. Völlig andere Dynamik als letztes Jahr oder auch in Düsseldorf. In Düsseldorf wurde halt dieser lustige Tunnel gebaut und ich wurde mit der Musik meiner Jugend konfrontiert, Dire Straits – danke dafür, Julian! Gleichzeitig waren dort auch die Kinder, was immer eine andere Frage ist. Dein Kind, Hieu, war hier, ist aber auch größer und weniger betreuungsintensiv, der kann sich ja ganz anders einsortieren oder artikulieren und hat nicht diese Krisen eines Kleinkindes – Ich muss schreien, tut jetzt was! – Wobei ich selbst das in Düsseldorf auch nochmal anders erlebt habe. Hier an den Uferstudios kann ich immer rein und raus, im FFT hing ich immer mit rum, auch wenn meine Tochter und ich woanders geschlafen hatten. Und ich hatte immer das Gefühl, dort gab es bei Euch immer eine große Ruhe als Grundhaltung, was ich beeindruckend fand. Letztes Jahr bei Mykorrhiza hatte ich das Gefühl, dass am Anfang überhaupt nicht klar war, was das hier ist. Was nachvollziehbar ist, weil ich im Prinzip über Julian an cobratheater.cobra gekommen bin. Keine Ahnung, ob ihr das überhaupt wisst – der hatte damals beim LUNAPARK ein ganz tolles Fest, zusammen mit Andreas, gemacht. Dann kam Julian aber hier an den Uferstudios an und hat im Prinzip ein Schulstück abgeworfen, was superschwierig war, eigentlich gegen den Apparat und was ich so nie wieder erlauben würde. Einfach weil es nicht stimmte, aber das war eben auch der Moment, wo ich mich gefragt habe, was wir überhaupt machen und verstanden habe, dass es ein solches Stück nicht sein könnte. Was normale Vorgänge sind.

Und bei euren unterschiedlichen Mykorrhiza-Projekten, etwa von Maria, die das Dancing und den Workshop und so weiter veranstaltet hat, wo ich es aber gleichzeitig doch so wahrgenommen habe, dass es eine viel stärkere Konzentration auf den einfachen Vorgang des Hierseins und wie-organisiert-sich-das-zusammen, gab. Anders als jetzt. Jetzt hatte ich viel stärker, dadurch, dass ihr auch immer irgendwo unterwegs wart, geputzt habt, das Gefühl, dass ihr nicht so sehr damit beschäftigt seid, wie es euch mit allem geht, sondern was das sein kann, was ihr hier macht. Das hat natürlich eine andere Qualität. Ich habe es nun so für mich abgelegt, dass cobra auch ein Organismus ist, der sich ständig sortiert und organisiert, was natürlich mit den unterschiedlichen Leuten zu tun hat, wie zum Beispiel kleinen Kindern, die jetzt nicht dabei sind, klar. Aber auch damit, dass cobra jetzt an einem anderen Punkt ist, als letztes Jahr. Ich weiß schon, dass cobra noch mehr Leute sind, die ich alle nicht kenne, ist mir völlig bewusst, aber so meine Einschätzung.

C: Uns ging das ja genauso, oder unsere Wahrnehmung ist ähnlich. Die Zeit hier haben wir als Produktionszeit genutzt und die Frage stand nicht im Fokus, wie wir es uns hier schön machen können.

S: Und das hat euch dann gestresst? Oder was war der Stressfaktor?

C: Der Stressfaktor hat sich wahrscheinlich daraus ergeben, dass wir uns keinen Raum für eigene oder Gruppenbedürfnisse genommen.

S: Interessant.

C: Das reflektieren wir gerade, was an Gruppendynamiken passiert ist. Jetzt haben wir uns eigentlich für diese Woche entschieden, das aufzufangen. Wie können wir diese Gruppenprozesse hinterfragen und anders mit der Residenz umgehen? Hieu hat das ja schon beschrieben, was bei Dreck geschieht, passiert bei uns im Kleinen. Jemand kommt und geht, sich darauf einzulassen und zu beobachten, wie sich dadurch die Gruppe verändert, ist total spannend.

S: Es ist immer Druck, etwas zum zweiten Mal zu machen. Bei Euch schlägt das am meisten zu. Auch bei uns. Vielen hatten total Angst, ob das überhaupt funktioniert. Ich weniger, weil wir so viel verändert haben. Wir sind hier in der direkten Nachfolge von Mykorrhiza, aber Dreck ist anders, das ist immer auch ein Schutz. Dann wolltet ihr wiederum das Essen für alle bei eurer Präsentation machen, wo ich den Eindruck hatte, ehrlich gesagt, dass es das gar nicht gebraucht hätte.

C: Das ist interessant. Wo du jetzt sagst, etwas zum zweiten mal machen – wir waren alle, außer Anne und Martin, gar nicht bei Mykorrhiza dabei.

S: Der war am meisten gestresst. Haha.

C: Was das Essen angeht, war die Erzählung vom letzten Jahr, dass sehr viele Leute vor Ort und alle begeistert waren, es überhaupt ein riesiges Fest war. Wir haben uns entschlossen, das zu reproduzieren, weil wir auch irgendwie dachten, das würde von uns erwartet.

S: Es gab da auch so eine Erwartungshaltung, hier vom Hof, das ist total richtig. Ich hatte die weniger, das habe ich wohl nicht deutlich genug klar gemacht. Das ist vielleicht mein Part dabei. Letztlich habt ihr ja eine Carte Blanche. Im Rahmen dessen, was die hiesige Struktur verlangt. Und die verlangt jedenfalls nicht noch ein großes Nachbarschaftsessen.

C: Diese Erwartung kam wohl auch weniger von außen, sondern war eher hausgemacht.

S: Die haben uns eingeladen, weil es so geil gewesen war… Ja, klar. Bei der Zwischenstation in Düsseldorf hat es mit dem Nachbarschaftsessen auch nicht so richtig geklappt, einfach weil Düsseldorf Düsseldorf ist. Hier waren ja durchaus genügend Leute da. So wie Pepe das macht, hatte es aber auch nicht den Effekt wie bei Mykorrhiza, wo Sachen nach draußen getragen wurden und Boom!, gab es eine große Tafel, wo wir alle sitzen konnten. Trotzdem war euer Open House total schön, das steht außer Frage, bleibt die Frage, was den ganzen Stress generiert. Letztlich hatte ich den Eindruck, dass ihr total mit dem Inhalt befasst wart, die Geheimnisse zu sammeln, dann noch einen Chor innerhalb von nullkommanix auf die Bühne zu stellen – Hut ab! – das ist ja wirklich genug. Auch im Kontext dessen, was andere Leute in der Zeit gemacht haben, wie ihr das benutzt habt undsoweiter.

W: Wir haben jetzt vierundvierzig Minuten geredet und müssen leider aufhören. Als halbaußenstehender Nachzügler, möchte ich nochmal die Frage festhalten, wie Blanche so eine Carte dann wirklich ist. Vielleicht sind da auch so unbewusste und irgendwie mitlaufende Unterscheidungen von dem was Kunst, was Vermittlung ist, im Spiel. Dass wir gerne was produzieren wollen oder so, da auch unausgesprochene Erwartungen an uns selber haben, hier als Künstler aufzutreten, aber eben auch die ungeklärte Frage, ob Stefanie will, dass wir ihr Audience Development betreiben. Und ich vermute, dass diese verschiedenen Bedürfnisse und Erwartungen bei dem OPEN HOUSE in Stress ausgeartet sind. Vielleicht auch aufgrund dessen, dass im Vorhinein nicht ausreichend kommuniziert wurde.

S: Ja, das nehme ich total an. Interessant ist auch für mich zu sehen, dass manche, die viele andere Sachen parallel machen und dann nicht zu den Treffen erscheinen, weil sie fertig und kaputt sind. Andere kommen zu allen Treffen, obwohl sie noch nebenbei ein Stück machen, die würden nie sagen, sie hätten keine Zeit. Beim Tanz gibt es solche Räume, nicht genau so wie hier, aber ähnlich, viel häufiger. Im Sinne einer Residenz. Das wäre auch noch eine politische Agenda, so etwas für diesen Bereich stärker zu etablieren, weil das irgendwie fehlt und dadurch gibt es einen anderen Umgang damit. Ich habe es schon beobachtet, wer hier was wie bedient. Für euch, gerade als Gruppe, die sich vom Theater aus definiert, extrem wichtig, dass ihr euch so etwas nehmt. Auch wenn ich sehe, ihr macht jetzt Doppelpass undsoweiter. Ich bin ja nur ich, nicht die Parkaue, sondern freundschaftlich mit euch verbunden und trotzdem passieren solche Situation und das ist doch interessant, als Effekt.

W: Aber ist das nicht auch ein Problem? Die Sympathie?

S: Ja, man grenzt sich nicht ab, das ist natürlich auch ein Faktor.

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