journal 3

 

Gestern war Probe und ich wollte irgendwann S erklären, wo das Bein hoch muss, wenn der Arm so schnell links ausfährt, und sie den Schwung nach vorne mitnimmt. Mittendrin merke ich, dass ich nicht verstehe, was ich rede und was mir daran wichtig ist. S kann es auch nicht verstehen. Kurzer Fundamentalzusammenbruch, ich setze mich wieder hin und wir sagen, okay, weitermachen. S geht ab, ohne das Bein vorher explizit hochzuheben, R steht wieder so da, die Arme vor sich haltend, sie singt. Keine Ahnung, wie es weitergeht, ich bin ein sitzendes Würstchen mit gekrümmten Rücken. Meine Antizipationsfähigkeit endete, ich sagte und dachte nichts mehr, die anderen machen weiter. Beruhigend, dass das Theater weitergeht. Auch grausam, aber das ist mein persönliches Problem. Die akut erfahrene Totalfragilität einer Arbeit, gemeinsam irgendwelchen Geschehnissen Bedeutung zuzumessen, damit sie sich so oder irgendwie so ähnlich wiederholten, was in jeder Aktualisierung davon bedroht ist, sich in der Öffentlichkeit als unhaltbar darzustellen. Ständige Messarbeit. Theaterarbeit, seltsamerweise schäme ich mich immer noch für das Wort, obwohl und weil es auch vom DGB kommen könnte. Aber bloß die extrem eigensinnige Sequenzierungen einzelner kommunikativer Elemente meint. Organisation, die einem seltsamen sozialen Rhythmus folgt, der sich danach total ausrichtet, was die Einzelnen anbieten, wie es so schön heißt, womit die Anderen produktiv umgehen zu können haben. Weil es so verschwenderisch viel ist, muss selektiert werden, wechselseitig. Großzügig abzusehen z.B. vom sozialen Abfall, der aufeinander abgeladen wird. Und ich saß da, als Würstchen, und dachte nichts. Keine Anschlussangebote. Das oft herbeigewünschte Schweigen der Regie/des Außenblicks, könnte ich jetzt sagen, aber es ist auch nicht besser. Ich kommunzierte nur, dass nichts gesagt werden will, soll und kann. Ja, mir fällt nichts ein zu Dir. Schade, wie schwer so etwas wiegt. Für beide Parteien. Aber schlimm ist nicht, dass da nicht das passierte, von dem ich dachte, es ginge mal von mir aus. Die Ahnung einer Idee sich nicht entfalten zu sehen ist weniger verstörend, als die Leere, dass da nichts ist. Nichts, was die Idee ersetzt. Habe ich noch nicht auszuhalten gelernt, stattdessen maximaler Ekel gegenüber der gesamten Situation. Das einzelne Weggehen eines armen Würtschens bestürzt, aber jede Einzelgestaltung wird der Sozialdynamik Theater nicht Herr werden, das Theater geht weiter, weswegen wohl auch immer lange geprobt werden muss. Die Qualität der Einzelnen hervorgehoben werden muss. Und gesoffen natürlich. Selbstekel und vor den Anderen – kann alles nur mit Suff und Weitergerede bekämpft werden. Trostfreund Bierchen. Die eigene Mattigkeit akzeptieren lernen und ahnen, es ist egal, wann Du gehst und auch gerne nicht mehr wiederkommst, das Theater geht interessanterweise noch ein bisschen weiter. Mit Service habe ich übrigens aufgehört. Ich schaffe es auch so. Jetzt nur noch nur noch geile Sachen. Ich nehme nur noch die Biere entgegen und zahle gerne. Für Bier immer gerne. Das Saufen emotionalisiert wiederum am anderen Tag auf schöne sowie inakzeptable Weise. Total prosaische Stimmung drängt sich auf, B am Hbf zu sehen, wie sie akut besoffen auf der Straße steht und mit ihrem Hund streitet. Als ich zum Buseinstieg aufstehe, erschrecke ich vor meinem Geruch. Wir fahren zu viert im Gelenkbus an einem Fenster vorbei, aus dem eine Webcam einen Parkplatz filmt. Scheint mir alles notierenswert, sind wichtige Intensiverfahrungen, belegen die Schönheit meiner Existenz ganz natürlich. Sinn ist im postalkoholisierten Stadium wieder schwer im Kommen, übersteigerter Aufnahmebereitsschaftsmodus, alles anzustarren und als totalschön zu erleben. Alles hat mehr Wert, komplett anregende Erfahrungen rund um die Uhr, Eskapismus. Schwer beschreibend zu verantworten, mir fehlen die Worte. Also doch wieder Probe. ICH GEHE WIEDER ZUR PROBE EGAL WAS GESTERN WAR. Restbesoffen zur Probe ist eigentlich sozial anerkannter Eskapismus. Wieder ganz normal eine Szene bearbeiten und ich kann später rühmen, wie ich unsere Normalität durchgehalten habe. Etwas Herbeigeschafftes überarbeiteten, überprüfen. Das heisst, darum geht der Eintrag eigentlich, bemerkenswert, wie viel gesagt wird, allein weil es erwartet wird. Öfter in Form des diffusen Übereinkommens, okay, das machen wir so. Viel wichtiger natürlich noch das Schweigen. Und was Einfall war, wird Bewegung, Asynchronizität. Ruhige Beobachtung, dass nur die Zeit geteilt wird, nicht die Störung, nicht das Symptom. Und das ist auch nur ein guter Fall.

 


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