cobrajournal.cobra

„Was bedeutet cobratheater.cobra für mich und was mache ich aktuell mit cobra?“

cobraALL.cobra : 12. Oktober 2016 01:04 : blog, cobrajournal.cobra

Im Kreis versammelt, am Schluss eines gemeinsam verbrachten Wochenendes, antworten anwesende Cobras auf die Frage „Was bedeutet cobratheater.cobra für mich und was mache ich aktuell mit cobra?“ – 25.09.16 Uferstudios Berlin

  • Eigeninitiative
  • Ein Haus, wo die Tür nicht abgeschlossen ist, man keine Hausschuhe anziehen oder Regeln befolgen muss und trotzdem immer nach Kaffee fragen kann
  • Raum und Menschen, um eigene Ideale auszuloten und Gleichgesinnte zu finden, die sich an den Strukturen und Hierarchien des Stadttheaters (des Theaters und wie es gerade läuft) kratzen
  • Ich will nicht in die Theater-Maschinerie rein. Cobra als Gegenposition zu klassischen Theaterinstitutionen/Häusern
  • Für mich ist die cobra sehr lang. Ich erfreue mich an ihrer Länge, ohne sie messen zu wollen
  • Cobra als Möglichkeit, Leute zu finden und zusammenzuarbeiten
  • Für mich ist cobra Freundschaft; Menschen, die mir sympathisch sind und mit denen ich gern zusammen arbeiten will
  • Cobra als der Wille zum Austausch, zur Begegnung und zur Kritik. Cobra als Un-Eile herauszufinden, wer und was cobra ist bzw. wer/was nicht. Das Diverse und die nicht selbstverständliche Außenwahrnehmung
  • Cobra als Bezugspunkt für ganz viel. Möglichkeit mich mit Dingen und Menschen beschäftigen zu können, ohne es gleich als Produkt für den komischen Kunstmarkt entwickeln zu müssen
  • Ich würde gern in Zukunft mehr Leute einladen in die Räume, die cobra öffnet, reinzugehen
  • Cobra als Insel, auf der sich verschiedene Leute treffen, die gut aussehen und man trifft sich dort und macht verschiedene Formate und geht wieder, macht mit anderen etwas anderes und kommt auf der Insel wieder zusammen und trifft dort vielleicht doch wieder Neue auf der Insel
  • Cobra ist für mich: „Ja, ruf doch mal an!“
  • Cobra ist das Haus, in dem ich ab und an zu Besuch bin und anderen, die zu Besuch sind, auch Kaffee anbiete und dann auch irgendwann mal wieder gehe. Manchmal habe ich Küchendienst und manchmal lese ich, währenddessen wer anderes backt
  • Cobra als Multifunktionswerkzeug, dessen gesammelte Funktionen ich noch nicht alle gut beherrsche
  • Cobra als Hausnummer, die ich mir gern in den Nebenjob aufschreibe; wo ich mich gern aufhalte, wenngleich ich das Gefühl habe, manche Türen seien noch verschlossen oder ich finde den Weg noch nicht gut
  • Nach diesem Wochenende würde ich sagen: Die Cobra ist noch nicht fertig. Und ich gehe dennoch jetzt gern und mit gute Gefühl nach Hause
  • Cobra als Familie, die ich mir nicht ausgesucht habe, aber mich entschied zu bleiben; wo ich Menschen treffe, mit denen ich mich auseinandersetzen muss.
  • Cobra als Möglichkeitsraum und Struktur, von der ich mich distanzieren und auch bewegen muss. Die Cobra produziert Kunst, die ich auch weiterhin sehen will
  • Cobra ist eine ganz schöne Möglichkeit zu sehen, was ihr alle macht
  • Cobra als Angebot, mich einzubringen und selbst zu entscheiden, wie viel ich mich einbringen will. Cobra als Plattform zu lernen und zu gucken, welche Denkansätze man hat
  • Cobra als Gesprächspartner mit Bereitschaft, gemeinsam zu experimentieren
  • Cobra als Relativierung. Cobra als Destabilisierung des eigenen Handelns, der eigenen Praxis. Um zu reflektieren, wie ich mich zu anderen verhalte, z. Bsp. in Bezug auf Kulturpolitik
  • Cobra als langsames Langes und langanhaltendes Gespräch. Ich verwirkliche im Namen der Cobra Projekte. Mein Wunsch ist es, dass die Cobra in Zukunft weniger bedeutet, dass ich Projekte darin mache, sondern der Austausch miteinander und mit anderen größer wird. Cobra-machen heißt, Sachen in Kommunikation miteinander bringen
  • Die Arbeit an einer neuen Vision von Arbeit
  • Der Versuch solidarisch miteinander zu sein und nicht aus dem Anstellungsbehältnis heraus oder von oben zum Handeln aufgefordert zu werden
  • Cobra tauscht Arbeitsinstrumente, ist Weiterbildungsort, stellt gegenseitig Dinge/Wissen zur Verfügung
  • Was ich gerade mit der Cobra mache: ich mach weiter
  • Die Cobra lädt sich gegenseitig ein
  • Cobra als Antwort auf die Frage, warum ich Theater mache und dass es noch was anderes gibt, als diese Theaterhäuser bzw. die Betrieblichkeit an Häusern
  • Cobra als Arbeitsfeld, das es mir ermöglicht, interdisziplinäre Projekte zu entwickeln und zu verwirklichen. Cobra findet zwischen den Disziplinen statt. Cobra sind konkrete Räume, in denen konkrete Menschen aufeinander treffen, die bestimmte Machträume (leider noch) nicht formulieren – nicht für sich und nicht nach außen
  • Als Cobra handeln bedeutet auch, den Moment der Cobrakritik in die eigene Inszenierung aufzugreifen und so zu handeln (Publikum einbinden)
  • Netzwerk, für das ich große Sympathie und Interesse habe. Es geht für mich hier darum, in anderen Formen von Theater zu arbeiten. Mein Kontakt zur Cobra beruht auf einzelnen Freunden, die ich z. Bsp. aus Hildesheim kenne
  • Für mich ist sehr schwer zu sagen, was cobratheater.cobra ist. Es sind immer ähnliche Fragen und die Fragen ändern sich kaum, was mir zeigt, dass ich mit der cobra altere. Ich denke immer, dass es noch krass viele Sachen gibt, die es zu tun gibt. Cobra ist für mich, dass ich damit gerade Geld verdiene (Doppelpass) und es für andere Menschen zugänglich machen will, dass sie auch was davon abkriegen

(Zitate zusammengetragen von Carolin Gerlach)

Einen Kommentar hinterlassen»

Irgendwohin weiter

wanja : 21. Oktober 2015 16:26 : Allgemein, blog, cobra, cobrajournal.cobra, cobrakritik.cobra, cobrakritik.cobra, cobrakritik.cobra

Mittwoch der 08.07.2015, in der Küche der Uferstudios, Berlin. Charlotte, Hieu, Hilkje, Wanja im Gespräch mit Stefanie über die Kunstresidenz DRECK – EIN APPARAT.

WANJA: Beschreibe doch bitte, wie du die Dreckzeit an den Uferstudios erlebt hast und welche Erkenntnisse du daraus jetzt schon ziehst.

STEFANIE: Sehr intensiv auf jeden Fall. Eine intensive Zeit und ich habe immer so eine andere Folie, durch MYKORRHIZA, durch letztes Jahr, und vergleiche auf eine Art, andererseits gar nicht. Was ich schon im Vorfeld interessant fand, war, dass die Künstlerinnen – ihr, die Gruppe, die sich aus verschiedenen Gruppierungen zusammengesetzt hat – extrem konzentriert am Thema ist und sich sehr stark auf das Format eingelassen hat. Das finde ich ziemlich bemerkenswert. Auch in Gesprächen untereinander nehme ich das so wahr. Zwischen den Einzelgruppen und der jeweils eigenen Arbeit. So, dass ich im Moment etwas sehe, was ich normalerweise problematisch finde, etwas wie eine künstlerische Forschung, die da statt findet. Eine Recherche, die thematisch erst mal eine Richtung bekommen hat, durch unseren Raum und die Fragen, die wir vorformuliert haben, die sich dann entfernt hat, aber wieder rückgekoppelt wird und sich zu den jetzigen, unterschiedlichen Positionen verknüpft. Auf eine elegant zufällige Art und Weise. Das sind so Strömungen, Sachen, die In The Air sind, die liegen nahe, wenn wir uns jetzt, gerade hier, mit einer Thematik befassen. Das sind Effekte, die ich ziemlich interessant finde. Für mich geht es als Fragestellung immer auch darum, wie wir Theater machen und was für ein Theater wir machen. Da habe ich den Eindruck, was eigentlich noch zu früh ist, weil wir noch mitten drin sind, aber aus den Erfahrungen, die wir im letzten Jahr gemacht haben und mit der Zeit in Düsseldorf im Hinterkopf, als eine Art Zwischenstation, Mykorrhiza Berlin, Mykorrhiza Düsseldorf und jetzt Dreck hier – da sind wir schon woanders angekommen.

Also, wie können aus solchen Konstellationen Theaterarbeiten werden? Wie entsteht daraus ein Programm, was für eine Art Programm entsteht daraus? Das ist so ein Annäherungsprozess.

CHARLOTTE: Eine Frage für uns war auch, wie dein Konzept bei der Auswahl der eingeladenen Künstlerinnen war.

S: cobras sind halt immer dabei… Nein, Quatsch, ich wollte die Zusammenarbeit allerdings fortsetzen. Das war ein Wunsch, da dieses Format des Apparats sehr stark damit umgeht, zu fragen, wie arbeiten wir zusammen, was auch ein Grundthema von cobra ist. Weswegen ich mir eure Präsenz gewünscht habe. Hendrik und Maika waren im letzten Jahr nur mit einem Schlusskonzert dabei, da wollte ich sie nun gerne richtig in Residenz sehen. Im letzten Jahr ging sich das nicht anders aus, aber durch ihre Arbeit mit natürlichen Materialien, Natur und Theater, fand ich die schon für Mykorrhiza naheliegend, für Dreck sowieso. Mit denen bin ich schon seit Jahren im Gespräch und habe mir gewünscht, dass es zur Zusammenarbeit kommt. Mit Simone habe ich auch schon seit langem so etwas wie ein Gespräch und wusste, dass sie am New Materialism interessiert ist. NK, Colin und Farah, waren im letzten Jahr als Kuratorinnen dabei, für die Musical Thursdays, dabei habe ich sie auch als Künstler kennen gelernt und fand es wichtig, diese Soundebene dabei zu haben. Und bei Liz Rosenfeld ging es darum, eine Position zu haben, die queer ist sowie eine andere Art von Dirtyness reingibt. Also, was ich jetzt schon sagen kann, ist, dass es, sollte es einen dritten Apparat dieser Sorte geben, was ich mir sehr wünsche, dann würde ich auf jeden Fall die theoretischen Positionen, die Theorie, genauso ins Programm integrieren. Dass im Prinzip die selbe Entwicklung, die es mit der Musik genommen hat, stattfindet. Dass es auch da einen anderen Austausch gibt. Was natürlich nicht mit allen geht, klar, aber es gibt Leute, wo ich gemerkt habe, dass die ein totales Interesse an einem solchen Diskurs haben und es soll auch nicht so sein, dass von von außen irgendwas landet und wieder weggeht, sondern ein anderer Austausch stattfinden soll.

Was sich als Frage für mich stellt, ist, wie es mit diesen Zeiten des Überlappens, der Anwesenheit, verhält. Es wurde von uns mit einer relativen Offenheit gehandhabt, wer wie lange da ist. Aber wir sind da schon weniger offen als letztes Jahr und ich überlege, ob ich nächstes Jahr noch weniger locker bin. Weil ich das Gefühl habe, dass es einen ziemlich großen Effekt hat, dass man so eine Zeit, das müsstet ihr aber mal sagen, verbringt, zusammen oder nebeneinander, im Gespräch oder in einer Parallelität. Ich nehme sehr stark wahr, dass diejenigen, die lange weg waren, doch viel verpasst haben, oder in so eine externe Position geraten, während es so etwas wie organischere Verknüpfung gibt, die ich nicht erwartet hätte und total schön finde. Zwischen Simone und eurer Arbeit etwa, was ästhetisch, wenn ich mir etwas von ihr oder euch angucke, nicht der erste Gedanke gewesen wäre. Der erste Gedanke ist, Simone und Liz kommen irgendwie zusammen. Mein erster Gedanke war auch nicht, dass Liz und Colin und Farah zusammenkommen. Das ist natürlich durch das Teilen des [Heiz-]Raumes entstanden, was auch eine Herausforderung war und ist.

W: Ich möchte nochmal nachfragen, was Du bereits angedeutet hast, als Du von Deinen Zuschauerinnenerfahrungen und Deiner kuratorischen Praxis sprachst. Wo siehst Du diese Verwebungen und Überlappungen hier konkret? Und, auf das nächste Jahr hin gedacht, wenn Dich das interessiert, wie kannst Du oder wie können wir das weiter forcieren?

S: Das ist letztlich eine heikle Frage. Wir forcieren das ja bereits durch das Teilen des Raumes und der Zeit und ich weiß es nicht, wie weit ich da gehen möchte. Das müssten wir zusammen diskutieren. Was fühlt sich richtig an? Und wofür ist das gut? Abgesehen davon, dass es natürlich gut ist, Verknüpfungen zu haben, Austausch stattfindet, was eine andere Sicht auf andere Praktiken eröffnet, die ich sonst nur als Zuschauerin konsumieren kann. Es ist ja ein Unterschied, einen Prozess, beispielsweise bei Simone und Michael, mitzubekommen, oder einfach in die Show zu gehen. Was sind dann die Fragen? Wie wird was gemacht? Bei einer choreographischen Praxis, die anders mit Material umgeht, die anders Material generiert, als es bei euch vielleicht geschieht. Oder sicher ganz anders, als es bei Hendrik und Maika der Fall ist. Das finde ich interessant unter dem Aspekt der Ansteckung. Was gibt es da für Ansteckungspotential und wie entsteht daraus interessante, ästhetische Praxis, die ich so vielleicht noch nicht gesehen habe? Oder wir.

W: Darauf zielte der erste Teil meiner Frage ab. Kannst Du das vielleicht konkret an einem Beispiel hier erzählen? Oder anhand einer Situation, wo du das hier erlebt hast?

S: Hast Du etwas dazu im Kopf?

W: Nein, ich bin erst seit zwei, drei Tagen hier.

S: Natürlich. Haha. Also, ich habe den Eindruck, da müssen wir aber nochmal mit Hinblick auf DRECK DIE SHOW gucken, dass es bei Liz und Colin und Farah schon sehr massiv war. Durch das Teilen des Raumes und dem Sound der beiden, der schon sehr bestimmend ist. Da gab es dann auch einen kleinen Konflikt – wie kommen wir denn damit klar? Sowie eine völlig andere Arbeitsweise. Also, Liz, die sich hinsetzt und sechs Wochen an ihrem Schreibtisch schneidet und ihren Job macht. In so einer Kontinuität sagt, ich bin jetzt hier. Und Colin, Farah und Frederik, die in den Raum reinkommen, mit einem Lapbook und einem komplett durchgetakteten Tag, der so und so auszusehen hat; wo ich es dann so wahrgenommen habe, dass die sich schon von Liz zu einem eher entspannteren Einstieg in die Arbeit haben inspirieren lassen. Was sicher nicht heißt, weniger effektiv zu arbeiten. Auch vom Material her, wo es umgekehrt war, dass Liz sich hat komplett infizieren lassen, von dieser Methode des Projektionismus und damit jetzt sozusagen schwanger geht und es in ihre Arbeit integriert. Das ist die Methode, die sie vorgestellt oder für ihr Lecturekonzert angewandt haben, die Solomon Nikritin in den zwanziger Jahren entwickelt hat, um zu sagen, die Künstlerinnen sind nicht dazu da, die Gegenwart oder Realität abzubilden, sondern sie neu zu projizieren. Da habe ich mich schon sehr gefreut, als sie das vorgestellt haben, weil das auch so etwas wie meine Mission ist. Meine Mission ist, ein neues materialistisches Theater zu formulieren, auf eine bessere Art der Wirklichkeitsdarstellung abzuzielen, weil wir davon ausgehen, dass wir so, auf eine bestimmte Art und Weise, Wirklichkeit herstellen. Was letztlich mit dem Materialismus verknüpft ist.

W: Aus dieser Erfahrung, als Beispiel, steht die Frage im Raum nach dem Format. Hast Du da bereits eine Phantasie, ich frage dich jetzt wieder als Kuratorin, wie ein solches Beispiel in Formatform aussieht?

S: Wie könnte es aussehen. Wir haben jetzt einen Antrag gestellt, für einen Theaterabend, den wir in so einer Form entwickeln wollen, nur ein bisschen anders. MAGICAL.ACTS.MATTER habe ich das jetzt genannt, als Arbeitstitel. Das orientiert sich an Alejandro Jodorowsky und dessen Psychomagie und wir haben jetzt sechs verschiedene Leute gefragt, psychomagische Akte in ihrer Ästhetik umzusetzen und wollen daraus einen Abend machen. In den Sophiensaelen und dann auf Kampnagel. Ja, da habe ich auch Colin und Farah für die Musik angefragt und Imogen für Video. Ansonsten wird Sharon von GOB Squad dabei sein, Melanie Jame Wolf und Florian Feigl [?] werden auch noch dabei sein. Also ganz coole Leute. Ich glaube, das wird sehr interessant und mal ein ganz anderer Versuch, damit umzugehen, wie wir einen Theaterabend machen können. Ich habe das Gefühl, dass es bei Magical.Acts.Matter auf einen klassischeren Probenprozess, in Parallelität, hinausläuft, wobei wir da auch keine Regie haben werden, darauf lege ich Wert. Die Vorstellung ist schon, dass es Probenräume geben wird und nicht alle in einen Raum sitzen, das wird kaum gehen, wir wollen es aber so takten, dass es vielleicht hier, in den Uferstudios, Räume gibt, wo einige was probieren und trotzdem in einen Austausch kommen. Also, keine komplett separate Arbeiten, die dann irgendwie zusammengewürfelt werden. Das ist, glaube ich, wichtig.

Fürs nächste Jahr ist mein Wunsch, nochmal einen expansiveren Apparat zu machen, mit einer gemeinsamen Recherche. Den habe ich auch schon beantragt, PHARMAKON, wo ich nicht weiß, ob wir Geld bekommen. Dabei soll es um Kybernetik und Menschenopfer gehen. Da haben wir jetzt gedacht, tatsächlich vier Wochen Zeitraum kompakt für alle, hier vor Ort, zu machen. Dass man doch diese Verdichtung macht und diese Zeiten nicht so freistellt, sondern sagt, wer dabei ist, ist dabei, es sind diese vier Woche. Dann aber vielleicht nochmal anders mit den Öffnungszeiten umgeht und gemeinsam diskutiert, was pragmatische Setzungen sind, Zugänglichkeit schafft, jede Woche undsoweiter. Alle Leute früh in Entscheidungen einzubeziehen ist nicht so einfach, ich möchte das aber nächstes Jahr versuchen, anders zu denken. Und dann würde dieses Ding auch wandern, nach Athen und Wien. Ja.

W: Irgendwie scheint da eine Erzählung aufzuscheinen. Dich nochmal als Kuratorin gefragt, die von einer lockeren, sagen wir, Umgangsweise mit den Künstlern und Künstlerinnen ausgegangen ist, jetzt aber dazu tendiert, strikter oder strenger zu agieren?

S: Das wird auch so beantwortet. Auch ihr wollt jetzt nochmal ein Gespräch führen. Ich habe das Gefühl, dass der Austausch, den wir über das gemeinsame Essen gestartet haben, total wichtig ist und, dass es so was gibt, wie eine Sehnsucht nach Verknüpfung. Das nehme ich ganz stark wahr. Was mich, ehrlich gesprochen, total überrascht. Im letzten Jahr war mir nicht klar, ob ich die Leute für solch einen Apparat überhaupt anfragen kann. Abseits von klassischen Probenprozessen, wobei keine tourbare Show herauskommt undsoweiter. Wie fügt sich das in die allgemein Ökonomie ein? Und da war es schon so, dass Kate McIntosh, die damals diejenige mit dem großen Namen war, gesagt hat, wie geil das ist. Oder Oblivia fanden es auch großartig, einfach mal so einen Raum zu haben, der nicht leer ist. Da hatte ich die Leute dann auch so angefragt, dass es da thematische Anknüpfungspunkte, einen anderen Resonanzraum gibt, wo andere Leute sind und daraus etwas neues entstehen kann.

Jetzt empfinde ich es fast noch stärker. Auch jemand wie Simone, die einen toughen Schedule hat, als Performerin und Choreographin, die die Zeit hier nutzt – mit Lust und Interesse an den anderen. Insofern habe ich das Gefühl, dass diese Intuition, die vor der Idee, so etwas zu bauen, lag, richtig ist. Die ja sehr stark kam aus meiner Praxis am HAU und IMPULSE. Was sind überhaupt die Bedürfnisse? Was bauen wir? Welchen Apparat bedienen wir die ganze Zeit? Was wünschen sich die Künstlerinnen und wo führt das überall hin? Was für eine Art Produkt generieren wir und wie kommt das wieder zusammen mit den Leuten, für die wir das dann machen? Ich selber habe eine große Lust, das noch weiterzutreiben. Es war niemals geplant, drei Apparate zu machen. Ich bin von einem ausgegangen – Mykorrhiza letztes Jahr. Unterwegs wurde aber gesagt, es müsste bitte nochmal einer sein, bitte noch einen! Jetzt denke ich auch, ein dritter muss irgendwie noch sein. Damit das Format noch woandershin wachsen kann, das ja mit einer gewissen Annahme begonnen hat, und wie bei jedem Prozess entwickelt sich das und geht irgendwohin weiter. Ich habe außerdem das Bedürfnis, irgendetwas zu verstetigen oder, dass das Format selber vielleicht irgendeine Art von Virus entwickelt. Es war interessant, was Kira Kirsch als Spielstättenbescheinigung für Wien, für Pharmakon, geschrieben hat. Dass sie das für ein zukunftsweisendes Format hält, wie Leute zusammenarbeiten. Darüber habe ich mich total gefreut. Aber die Wahrnehmung ist halt noch nicht so richtig da, wir brauchen echt noch ein bisschen Atem.

C: Kannst du sagen, was der Begriff Apparat für dich in diesem Zusammenhang bedeutet?

S: Geklaut ist er von Karen Barard, klar. Eine Situation, die wir generieren, zusammen, aus der Konstellation aller Beteiligten, menschliche und nicht-menschliche, Akteure. Für den Kontext Theater oder performativer Kunstproduktion ist das hier ein Apparat, der sich wie ein Parasit in einen anderen Apparat hineinsetzt und diesen informiert.

C: War das für dich auch ein Ausschlag zur Kybernetik überzugehen?

S: Eigentlich nicht, aber es passt natürlich gut. Das ist eher eine Genese aus der Bewegung von Mykorrhiza zu Dreck, dann Kybernetik. Wachstum als eine Bewegung, die wir nicht richtig verstehen, weiter zu befragen. Retrospektiv ist mir das auch erst nach der Düsseldorfer Mykorrhiza-Station klar geworden, dass ich selber so einen kybernetischen Sprech nutze. Und dies der Sache sicher nicht gerecht wird, der Kybernetik, als einer Königsdisziplin unserer Zeit. Mein Wunsch wäre dann auch, ohne es zu Ende gedacht zu haben, am Schluss in ein klassisches Theaterhaus zu gehen, weil das eben für sich selbst auch eine Maschine ist. Überhaupt könnte das der nächste Schritt sein, mit dem Maschinenraum des Theaters, wie er eben gebaut ist, wieder mehr zu arbeiten. Der ja eine bestimmte Historisierung oder Reflexion braucht. Wie könnten wir damit umgehen? Eine Zeitlang habe ich gedacht, wir müssten diese Theaterhäuser abreißen, das ist natürlich Quatsch, aber vielleicht müssen wir sie auf eine andere Art und Weise aufladen.

HILKJE: Mich interessieren nochmal deine Erfahrungen mit der Zuschauendenseite. Wie haben Leute, die hierher gekommen sind und zum Beispiel bei den OPEN HOUSES zu Gast waren, deren Prozesshaftigkeit und stattgefundenen Überlagerungen wahrgenommen? Hat das vielleicht sogar eine bessere Zugänglichkeit? Um ins Gespräch zu kommen?

S: Teils, teils. Gerade auf dem Weg hierhin habe ich darüber nachgedacht, dass wir im letzten Jahr einen gefühlt anderen Flow hatten, mit Publikum von Außen. Das ist ja immer mein Horrorszenario, nur unter sich zu bleiben. Nicht nur wir als Dreckisten, sondern die Szene. Da, finde ich, kann sich noch was tun. Eine stärkere Verknüpfung. Mein Eindruck ist, dass es für viele Leute schwer ist, wahrzunehmen, was hier passiert, obwohl es eigentlich gar nicht schwer zu verstehen ist.

Manchmal denke ich, dass alles was hier in der Freien Szene stattfindet, ist wie ein großer, künstlerischer Forschungsverbund. Ich gucke mir irgendetwas an, eine Arbeit in den Sophiensaelen und denke, krass, jetzt machen die das. Sachen tauchen wieder auf, wo ich das Gefühl habe, es wurde auf Bestimmtes gehört, oder reagiert auf andere Arbeiten. Was total legitim ist, aber wie kommuniziert sich das irgendwoanders hin, das ist eine große und wichtige Frage. Die kann ich nicht gut beantworten.

W: Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, warum wir hier sind. Interessanterweise hattest du schon vorher als Bedürfnis formuliert, dass die Künstler_innen untereinander mehr in Kontakt treten, aber auch mit den Zuschauer_innen. Naiv könnte man sagen, dass das eigentlich nichts besonderes ist, wenn Menschen miteinander in einen spürbaren Kontakt und Kontext miteinander kommen wollen. Was hat das dann wieder mit dem Thema DRECK zu tun?

HIEU: Das führt die Frage nach einer politischen Agenda fort. Zu sagen, es gibt den Wunsch nach einer irgendwie angemesseneren Darstellungen von Welt, aber auch kritisch zu bemerken, es gibt so viele weiße Räume, cleane Räume. Wo für mich extrem aufgegangen ist, gemeinsam in einer Lecture zu sitzen, während gleichzeitig geschnibbelt wird und die Porosität, wovon auch in der Soziologie gesprochen wird, sofort spürbar ist. Wie ist das dann aber tatsächlich gewesen? Ich komme nochmal auf Hilkjes Frage zurück, wie hat es sich in der wirklichen Zuschauer_innenerfahrung ergeben?

S: Ich glaube, dass die Leute hier ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Bei den Vorträgen etwa, ist natürlich noch eine andere Szene, eine Theorieszene, anwesend, teilweise. Bei den Open Houses hatten wir teilweise eher wenige Leute, die dann oft aus dem Umfeld der Künstlerinnen kommen. Wir haben nicht geschafft, etwas zu machen, das okay, da muss ich hin war, außer bei der Eröffnung. Was schon mal viel ist. Dort und auch wenn die Leute wiedergekommen sind, waren sie in der Regel schon ziemlich begeistert bis neugierig, haben vielleicht nicht alles verstanden, fanden es aber interessant. Da bräuchte es vielleicht einen noch längeren Atem, auch wenn ich vorhin gesagt habe, wir wollen nächstes Jahr nur vier Wochen machen. Wobei ich auch gemerkt habe, dass Leute wegen Mykorrhiza wiedergekommen sind und es in der Stadt einen Gossip gibt, das weiß ich. Eine Neugier gibt es und deswegen habe ich die Öffnungszeiten für nächstes Jahr angesprochen. Wichtig war mir die Porosität, auch für den Produktionsprozess. Gegen den Elfenbeinturm, wir sind hier schön unter uns und es ist alles auch so gemütlich undosweiter. Ich kriege Aggressionen, wenn Künstler wie unter Welpenschutz behandelt werden. Hier offen zu sein, finde ich schon wichtig. Andererseits kann man aber vielleicht auch eine Verdichtung denken, wo ein Austausch mit Gästen nochmal anders stattfinden kann. Da geht es dann um so etwas wie bleibende Wirkung.

Ich mache noch eine kleine Schleife: Pirkko und ich haben teilweise so frustrierende Erfahrungen gemacht, im HAU, wo wir Sachen richtig geil fanden, die gezeigt haben und es kam okay an. Und Sachen die wir eingeladen haben um die Bude vollzukriegen, wurden dann Hype und toll gefunden. Wo du dich fragst, wofür mache ich das eigentlich? Das hat sehr viel mit ästhetischer Bildung zu tun, letztlich. Was können die Leute wie wahrnehmen undsoweiter. Und das ist eine längere Sache.

Dreck ist für mich thematisch total aufgegangen. In den Beiträgen der Leute einerseits, aber auch im Arbeitsvorgang. Das schöne daran ist, dass es im Vorhinein weitergedacht ist. Dass wir da nochmal eins weitergehen, vielleicht auch mit einer politischen Agenda, wie du es genannt hast, die da dranhängt. Sollen wir uns mit Shakespeare beschäftigen, während irgend ein Pazifikatoll, auf dem Atommüll lagert, geflutet wird? Die Funktion von Theater ist da vielleicht oft total falsch gedacht. Oder es gibt das Sensationalistische, wie vom Zentrum für politische Schönheit: Wir begraben hier mal ganz groß die Toten und machen einen Totenkult, den ich persönlich ganz schrecklich finde. Da bin ich absolut dagegen. Gut, aber es ist interessant als Phänomen, weil es auch wieder zeigt, es gibt eigentlich ein Bedürfnis, auch eine Sensibilität dafür, dass diese ganze Oberfläche, die da generiert wird, nicht stimmt. Wie können wir uns da einmischen und sichtbar werden? Gleichzeitig würde ich immer auch auf André Lepecki verweisen, der sagt, wir sollten Sachen produzieren, die vom System nicht konsumierbar sind. Da sind wir hier auf einem sehr guten Weg. Deswegen bin ich nicht enttäuscht oder traurig, dass wir nur so und so viele Leute erreicht haben. Ich finde, wir haben gut viele Menschen erreicht und es hat vielleicht auch einen Schutz an sich, dass wir nicht ständig die Riesenschleuder sind.

HU: Das heißt zu merken, es gibt die Sensibilität fürs Weltgeschehen und gleichzeitig eine Komplexität so zu initiieren, darüber hinaus, die dem angemessen ist. Ich wollte noch über etwas anderes sprechen, nämlich unser Gespräch auf cobratheater.cobra zurückführen. Zwei Beobachtungen erst mal: Ich sehe das hier ähnlich, als einen willkommenen Zeitraum und Ort, an dem wir unintendiert auf neuen Formen stoßen können, so ähnlich wie du es sagst, dass daraus vielleicht sogar ein Theaterabend werden könnte. Dieser Chor in unserem Fall, der ja auch der Versuch ist, neu und anders Material zu generieren, hat uns jetzt an einen Punkt gebracht, von dem aus wir weitergehen können.

S: Das ist anders als im letzten Jahr, viel intensiver, von dem was ihr gemacht habt.

HU: Zweitens die Frage des Zusammenarbeitens und Zusammenlebens. Wenn Du gerade darüber nachdenkst, wie Künstlergruppen in Zukunft zusammen arbeiten. Da gibt es für uns die Beobachtung, dass wir gerade durch diese Art und Weise hier leben zu können, intensiv miteinander Zeit zu verbringen, gerade durch diese Vorgänge, jemand kommt, dann geht er wieder, jemand anderes kommt dafür, einige Leute bleiben länger, dass gerade daraus für uns die Frage entstand, wie es weitergeht. Kaufen wir uns ein Haus im Thüringer Wald?

S: Die Frage steht ja schon länger im Raum, wenn wir ehrlich sind. Haha.

HU: Die kehrt verschärft wieder. Oder wie ich deine kuratorische oder Theaterpraxis jetzt begreife, die versucht beides zu vereinen: Diesen Apparatcharakter beizubehalten, aber auch Formate zu entwickeln, die vielleicht einen Theaterabend ermöglichen.

S: Letztlich ist das eine Frage der Kollektivität.

HU: Genau. Da möchte ich gerne von Dir wissen, wie Du uns in der Zeit wahrgenommen hast.

S: Ganz schön gestresst dieses Mal. Zwischendurch habe ich mir Sorgen gemacht. Völlig andere Dynamik als letztes Jahr oder auch in Düsseldorf. In Düsseldorf wurde halt dieser lustige Tunnel gebaut und ich wurde mit der Musik meiner Jugend konfrontiert, Dire Straits – danke dafür, Julian! Gleichzeitig waren dort auch die Kinder, was immer eine andere Frage ist. Dein Kind, Hieu, war hier, ist aber auch größer und weniger betreuungsintensiv, der kann sich ja ganz anders einsortieren oder artikulieren und hat nicht diese Krisen eines Kleinkindes – Ich muss schreien, tut jetzt was! – Wobei ich selbst das in Düsseldorf auch nochmal anders erlebt habe. Hier an den Uferstudios kann ich immer rein und raus, im FFT hing ich immer mit rum, auch wenn meine Tochter und ich woanders geschlafen hatten. Und ich hatte immer das Gefühl, dort gab es bei Euch immer eine große Ruhe als Grundhaltung, was ich beeindruckend fand. Letztes Jahr bei Mykorrhiza hatte ich das Gefühl, dass am Anfang überhaupt nicht klar war, was das hier ist. Was nachvollziehbar ist, weil ich im Prinzip über Julian an cobratheater.cobra gekommen bin. Keine Ahnung, ob ihr das überhaupt wisst – der hatte damals beim LUNAPARK ein ganz tolles Fest, zusammen mit Andreas, gemacht. Dann kam Julian aber hier an den Uferstudios an und hat im Prinzip ein Schulstück abgeworfen, was superschwierig war, eigentlich gegen den Apparat und was ich so nie wieder erlauben würde. Einfach weil es nicht stimmte, aber das war eben auch der Moment, wo ich mich gefragt habe, was wir überhaupt machen und verstanden habe, dass es ein solches Stück nicht sein könnte. Was normale Vorgänge sind.

Und bei euren unterschiedlichen Mykorrhiza-Projekten, etwa von Maria, die das Dancing und den Workshop und so weiter veranstaltet hat, wo ich es aber gleichzeitig doch so wahrgenommen habe, dass es eine viel stärkere Konzentration auf den einfachen Vorgang des Hierseins und wie-organisiert-sich-das-zusammen, gab. Anders als jetzt. Jetzt hatte ich viel stärker, dadurch, dass ihr auch immer irgendwo unterwegs wart, geputzt habt, das Gefühl, dass ihr nicht so sehr damit beschäftigt seid, wie es euch mit allem geht, sondern was das sein kann, was ihr hier macht. Das hat natürlich eine andere Qualität. Ich habe es nun so für mich abgelegt, dass cobra auch ein Organismus ist, der sich ständig sortiert und organisiert, was natürlich mit den unterschiedlichen Leuten zu tun hat, wie zum Beispiel kleinen Kindern, die jetzt nicht dabei sind, klar. Aber auch damit, dass cobra jetzt an einem anderen Punkt ist, als letztes Jahr. Ich weiß schon, dass cobra noch mehr Leute sind, die ich alle nicht kenne, ist mir völlig bewusst, aber so meine Einschätzung.

C: Uns ging das ja genauso, oder unsere Wahrnehmung ist ähnlich. Die Zeit hier haben wir als Produktionszeit genutzt und die Frage stand nicht im Fokus, wie wir es uns hier schön machen können.

S: Und das hat euch dann gestresst? Oder was war der Stressfaktor?

C: Der Stressfaktor hat sich wahrscheinlich daraus ergeben, dass wir uns keinen Raum für eigene oder Gruppenbedürfnisse genommen.

S: Interessant.

C: Das reflektieren wir gerade, was an Gruppendynamiken passiert ist. Jetzt haben wir uns eigentlich für diese Woche entschieden, das aufzufangen. Wie können wir diese Gruppenprozesse hinterfragen und anders mit der Residenz umgehen? Hieu hat das ja schon beschrieben, was bei Dreck geschieht, passiert bei uns im Kleinen. Jemand kommt und geht, sich darauf einzulassen und zu beobachten, wie sich dadurch die Gruppe verändert, ist total spannend.

S: Es ist immer Druck, etwas zum zweiten Mal zu machen. Bei Euch schlägt das am meisten zu. Auch bei uns. Vielen hatten total Angst, ob das überhaupt funktioniert. Ich weniger, weil wir so viel verändert haben. Wir sind hier in der direkten Nachfolge von Mykorrhiza, aber Dreck ist anders, das ist immer auch ein Schutz. Dann wolltet ihr wiederum das Essen für alle bei eurer Präsentation machen, wo ich den Eindruck hatte, ehrlich gesagt, dass es das gar nicht gebraucht hätte.

C: Das ist interessant. Wo du jetzt sagst, etwas zum zweiten mal machen – wir waren alle, außer Anne und Martin, gar nicht bei Mykorrhiza dabei.

S: Der war am meisten gestresst. Haha.

C: Was das Essen angeht, war die Erzählung vom letzten Jahr, dass sehr viele Leute vor Ort und alle begeistert waren, es überhaupt ein riesiges Fest war. Wir haben uns entschlossen, das zu reproduzieren, weil wir auch irgendwie dachten, das würde von uns erwartet.

S: Es gab da auch so eine Erwartungshaltung, hier vom Hof, das ist total richtig. Ich hatte die weniger, das habe ich wohl nicht deutlich genug klar gemacht. Das ist vielleicht mein Part dabei. Letztlich habt ihr ja eine Carte Blanche. Im Rahmen dessen, was die hiesige Struktur verlangt. Und die verlangt jedenfalls nicht noch ein großes Nachbarschaftsessen.

C: Diese Erwartung kam wohl auch weniger von außen, sondern war eher hausgemacht.

S: Die haben uns eingeladen, weil es so geil gewesen war… Ja, klar. Bei der Zwischenstation in Düsseldorf hat es mit dem Nachbarschaftsessen auch nicht so richtig geklappt, einfach weil Düsseldorf Düsseldorf ist. Hier waren ja durchaus genügend Leute da. So wie Pepe das macht, hatte es aber auch nicht den Effekt wie bei Mykorrhiza, wo Sachen nach draußen getragen wurden und Boom!, gab es eine große Tafel, wo wir alle sitzen konnten. Trotzdem war euer Open House total schön, das steht außer Frage, bleibt die Frage, was den ganzen Stress generiert. Letztlich hatte ich den Eindruck, dass ihr total mit dem Inhalt befasst wart, die Geheimnisse zu sammeln, dann noch einen Chor innerhalb von nullkommanix auf die Bühne zu stellen – Hut ab! – das ist ja wirklich genug. Auch im Kontext dessen, was andere Leute in der Zeit gemacht haben, wie ihr das benutzt habt undsoweiter.

W: Wir haben jetzt vierundvierzig Minuten geredet und müssen leider aufhören. Als halbaußenstehender Nachzügler, möchte ich nochmal die Frage festhalten, wie Blanche so eine Carte dann wirklich ist. Vielleicht sind da auch so unbewusste und irgendwie mitlaufende Unterscheidungen von dem was Kunst, was Vermittlung ist, im Spiel. Dass wir gerne was produzieren wollen oder so, da auch unausgesprochene Erwartungen an uns selber haben, hier als Künstler aufzutreten, aber eben auch die ungeklärte Frage, ob Stefanie will, dass wir ihr Audience Development betreiben. Und ich vermute, dass diese verschiedenen Bedürfnisse und Erwartungen bei dem OPEN HOUSE in Stress ausgeartet sind. Vielleicht auch aufgrund dessen, dass im Vorhinein nicht ausreichend kommuniziert wurde.

S: Ja, das nehme ich total an. Interessant ist auch für mich zu sehen, dass manche, die viele andere Sachen parallel machen und dann nicht zu den Treffen erscheinen, weil sie fertig und kaputt sind. Andere kommen zu allen Treffen, obwohl sie noch nebenbei ein Stück machen, die würden nie sagen, sie hätten keine Zeit. Beim Tanz gibt es solche Räume, nicht genau so wie hier, aber ähnlich, viel häufiger. Im Sinne einer Residenz. Das wäre auch noch eine politische Agenda, so etwas für diesen Bereich stärker zu etablieren, weil das irgendwie fehlt und dadurch gibt es einen anderen Umgang damit. Ich habe es schon beobachtet, wer hier was wie bedient. Für euch, gerade als Gruppe, die sich vom Theater aus definiert, extrem wichtig, dass ihr euch so etwas nehmt. Auch wenn ich sehe, ihr macht jetzt Doppelpass undsoweiter. Ich bin ja nur ich, nicht die Parkaue, sondern freundschaftlich mit euch verbunden und trotzdem passieren solche Situation und das ist doch interessant, als Effekt.

W: Aber ist das nicht auch ein Problem? Die Sympathie?

S: Ja, man grenzt sich nicht ab, das ist natürlich auch ein Faktor.

Einen Kommentar hinterlassen»

Sachen zu Ende erledigen

wanja : 17. November 2014 00:58 : cobrajournal.cobra, cobrakritik.cobra

Es ist der 08.11.2014 und Johann (J),  Laurin (Ln), Laura (La) und Wanja (W) haben schon zwei Stunden in Laurins Zimmer gessessen, geredet und gelesen.

W: Hallo, würdet ihr bitte kurz sagen, warum wir hier eigentlich zusammengekommen sind?

Ln: Es ist ganz einfach, wir machen die Theatergruppe cobra#massentauglich.cobra und damit eine Lesung für die Bella Triste, also eine Aufführung. Und wie ja das Prinzip des Netzwerkes cobra[…]cobra, ist, muss ja eine andere cobra zu Proben eingeladen werden. Deswegen sitzt Wanja jetzt hier.

J: Muss, naja, wir wollten das ja.

Ln: Wir wollten das. Das ist immer auch eine Form der Übereinkunft…

La: Häh?

J: Ich muss auch sagen, dass ich Wanja jetzt besser kenne als vorher. Das freut mich.

W: Seit wann kennen wir uns besser?

J: Seit wir uns unterhalten, habe ich das Gefühl, wir haben ein größeres Bond als vorher. Wir werden uns wohl nun offiziell grüßen, auch an Ecken, an denen wir uns vorher noch nicht kannten. Wenn wir z.B. durch Berlin-Mitte schlendern und ich dich auf der anderen Straßenseite sehe, ist die Tendenz doch, dass ich dir zuwinke und frage, „hey, wohin gehst du heute abend?“.

W: Das hättest du vorher nicht gemacht? Ich hätte dich gegrüßt.

J: Ja, das schon, aber jetzt ist die Verbindung verbindlicher, weil wir in einer WG an einem Tisch saßen und gelesen haben. Laura hält sich gerade die Augen zu, aber das ist mir egal. Die Realität muss ausgesprochen werden.

La: Ich würde nicht sagen, dass das der Grund ist, warum du, Wanja, hier bist, sondern weil wir beobachtet haben, dass wir es sinnvoll finden, eine Art Feedback oder Gespräch während der Proben zu haben. Dass das ein gutes Prinzip ist und deswegen wollten wir mit dir sprechen.

W: Was ist gut daran?

La: Dass während der Proben innerhalb der Gruppe ständig Aushandlungsprozesse stattfinden. Wie man arbeitet, in welchem Tempo, zu welchen Themen. Das Soziale steht dabei oft im Vordergrund und die Reflexion der eigenen Arbeit kann manchmal nicht mit ausreichend Abstand betrieben werden. Da finde ich es einfach enorm hilfreich, mit einer Person von Außerhalb zu sprechen. Die einfach nur zuhört und wir anfangen, uns zu artikulieren, was gerade gemacht wird und dabei klar bekommen, was das ist und Klarheit darüber gewinnen, wie das nach Außen wirkt. Überhaupt habe ich bei den letzten Sachen, die ich gemacht habe, gemerkt, dass es eigentlich immer eine Art Hürde war, jemanden einzuladen, wenn wir noch das Gefühl hatten, nichts zeigen zu können und man schämt sich, über die eigene Lückenhaftigkeit und Unvollständigkeit zu sprechen. Dass es doch sehr hilfreich ist, über den eigenen Schatten zu springen und sich ein mal kurz mies zu fühlen, das ging mir schon oft so, einen Stand präsentieren zu müssen und ich von da aus aber immer sehr gut arbeiten und denken konnte. Deswegen ist es vielleicht ein gutes Ziel, jemanden ziemlich früh bei den Proben zu haben.

W: Wie war das beim letzten Mal? Ihr habt ja schon mal eine sog. cobraproduktion.cobra gemacht?

Ln: Wir hatten sowieso eine Mentorin, weil das im Rahmen des Schredderfestivals in Hildesheim statt fand. Verena L hat uns da begleitet.

J: Das war irgendwie wild und durcheinander, auf verschiedenen Ebenen. Aber auch wahnsinnig wichtig.

W: Was war wichtig?

Ln: Dass Verena uns immer wieder besucht und gespiegelt hat.

J: Außerdem kamen noch Carolin und Marja. Mit Caro gab es außerdem ein Gespräch in einer WG, am Küchentisch. Es ist aber immer eine Überwindungen, jemanden in die eigene Probenblase herein zu lassen. Anfangs fand ich das aber schwieriger und heute habe ich mich sogar etwas darüber gefreut, dass jemand von Außen vorbeikommt, was auch eine gute Möglichkeit ist.

La: Beim letzten Mal war es aber so, dass Caro und Marja einen Tag vor unserer Preview, einer festivalinternen Präsentation, zu uns kamen und es war schon so eine Generalprobenstimmung, alles war irgendwie brüchig. Die beiden hatten gar keine Chance und wir gar keine Kraft oder Ruhe, uns mit denen zusammenzusetzen, haben es aber trotzdem versucht. Sie haben sich viel Zeit genommen, zu reflektieren und zu beschreiben, was sie gesehen haben. Mir hat das Mut gemacht, dass sie sagten, wir sollten einfach Spaß haben und drauf gehen.

Ln: Das war aber auch eine Art Test.

La: Genau, wir haben sowieso darüber gesprochen, wie wir diese Kritik sehen und sind darauf gekommen, dass wir gerne möchten, dass es erst mal ein Kennenlernen ist. Caro und Marja haben dann einen Text darüber geschrieben, wie sie die Proben und diese Art des Zusammenkommens erlebt haben. Nach der Preview haben wir uns noch mal mit Caro zusammen gesetzt und sie hat uns die Aufführung, die sie auch gesehen hat, beschrieben, ihre Sicht darauf. Das war sehr gut. Es wurde sehr inhaltlich, szenisch, sie hatte alles sehr genau beobachtet.

Ln: Wobei ich sagen möchte, dass es im Vorhinein schon anstrengend war, zu wissen, bald kommt jemand von cobratheater.cobra zu unseren Proben. Das musste irgendwie abgehakt werden, weil wir beschlossen hatten, etwas als cobratheater.cobra zu machen. Das dringt ein, in unseren Schutzraum, das war auch eine Drucksituation.

J: Wir hatten wahnsinnigen Druck, weil das unsere erste Produktion, auch in Hildesheim war, in einem größeren Zusammenhang.

W: Was ist das für ein Druck?

J: Sich zu präsentieren. Für Laurin war das irgendwie ein organisches Zusammenfließen. Er kam schon von einer cobraproduktion, Bodybild, für Laura und mich gab es eine große Unkenntnis, was das ist oder sein kann. In dem Sinne haben wir uns einfach reingeschmissen, weil wir von den älteren cobras nicht viel wussten, wir hatten nichts mit Euch zu tun. Mit der Clique, die sowieso ihr Ding macht.

W: Das war also ein doppelter Druck. Vor der Hildesheimer Theateröffentlichkeit und noch einigen Leuten zusätzlich, die ihr gar nicht kanntet.

J: Ich glaube, die Öffentlichkeit ist weniger problematisch, als ich selbst; vor mir selbst zu zeigen, was ich abliefere, im Verhältnis zu dem, was ich abliefern kann. Das war zu dem Zeitpunkt irgendwie unklar, aber wir waren da auch alle sehr ehrgeizig mit dem Projekt und wollten sehr viel damit. Was uns noch zusätzlich gestresst hat.

W: Wie war denn die Resonanz, dass ihr euch dieses cobra-Label annehmt, ohne zur Clique von Wanja oder Jule dazuzugehören?

Ln: Es gab ja Kritik, u.a. von Thomas K, der sich auf Facebook geäußert hatte, vor allem gegenüber dem Netzwerkgedanken.

La: Das war aber nicht spezifisch auf uns bezogen.

J: Ja, aber für uns war das vielleicht noch eine Verstärkung, aktiv auf das Label zuzugehen und es sozusagen mitzunehmen. Es gab schon, glaube ich, eine spannungsgeladene Situation, vielleicht auch nur von mir imaginiert, aber es gab schon in unserem Umfeld Fragen, warum wir das machen, was das überhaupt soll usw.

La: Mich haben aber nur Leute darauf angesprochen, die selbst nicht bei cobra sind, warum wir das gemacht haben.

W: Was hast du denen gesagt?

La: Der Grund war eigentlich die Performance, warum wir uns mit Netzwerkstrukturen auseinander gesetzt haben. Wir fanden es irgendwie interessant und wichtig, Strukturen in unserem Umfeld zu beobachten, die so angelegt sind und Potential zur Markenbildung oder Zusammenschluss zur Selbstvermarktung ermöglichen. Das ist ein interessanter Vorgang, finde ich, der umso besser von innen her erfahren werden kann. Innerhalb der bestehenden cobra, das fand ich auch interessant, gab es dazu bereits Auseinandersetzungen [Interview Yumin]. Es wurde auch gesagt, dass sich die cobra immer neu formiert, immer neu hervorgebracht wird und plötzlich schien es die Möglichkeit zu geben, das mitzugestalten. Ich habe aber, wie gesagt, kaum Resonanz erfahren. Und den nächsten Kontakt gab es bei dem cobrafest.cobra in Hannover.

Ln: Irgendwie gab es da auch eine aufmerksamkeitsökonomische Motivation, die wir gesehen haben.

J: Was sich total gelohnt hat. Zwar nur am unteren Ende der Leiter, als Nachwuchs, oder so. Aber es war immerhin Thema.

W: Ihr seid aber nicht auf der Homepage. Ihr seid dort nicht sichtbar. Ich weiß nicht, ob ihr die kennt, das Interview mit Laurin ist dort z.B. veröffentlicht. Gut, dass wir mal darüber reden, weil ich euren Schritt seltsam unvollständig empfunden habe. Ihr hattet euch entschieden, von cobratheater.cobra zu profitieren, habt euch aber nur den Namen angenommen, wo ich nicht verstehe, warum ihr nichts, nirgendwo hochgeladen habt.

Ln: Das Projekt war natürlich eine anstrengende Zeit und diese Internetarbeit war noch ein zusätzliches Ding, das gemacht hätte werden müssen.

J: Das war vor einem halben Jahr, wir kamen aus der Produktion, hatten das Festival unvermutet gewonnen, dadurch noch ein Gastspiel in Braunschweig und steckten mitten im universitären Projektsemester und haben einander aus den Augen verloren.

W: Jetzt habt ihr die zweite Produktion als cobra#massentauglich.cobra vor euch. Warum habt ihr Euch entschlossen, das wieder unter diesem Label zu machen?

Ln: Erst mal weil wir drei das wieder zusammen machen. Und irgendwie bewegt man sich in der Tradition, die man entwickelt hat, Tradition ist natürlich schwer zu sagen, weil es das zweite Ding ist, das wir machen, aber wir wollen gerne weiterführen, was wir schon mal angefangen haben. Und die Frage wäre auch: „Warum nicht?“ Unser jetziges Treffen ist doch auch gut, das haben wir ja bereits gesagt, du, Wanja, hast z.B. auch schon mal eine szenische Lesung gemacht.

J: Wir waren auch gerade in Berlin, bei dem cobrafrühling.cobra und es gibt irgendwie keine Gründe, die gegen cobratheater.cobra sprechen. Auch die Connections zu den anderen Leuten zu haben, die in dem Kontext auftauchen, das ist erst mal wahnsinnig positiv und da weiter zu gucken, was in diesem Netzwerk gehen kann.

La: Ja, mir war aber das wichtigste, dass bei der ersten Arbeit, die abrupt aufgehört hat, auch weil das Semester anfing, wo ich das Gefühl hatte, die Auseinandersetzung mit der cobra irgendwie noch nicht mal richtig angefangen hat, oder erst im Entstehen begriffen ist. Und es ist mir schon ein Bedürfnis, mich noch weiter auseinanderzusetzen, und ich mich auch bei der Homepagesache gefragt habe, warum wir noch nicht dort sind und dachte, dass wir noch nicht dort angekommen sind, ein fertiges Stück neben all den anderen fertigen Stücken zu präsentieren.

W: Hast du die anderen Stücke mal gesehen?

La: Ja, viele davon habe ich gesehen. Irgendwie fühlt es sich noch nicht so an, dass wir so ein Bombenstück gemacht hätten und das nun auf der Homepage sehen wollen. Trotzdem hätte ich Lust, dort auch vertreten zu sein und habe das Gefühl, das passiert nicht, wenn wir in fünf Jahren wieder mal was machen, sondern eher wenn wir die Beziehung aufrecht erhalten.

J: Wobei ich noch mal widersprechen muss, weil ich vermute, dass unser erstes Stück besser war, als wir den Eindruck hatten. Ich bin ja ein großer Wiederaufnahmevertreter, was bei den anderen nicht so verbreitet ist. Mit den Transportkosten haben wir auch ein kleines Hindernis.

W: Und jetzt wollt Ihr von uns Geld?

J: Nee, aber das ist vielleicht auch ein Grund, warum wir uns noch nicht in einem cobra-Zusammenhang gezeigt haben. Mit dem, was jetzt kommen wird, übrigens auch nicht, weil das auch eine rechtliche Frage wird.

W: Warum habt ihr die Sachen, die ihr dazwischen gemacht habt, nicht cobratheater.cobra genannt?

Ln: Ja, also erst mal hat das ja bei dem State of the Art stattgefunden, was Johann mitorganisiert hat. Erstens hatten die Produktionen innerhalb des Programmhefts keine Gruppennamen.

J: Wenige. Herrman Simons, z.B.

Ln: Das waren Gastspiele, wir haben aber extra fürs State produziert. Ich habe das mit T zusammen gemacht und über cobra geredet. Für mich wäre das eine Option gewesen, wieder jemanden einzuladen. Da war aber keine Notwendigkeit, weil es schon innerhalb des Festivals so eine Art Netzwerkstruktur gab. Mit Manuel M wurde uns ein Mentor zugewiesen, was sehr gut funktioniert hat und noch andere Leute im Festival waren und ich keine Notwendigkeit verspürt habe, noch eine große Diskussion zu beginnen, T war dem gegenüber auch kritischer eingestellt, gehört gar nicht zum Netzwerk. Auch, dass jemand auf die Proben kommt, zu dem man kein Verhältnis hat, war nicht durchzusetzen.

J: Ihr hattet auch vorher noch nie zusammen gearbeitet und musstet vielleicht erst zusammen finden, das war zumindest mein Eindruck, als ich auf den Proben war. Es ist natürlich eine Frage, ob du dich mit jedem Stück in diesen Kontext begeben willst. Es gibt unterschiedliche Sachen, die zu bedenken sind. Wie man sich selbst dabei fühlt und in welchem Verhältnis man zu dem Netzwerk ist. Und wer das Gefühl hat, etwas sehr Intimes zu machen, oder nur für sich, etwas sehr relevantes, geht vielleicht nicht den ersten Schritt zu sagen, ich gebe mir einen Namen, hinter dem cobra steht. Dafür müsste man irgendwie versichert sein, oder sehr gut mit den entsprechenden Leuten befreundet sein.

La: Dem kann ich ein wenig zustimmen, weil mit dem Stück, das ich mit C gemacht habe, wir auch sehr intim gearbeitet haben und auch das Gefühl hatten, dass die Öffnung, oder die Verbindung mit der cobra dem Ganzen eine Öffentlichkeit gäbe, mit der wir uns zu dem Moment noch nicht konfrontieren wollten. Wir haben auch darüber gesprochen, wie interessant das eigentlich wäre, weil wir uns mit verschiedenen Arbeitsweisen beschäftigt haben, wie wir proben, was natürlich auch viele cobraleute interessiert, was vielleicht auch guter Input war. Als cobra zu veröffentlichen erzeugt aber eine Öffentlichkeit, die wir noch nicht haben wollten.

W: Es ließe sich aber auch antworten, ihr behieltet das Label „Massentauglich“ bei, habt eine Marke, setzt das cobra-Label dazu, habt außerdem noch eine Gratis-Optimierung durch Leute wie Caro, Marja oder mich, die unterstützen, vielleicht sogar noch eine Supervision liefern. Das hat doch nur Vorteile.

J: Ja, man identifiziert sich aber doch so, dass man einen Deal mit einer Marke, der cobra eingeht. Wir haben nun schon eine etabliert, aber ich denke, wir müssen uns immer auch fragen, welche Distanz zu Marken, Institutionen, oder Netzwerken nötig sind. Und als Vielleicht-Künstler sucht man nach einer Autonomie oder einer Art von Selbstausdruck und fragt sich, ob es nötig ist, sich noch eine Marke aufzuhalsen, wenn man noch in einer Selbstfindungs- oder Experimentsphase ist. Das verstehe ich schon. Ich fange ja auch nicht an, irgendwelche Fotos für mich privat zu machen und schreibe dann cobra oder Cola drauf. Manchmal denkst Du eher persönlicher, manchmal eher im Kontext.

Ln: Was einen Außenblick betrifft, geben auch wir etwas ab, wenn wir uns mit cobra identifizieren. Von außen wird uns unsere Arbeit vielleicht nicht mehr so zugeschrieben, als wenn wir uns nicht cobra nennen würden. Du wirst irgendwie bewertet oder in irgendwelche Ecken geschoben.

J: Es findet ein ganz klarer Abgleich mit anderen cobra-Stücken statt. Und da ist der Rahmen für ein Feedback oder ein Betrachten dessen natürlich ganz anderes gesetzt, als wenn ich mich frei auf ein Stück zubewege, ohne eine Kenntnis oder Vermutung zu haben, wie das entstanden oder organisiert ist. Der Blick des Publikums wird durch das Label schon verändert und das ist schon bedenkenswert, oder?

La: Keine Ahnung, wie das für andere ist, mich stört aber diese Vergleichssituation mit anderen corbra-Produktionen. Die schon erwähnte Produktion mit C war halt eine Art Work in Progress und für mich war es das erste Mal, dass das nicht auf eine fertige Inszenierung hinauslief und wir wussten selbst noch nicht so richtig, wie sich das Endprodukt verkaufen lässt und waren auch vorsichtig vor dem Vergleich mit einer Reihe anderer Produktionen.

W: Darauf würde ich antworten, dass gerade die Gespräche wie wir sie jetzt führen, dazu da sind, mögliche Vergleiche zu relativieren. Selbstverständlich habe ich diese Konkurrenzsituation noch nicht gedacht. Für mich ist es auch was anderes, eine sehr natürliche Entscheidung, etwas als cobratheater.cobra zu labeln, aber es gibt halt sowieso die Möglichkeit der Diskursivierung, Entstehungsprozesse transparent zu machen und Teil des Aufführungsdiskurses werden zu lassen.

J: Ein Problem haben wir aber auch nicht generell, wir sind ja hier und reden.

Ln: Was ist aber, wenn das Marketinginstrument cobra wegfällt? Wenn wir mit unserer Theaterarbeit keine besondere Öffentlichkeit suchen, ist es natürlich immer noch gut jemanden einzuladen, aber haben wir ja immer noch Netzwerke, in denen wir uns sonst auch bewegen.

J: Was beim State of the Art sehr stark der Fall war, glaube ich. Alle proben nebeneinander, es gibt viele Leute, die sich Sachen angucken und viel sprechen. Noch mal: cobratheater.cobra ist ein gutes Marketingtool, die Frage ist aber, ob die Marke das Produkt verschluckt. Und ich glaube, sobald man sich in eine Art von Öffentlichkeit begibt, muss man ein gewisses Standing haben. Zumindest in gewisser Weise. Aber das ist vielleicht nur mein Gedanke, weil wir eine Art zweiter Generation darstellen und deswegen eine ganz andere Perspektive haben.

W: Ja, okay. Aber wenn ich mir jetzt die cobra-Sachen angucke, ist nichts dabei, das mich einschüchtert, eher im Gegenteil, dass ich Lust habe, etwas zu übernehmen, oder auch total ablehne. Sagt doch mal bitte, wie ihr das seht, ein Stück wie „Als der Körper zum Feind wurde„, was ich jetzt nenne weil ich da mitgemacht habe, ist doch nichts, was irgendwie virtuos wäre, sondern eher wie Amateurtheater daher kommt.

J: Entweder bist du Teil dieser Gründungsclique, über die ich überhaupt keine verlässlichen Informationen habe, aber wenn du nicht bester Freund mit einer Full-Time-cobra bist, ist die Perspektive ganz anders. Ich rufe weder dich noch Martin an und frage, wie die Woche war, was dein nächstes Projekt ist und, dass ich da übrigens mitmache. Also, ich habe nicht das Gefühl in das Netzwerk integriert zu sein oder gleichberechtigt an allen Aktivitäten teil zu nehmen, was man vielleicht auch gar nicht will.

Ln: Es ist schon so, als wir mit dem Studium angefangen haben, dass ich gemerkt habe, dass ihr schon in so Professionalisierungsschritten definitiv weiter wart als wir, die wir das erste Projekt machen. Das sieht man auch, das sind reifere, professionellere Produktionen. Bei „马马 虎虎“ z.B., was das erste war, das ich hier gesehen habe. Danach „Soft„, glaube ich. Wenn du hier anfängst zu studieren, siehst du schon einen größeren Abstand.

J: Vielleicht wird der jetzt noch wahrgenommen, oder hat sich in dem Sinne nicht verringert, weil die anderen cobras, auch Schritte nach vorne machen, in der Zeit, in der wir zwei Semester hinter uns gebracht haben.

W: Entschuldigung, ich muss ein bisschen das Tempo anziehen, weil ich nicht mehr so viel Zeit habe. Das ist mein Fehler, sorry. Mich würde noch interessieren, was das ist, das ihr als professionell wahrnehmt. Was ist das Professionelle an cobratheater.cobra?

La: Für mich ist das nicht nur in den Stücken, sondern ich nehme eine allgemeine Reflexion über Theatermachen oder -proben wahr. Euch kenne ich alle eher grob, weiß aber ungefähr, was ihr studiert habt und kenne euch aus Gesprächen, wo ich Euch als reflektiert, bewusst und viel nachdenkend wahrgenommen habe. Eigentlich will ich gar nicht so rumschleimen, aber es macht nicht den Eindruck, ihr produziertet irgendwas, fertig, in drei Wochen darauf das nächste, sondern, dass ihr Euch darüber hinaus gehende Gedanken macht und was den Anschein kontinuierlichen Nachdenkens weckt. Das wäre für mich professionell, wenn man das so nennen mag.

J: Auch das Gefühl, auf jemanden zu treffen, der auch irgendwie cobra ist, vielleicht ähnliche Interessen zu haben, zumindest was Theater angeht. In dem Sinne ist das vielleicht professionell, wenn ich auf jemanden treffe und schon ein bisschen weiß, wer das ist. Was ihn oder sie interessiert und dann darauf zugehen kann. Diese Option oder dieser Gedanke vereinfacht den Zugang zu Menschen.

La: Ich sehe in den Produktionen auch einen Gestus von „Ich-weiß-wie-das-hier-sein-soll“. Das ist vielleicht nicht allen Produktionen immanent und es ändert sich, aber was ich beobachtet habe, sind ästhetische Entscheidungen, die durchgezogen werden, die mir vermitteln, da hat jemand eine Vorstellung davon, wie Theater in dem Moment sein soll und bezieht da eine klare Positionen. Am Anfang meines Studiums fiel mir dieser Gestus schwer. Jetzt bin ich in der Mitte und es fällt mir immer noch sehr schwer.

Ln: Ich weiß gar nicht, ob sich dieser Zustand überhaupt mal einstellt.

La: Ein bisschen klarere Gedanken beobachte ich an mir schon.

W: Letzte Frage: Was gebt ihr eigentlich cobratheater.cobra?

J: Wir geben eine szenische Lösung, zumindest den Menschen, die da hinkommen. Und stellen uns zur Verfügung für netzwerkartige Aktivitäten. Wir haben z.B. auch Eintritt für das Frühlingsfest gegeben. In diesem Sinne geben wir, dass wir Teil davon sind.

Ln: Jetzt gerade geben wir. Wir diskutieren.

La: Ja, wobei ich schon sagen würde, dass ich diesen Netzwerkgedanken dahingehend sehe, dass es immer Aktivere gibt und ich empfinde mich tatsächlich als cobra-Nachwuchs, oder so, der guckt was passiert, der so komisch dranhängt und rumschlabbert. Das ist aber, glaube ich, auch Motivation, nicht nur eine Produktion mitzumachen, sondern länger dran zu bleiben und aus einer eigenen Sicherheit, vielleicht auch Verantwortungsgefühl, eigene Sachen zu initiieren. Ich würde sagen, dass wir bisher nicht so wahnsinnig viel beitragen und das nicht als Problem sehen.

Ln: Es ist aber auch eine Machtfrage, wer kann überhaupt wie aktiv sein? Was braucht man dafür, um aktiv im Netzwerk zu sein? Da gibt es schon Formen von Hierarchien, meiner Meinung nach. Das sind vielleicht die Anzahl von Verbindung die du hast und den Grad deiner Aktivität, was Handlungsfähigkeit in dem Netzwerk ausmacht. Das kannst du natürlich voran treiben.

J: Die Frage ist erst mal, wie wir uns verbinden.

W: Wollt Ihr das?

Ln: Ich finde es schon interessant, noch mehr zu denken, dass man irgendwie Einzelperson ist, die mit anderen ein Projekt unternimmt, woraus sich Verbindungen ergeben, die sich anders fortsetzen usw. Zu dritt sind wir jetzt irgendwie in das Netzwerk rein gesprungen. Zwar habe ich Martin im Vorhinein assistiert, aber das habe ich schon als großen Schritt erlebt.

J: Ich will auf jeden Fall unspezifisch mit Menschen zusammen arbeiten, die irgendwas damit zu tun haben, weil ich gerne Dinge mache, die erledigt werden und zu einer Aufführung kommen und das habe ich bei cobratheater.cobra irgendwie das Gefühl, dass es jedenfalls ein paar Leute gibt, die Sachen zu Ende erledigen. Das empfinde ich als ein beruhigendes Gefühl und die Leute, von denen ich das annehme, will ich gerne noch weiter kennen lernen. Natürlich ist es von Vorteil, aber nur weil ich mich cobratheater.cobra nenne, heißt das noch nicht, an bestimmten Häusern bestimmte Kontakte mitgeliefert bekomme. Jetzt scheint cobratheater.cobra auch irgendwie verteilt zu sein, auf verschiedene Orte. In Hamburg ballt sich etwas. Da bin ich aber nur selten. In Berlin, da bin ich oft, gibt es wenig. Außer vielleicht am Ballhaus Ost.

Einen Kommentar hinterlassen»

Re: Ausflug mit Arztsohn

wanja : 15. April 2014 13:39 : cobrajournal.cobra

Liebe Lena,

ich lese wieder Deinen Text. Wie Du weißt, zum wiederholten Male. Was nun folgt, ist meine erste Antwort darauf, leicht an heute angepasst. Die nummerierende Ordnung Deines Blogs kommt mir entgegen, sie organisiert die Selbsterzählung auf sehr angenehm lesbare Art und Weise, die schon witzig ist, aufgrund ihrer harten Knappheit. Thematisiert auf relativ geringem Raum sehr viele unterschiedliche, zentrale Motive, die übrigens, das fällt mir jetzt zum ersten Mal an Deinem Schreiben auf, extrem im Reflexiven operiert und fast gar nicht im Modus körperlichen Erlebens spricht.

Bemerkenswerterweise berühren mich die biographischen Daten, die Du anführst, stark. Erinnert mich prinzipiell an meine Familie. Bei uns wird allerdings auch immer gesagt, BILDUNG, damit nicht körperlich gearbeitet werden muss (während das Ideal der sog. realen Arbeit nicht infrage gestellt wird). Meine Mutter hatte ebenfalls ein Böcklerstipendium, mit dem, sowie dem Opelgeld meines Vaters, ihr es möglich war, Soziologie zu studieren und mich/uns zu erziehen. Interessanterweise hat es mir gefallen, mich und meine Familie in Deinen Text projizieren zu können. Dieses Sentiment habe ich noch nicht wirklich reflektiert, weil es auch ein bisschen allem widerspricht, was ich im Folgenden schreiben werde und allgemein denke.

Halt ein geiler Text, den Du geschrieben hast, weil er mich selbst in den Text getrieben hat. Leider habe ich mir zu viel Zeit gelassen, ihn hochzuladen, weswegen die Spontanstgeste leider wegfällt. Das Hintergrundrauschen von Feuilleton und Blog haben wir aber immer noch. Auch in diesem Sinne: gerne zu spät. Allen Linien, die Du so anbietest, will ich aber nicht nachgehen, sonst schaffe ich es nie, irgendwas irgendwo hochzuladen. Nur so viel: die sozialdemokratische Partei Deutschlands überschreibt ihr Regierungsprogramm mit „der Wert der Arbeit“ und souffliert damit einen Romantitel, der von Jmd. handelt, der sich nicht schafft, von einem Arbeitsbegriff zu lösen, der darauf basiert, anzunehmen, die Werte, die seine Arbeit erschafft, seien vollernst zu nehmen. Und der Wert der Arbeit etwas, auf, dass wir uns verlassen könnten.

Zu spät kommen – davon sprichst Du. Darunter kann ich mir etwas vorstellen. Nur, was sind uns diese Leute aus den etwas besseren Verhältnissen denn voraus? Was für eine Scheiße sollte das sein, das sozial-kulturelle Kapital? Mit den Eltern über Bachkantaten, Lyrik von Rose Ausländer, oder Theaterinszenierungen von Claus Peymann zu disputieren? In einem universitäre Seminar nicht nervös zu werden? Sich ganz natürlich für Rotwein zu interessieren? Mir fallen leider keine richtig guten Beispiele ein, weil ich diese feinen Unterschiede eher lächerlich finde. Oder einfach kein Problem mehr. Das Niveau ist doch selten zu hoch, oder? Können wir doch auch alles. Wenn ich irgendetwas von der Mentalität meiner Familie übernehmen möchte, dann den natürlich trotzigen aber komplett egalitären Prollsnobismus, zu glauben, wir könnten das sowieso alles, sowieso gleich. Eher ein männliche Denken, was noch reflektieren ist. Das Problem ist nicht bei uns, sondern der Wunsch der Gesangslehrerin, immer die gleichen Voraussetzungen bei Schülerinnen anzutreffen, nicht die fehlende Erfahrung als Öffnung, Möglichkeit, oder KAPITAL zu verstehen.

Spiegel Online fragte einige der Aufständigen, die in Kiew das Rathaus gestürmt haben, warum sie nicht wüteten, sondern fast alles in Ordnung gelassen haben. Gehört uns doch schon sowieso, haben die Leute gesagt und sind Tage später wieder aus dem Rathaus gegangen. Fand ich in der ganzen boulevardesken Aufmachung ziemlich nachvollziehbar und eine geile Szene.

Natürlich ist sich anzupassen. An den Habitus der Universitäten, meinetwegen auch der Schreibschulen, Verlage, Künstlerischen Betriebsbüros und keine Ahnung. Aber genau das gleiche erleben wir in den Fußballvereinen, Eckkneipen, Großraumdiskos, Shisha-Cafés, Tattoo- oder Sonnenstudios, Wettbüros, Arbeitsämtern, Fabrikkantinen. In diese ganzen Läden kommen wir doch auch immer schon zu spät. Mit den Leuten dort können wir, entschuldige, Dich da jetzt mit reinzuziehen, doch auch nicht unbefangener reden, als mit Literatur-Agentinnen oder Festivalmachern. Oder wie die sich gerade auch immer nennen.

Wir könnten auch beobachten, wie wir, die Kinder dieser seltsamen, sozial aufgestiegenen (westdeutschen?) Schicht, den uns vorbereiteten Weg des relativen finanziellen Wohlstands nicht einschlagen. Wohlstand und Einsamkeit der Sozialarbeiter und Facharbeiterinnen, Berufsschullehrer und Verkaufsleiterinnen. Ein Wohlstand, der das damit einhergehende Sicherheitsversprechen niemals tatsächlich einlöste, stattdessen diese bemerkenswerten Mittelklasselebensformen, frei vom sog. bürgerlichen Stil, die wir bei unseren Eltern besuchen können. So kann ich von dem Glück sprechen, keine private oder künstlerische Agenda aus meiner sozialen Herkunft ableiten zu können. Ich fühle mich vor niemanden verantwortlich und weigere mich, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich einen Tag nur rumhänge und überlege, wie ich meinem Freund Leo schreibe, wie ich den Film finde, den wir gemacht haben. Und kein Interesse daran habe, irgendwelche Realitäten abzubilden, die Verhältnisse mitzuverwalten, indem ich sie als Darstellung interessant zu machen versuche. Es gibt keine Heimat, keine verbindliche Programmatik, wir sind alle in uns selber, allein oder mit den Freundinnen, aufgeteilt. Und wenn mein Bruder auch jetzt gerade in dem großen Stahlwerk, direkt am Rhein gelegen, steht und alles tut, damit dieser Stahl auch wirklich weltklasse bleibt, so tut er das allein und mit seinen Kollegen zusammen und ich bin froh, dass ich damit absolut nichts zu tun habe. Die Fremdheit und seltsame Negativität, dem gesamten Herkunftsumfeld gegenüber ist wohl der einzige Luxus, den wir haben können werden und vielleicht auch weswegen wir uns hier schreiben.

Aber klar, meine Anpassungsschwierigkeiten, als ich in einem Vier-Sterne-Hotel, einem Restaurant, oder einem (Stadt-)Theater mit anspruchsvollem Publikum, gearbeitet habe, als ich angefangen habe, mich mit Professorinnen oder Künstlerinnen zu unterhalten, verschweige ich. Darüber will ich gerade nicht mehr reflektieren, mich nicht benachteiligt fühlen, weil das tatsächlich nicht der Fall ist. Nicht, dass Du das gemacht hättest, aber ich will nicht an die sog. feinen Unterschiede denken, sie interessieren mich nicht, sondern annehmen, dass ich all diese bekloppten symbolischen Ordnungen und Gepflogenheiten spielen kann. Auch, weil ich immer schon eingeladen, gefördert und unterstützt wurde. Mit dem Theater oder der Universität bin ich trotzdem nicht identisch, wie sollte das auch gehen. Es gibt keine Tradition, der ich mich verpflichtet fühle, der Bauchkommunismus meiner Familie ist glücklicherweise mit dem Zusammenbruch der Institution KP völlig unmöglich geworden und diese Leere empfinde ich als tendenziell befreiend. Ich kann mir eine Krawatte anziehen, und, leider besitze ich keinen, guten Anzug anziehen und das auch performen, weil es eine Lustquelle ist, ein Eingriff in meine Person, oder wie soll ich das nennen, und fühle mich weniger fremd als bei einem Kreisliga-C-Fußballspiel. Das ist untrennbar mit dem Gang in die anderen Institutionen, hin zur sog. Bildung und Kunst, verbunden. Weil da ein Bedürfnis, oder Begehren, oder desire, in der materiell und ideell sich andeutenden Welt irgendwie zu wirken und sich stetig verändern zu wollen. Da kann ich dem von Dir zitierten Eribon nicht ganz folgen. Das Problem, sich aus einem Umfeld wegzuentwickeln, vielleicht auch nur halbbewusst, begann doch schon lange vor der Studienzeit. Ich habe das Theater und die Universität fast nie als asketischen Ort erlebt. Es war sicherlich ziemlich schwer, so oft die Fresse zu halten, und mir das anzuhören, was da vorgetragen wurde, aber diese Kackdisziplin musste ich erstens bereits in der sozialdemokratischen Gesamtschule aufbringen, und ich war dazu in der Lage, allein aus Mangel an Alternativen. Weil das Leben mir sowieso als relativ vereinzelnd und langweilig erscheint, war es doch die brutalste Erweiterung, einen Autor wie Roland Barthes zu lesen. Oder Judith Butler, Rainald Goetz, auch Adorno, Donna Haraway, alle die, die halt reinhauen. Die Autorinnen und Autoren der ersten Reihe, wie Du vielleicht sagen würdest.

Vielleicht, und es tut mir wirklich schrecklich leid, wenn Du das jetzt nicht lesen willst, aber ich möchte noch kurz über Dein Auftreten referieren. Ich sympathisiere ganz natürlich mit Dir, was offensichtlich ist. Unterschätze bitte nicht, die Ruhe und Eleganz, mit der Du in der Lage bist, dazusitzen, mit einem Lächeln im Nacken, so lernen es Tänzerinnen, zuzuhören. Und noch zu sprechen. Ich will Dir sicher nicht zu nahe treten, aber im Umgang mit Dir ist stark erfahrbar, wie sehr Du über interpersonelle Dynamiken reflektiert und bestimmte Umgangsformen kultiviert hast. Du lädst sprechend zum Mitdenken ein und signalisierst ruhig Anerkennung ohne Dich anzubiedern. Mich beeindruckt das ausschließlich immer und ich kann mir vorstellen, dass es, vermeintlich paradoxerweise, auch wieder einzuschüchtern in der Lage ist. Es soll gar keine Lenaprosa sein, aber die Veränderung andeuten, die schon längst in uns allen arbeiten und die wir, und das beginnt Dein Text abzumessen, eher zu selten beobachten. Ich hätte ja auch davon schreiben können, wie ich, darüber denke ich zu wenig nach, die Leute immer antexte, auf intensiv und wichtig und es ist Arbeit oder Nicht-Arbeit und trotzdem immer Flirt als gäbe es kein morgen.

Gerade bin ich nicht sehr zufrieden, mit dem, wie ich schreibe. Alles klingt, als wollte ich Dir widersprechen, das nervt mich. Vielleicht muss das jetzt sein, damit ich verstehen kann, wie ich Deinen Text weiterschreiben kann, da irgendwann mal vernünftig anbauen kann. Habe gerade in Archivaufnahmen von Radio Bremen gehört und was du geschrieben hast, spricht mich auch ganz eigen an, dass ich immer noch fast gerührt bin, weil ich nur sagen wollte „die Alltagsrealität bildete nicht alles ab, was mich interessierte.“

 

Einen Kommentar hinterlassen»

Ausflug mit Arztsohn

lena : 28. März 2014 16:33 : cobrajournal.cobra

Von Literaturdebatten, Ökonomien der Aufmerksamkeit und sozialdemokratische Wattenmeere

1 Ich könnte sagen: Ich komme aus einer bäuerlich-proletarisch geprägten Familie. Meine Großeltern waren sogenannte Kleinbauern und verdienten sich mit ungelernten Handwerks-tätigkeiten oder Fabrikarbeit etwas dazu. Meine Eltern verließen beide so früh wie möglich die Schule, mein Vater mit 14, meine Mutter mit 16 Jahren. In meiner Familie wird untereinander nicht hochdeutsch gesprochen. Von klassischer humanistischer Bildung existiert eine eher vage Vorstellung. Prägend sind viel mehr: Katholizismus, ein gewisser Arbeitsethos und die Ideale der 70er-Jahre-Sozialdemokratie. Stichwort Soziale Gerechtigkeit.

2 Während ich dies schreibe, sitze ich ausgestattet mit einem (längst aufgebrauchten, weil vor mehreren Monaten ausgezahlten) Arbeitsstipendium in Atelier 2 der Worpsweder Künstlerhäuser, es ist Donnerstag 12:51 Uhr, die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich schaue auf die Pferdeweiden, die sich verschwenderisch vorm Fenster ausbreiten. Und anstatt am neuen Hörspiel zu arbeiten, lasse ich mich zu diesem Text verleiten. Immer noch ertappe ich mich hin und wieder dabei, das Schreiben vor mir selbst als Arbeit rechtfertigen zu müssen. Unter der Woche am frühen Nachmittage herumsitzen und nichts weiter zu tun als sich Gedanken zu überlassen, die wie Wolken ziehen…

3 Ich habe an einem gemeinbildenden Gymnasium Abitur gemacht. Sartre, Camus und de Beauvoir waren das Verheißungsvollste, was mir in 13 Jahren Schule begegnet war und so setzte ich mich bei der ersten Gelegenheit nach Frankreich ab. Ich arbeitete als Bäckerin in einer Kooperative, weil wir (es gab eine Art wir) dachten, durch eine Kollektivierung von Produktionsmitteln „irgendwie“ Voraussetzungen für etwas anderes zu schaffen. In dieser Landkooperative re-performte ich einiges, was auch das Wissen meiner Großeltern und Eltern geprägt hat: Es gibt beständig zu viel Arbeit und zu wenige Menschen, die sie erledigen können. Die Vereinnahmung der Einzelnen für die Erfordernisse des Gemeinsamen ist selbstverständlich und weitreichend. Die gemeinsame Bewältigung der Arbeit wird das prägende Moment schlechthin. Ständige Mittelknappheit. Meistens: Pragmatismus. Improvisation. Häufig: Überforderung. Mühsal. Manchmal: Hochgefühle. Kollektiver Flow.

Wir arbeiteten, manchmal jedenfalls, in der Überzeugung, die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, die kommen mussten und kommen würden – in Frankreich krachte es in diesen Jahren an der Uni und in den Vorstädten – zu unterstützen und zu befördern.

 4 Da der Aufstand aber auf sich warten ließ und die Zeit weiter überbrückt werden musste, kam ich über einen von alten, fröhlichen Marxisten ins Leben gerufenen Studiengang zur Erwachsenen- bzw. Arbeiterbildung durch die Hintertür doch noch an die Uni. Ich kämpfte mich für einige Zeit mit dem Fahrrad durch den Pariser Autoverkehr, besuchte eben die Seminare, die für uns im Zweiten Bildungsweg vorgesehen waren, las mit den fröhlichen Marxisten Bourdieu, Lévi-Strauss, Rancière, Guattari und Deleuze quer und bastelte flugs eine Abschlussarbeit zusammen, der man das Fehlen von wissenschaftlichen Grundkenntnissen und einen eigenwilligen Gebrauch der französischen Sprache anmerkte.

 5 Ich hatte einige dieser intensiven Momente intellektueller Hochgefühle erlebt, wie sie bei der Lektüre bisher unbekannter Denker_innen manchmal vorkommen, und wollte jetzt doch richtig an die Uni. Soziologie wäre vielleicht naheliegend gewesen. Meine Mutter hatte es in den 80ern mit einer mühsam erbeuteten Fachhochschulreife über Umwege in die Soziologie an der FU Berlin geschafft – allen Stimmen zum Trotz, die sie als Nicht-Abiturientin und Mädchen vom Land in die Sozialpädagogik umleiten wollten – und die Soziologie war eigentlich die einzige mir bekannte Wissenschaft. Aber auch ich wollte einen gewagteren Sprung machen – ich wollte schreiben. Über eine Freundin hatte ich von Hildesheim gehört und so kam ich, die bis dato wenig bis keine klassische Literatur gelesen hatte, seltenst im Theater und noch nie in Ballett, Sinfoniekonzert, Oper etc. gewesen war, zu Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis.

 6 Ich habe in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Und ich habe mich einigermaßen fremd gefühlt. Ich erinnere mich beispielsweise an den zweifelnden bis unwirschen Blick einer Gesangslehrerin, zu der ich im Rahmen meines „künstlerischen Beifachs“ Musik ging, als klar wurde, dass ich NOCH NIE in meinem Leben von klassischem Gesang gehört hatte. Wir einigten uns dann stillschweigend darauf, dass ich sie nicht weiter belästigte und meine Punkte eher in einem Seminar zu Populärer Musik sammeln sollte. Mein Mich-Fremd-Fühlen war vielleicht auch eine Art Abgrenzung: Vieles, das verhandelt wurde, interessierte mich eher weniger. Ich verstand nicht die Regeln der Spiele, in denen es vielleicht um Aufmerksamkeit, Anerkennung oder gegenseitige Herabsetzung ging. Ich verstand sie nicht, auch weil ich den Wert von Anerkennung in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht durchschaute. Mein Horizont blieb vorerst das Lob oder die Kritik für einen Text, ähnlich der pflichtbewussten Schülerin, die einfach ihre Hausaufgaben erledigt. Darüber hinaus fehlte mir die Vorstellung darüber, was ich wollen sollen konnte. Ich fand dort einen Ort, an dem ich mich schönen Dingen widmen konnte: Ich verbrachte ganze Tage lesend und schreibend, ich rezipierte abgründige zeitgenössische Lyrik und Performancekunst und tauschte mich mehr oder minder kundig darüber aus. Ich las ein wenig Johnson, ein wenig Sebald, ein wenig Jelinek etc. Ich erfuhr, dass der Prenzlauer Berg der Achtziger und Neunziger Jahre auch in literarischer Hinsicht ein wilder und verwegener Ort gewesen war.

 7 Während sich meine Mutter sagen wir mit Pierre Bourdieu aus zu engen Verhältnissen herauswinden konnte, halfen mir eher: Leonard Cohen, Dorothy Allison oder Angel Haze. Eine Lanze für die Melancholie brechen. Die Angst vor dem Nicht-Anschlussfähigen loswerden. Die Angst vor der eigenen Erzählung. Denn was hartnäckig zurückbleibt von den familiären proletarisch-bäuerlichen Spuren in mir selbst, ist diese gewisse Härte, dieses Misstrauen dem „Unproduktiven“ gegenüber, dem Selbstzweck, Müßiggang und Schöngeist. Auf letztgenannte aber muss bestanden werden. Es ist die Wertschätzung den eigenen Gedanken gegenüber, die ihnen ein Gewicht geben, das vom Kollektiv nicht vorgesehen war. In diesem Beharren liegt etwas, dass diese überaus hinderliche Produktivitätsmoral, sowohl die kleinbäuerlich-katholische als auch die gewerkschaftlich-sozialkompromissorientierte, in ihre Schranken weisen kann.

 8 Trotz all dieser Entdeckungen kann noch vieles fehlen, was für eine Platzierung in der Ökonomie der Aufmerksamkeit (eines Literaturbetriebs zum Beispiel) von Nöten ist: die Selbstverständlichkeit des passenden Auftritts und des guten Timings, das implizite Wissen über die Orte der Aufmerksamkeit, der feste Willen zum Erfolg, das Hochstapeln ohne Schuldgefühle, die Disziplin, der lange Atem, die Gelassenheit und die (finanzielle) Rückendeckung für die größeren Würfe. Und so gibt es im allgemeinen an den demokratisierten Universitäten und im besonderen an den Kultur-Kader-Schmieden neben einer Erste-Reihe-Mentalität einiger auch die Zweite-Dritte-Vierte-Reihe-Mentalität vieler: die Übersetzerinnen, die Jobber, die Ein-paar-Artikel-Schreiber, die Den-Roman-bei-einem-kleinen-Verlag-Unterbringerinnen, die Aufstocker. Auch das ist Literaturbetrieb. Nur selten geht es um die ganz große Aufmerksamkeit, meistens geht es um Zwischenzustände, von denen sich schwer sagen lässt, ob sie super oder scheiternd, wahnsinnig prekär oder doch ganz gediegen sind.

 9 Eine Platzierung in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit ist doch immer auch eine Frage der Behauptung: Hier und jetzt passiert etwas wichtiges. Wenn ich zuerst alle Regeln verstanden haben muss, bevor ich selbst etwas sage, heißt das auch: stets zu spät dran, noch nicht gut genug. Überhaupt scheint das Zu-Spät-Dran-Sein die große Hürde für Kinder aus bildungs- oder kultur- oder einflussfernen Familien zu sein: die Codes noch nicht durchschauen, den Kanon noch nicht kennen, die Selbstsicherheit noch nicht mitbringen etc. Insofern scheinen Schreibschulen für eine gewisse Demokratisierung zu stehen, in denen auch ein paar Kindern aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien das ABC des Literaturbetriebs und der ein oder andere Kniff aus der Poetik-Trickkiste beigebracht wird. Was nichts daran ändert, dass die aus den anderen Familien noch den ein oder anderen Joker im Ärmel haben.

10 Didier Eribon, französischer Soziologe mit Arbeiterhintergrund, beschreibt diese Verspätung in Retour à Reims so: „Was für die anderen selbstverständlich war, musste ich mir Tag für Tag, Monat für Monat im alltäglichen Kontakt zu einem Verhältnis zur Zeit, zum Sprachgebrauch und auch zu den anderen erobern, das meine gesamte Person, meinen Habitus von Grund auf verändern würde, und mich in eine heikle Lage brachte gegenüber meinem Herkunftsmilieu, zu dem ich jeden Abend zurückkehrte.“ Und schreibt weiter: „Die unteren Klassen glauben, an dem teilzuhaben, von dem sie vorher ausgeschlossen waren, obwohl die Positionen, zu denen sie Zugang haben, immer schon ihre frühere Bedeutung und ihren Wert verloren haben, wenn sie dorthin gelangen. Die Zurückweisung ereignet sich langsamer, der Ausschluss später, aber der Abstand bleibt derselbe: er erneuert sich, indem er sich verschiebt. Bourdieu nennt das „die Translation der Struktur“. Was als Demokratisierung bezeichnet wird, ist eine Verschiebung, in dem die Struktur trotz der augenscheinlichen Veränderungen überdauert und gleich bleibt, fast genau so rigide wie früher.“

11 Der Ausgangspunkt dieses gedanklichen Ausflugs war unter anderem die in den letzten Wochen gern diskutierte Frage, warum Literatur in Deutschland (immer noch) vor einem eingeschränkten sozialen Hintergrund stattfindet. Sowohl bezüglich der Literaten, die, aus Schreibschulen kommend, mehr oder weniger reüssieren, als auch in Anbetracht der Themen, Formen und Inhalte zeitgenössischer Literatur. Ich schaue mich um und denke: Etwas fehlt. Ich habe vage Ahnungen. Viele sind nicht Arztsohn. Einige schreiben. Viele von denen, die schreiben, bemühen sich hin und wieder um Aufmerksamkeit. Setzen sich mit Mangel und Knappheit auseinander. Manche ziehen Joker aus dem Ärmel, ziehen sich zurück auf die gekonnte Inszenierung, die Selbstdisziplinierung in der Auswahl der Freunde und der Gestaltung der Zeit, die Selbstsicherheit in der Nutzung der Kontakte, die glückliche Übereinstimmung der eigenen Codes mit den Erwartungen. Und schreiben (mit der Zeit) gute Texte. Anderen fehlt der ein oder andere Joker, dann ist es beschwerlicher, dann wiegen die Entmutigung, der Zweifel, die Vereinzelung oder der soziale Druck schwerer, etc.

12 Was wäre zu fordern, zu wollen, zu versuchen? Sicherlich: Lustvolles, beharrliches Schreiben, Selbstbewusstsein in der Wahl der Themen und Formen. Gegenseitige Unterstützung, Einbindung und Einbeziehung. Benennung eigener Situiertheiten und ihre Unterwanderung. Und dabei auch: Die Produktions- und Reproduktionsverhältnisse in den Blick nehmen, sie hinterfragen oder besser noch: unterlaufen. Schluss mit dem Mangel. Die Macht des ökonomischen Denkens, auch der Ökonomie der Aufmerksamkeit brechen und Orte der Verschwendung im Mangel schaffen: der Verschwendung von Zeit, von sich selbst, von Begegnungen, Worten, Ideen und Aufmerksamkeiten. Für aufregende dritten, vierten, fünfte, sechste Reihen!

Einen Kommentar hinterlassen»

cobrajournal.cobra oder Zusammen schreiben. Ein vielstimmiges Journal.

admin : 9. Februar 2014 17:41 : cobrajournal.cobra

„Uns braucht niemand anzustupsen, nicht wahr, Birhan, wir wachen von alleine auf.“
Sema Kaygusuz

1
Mein Schreibzimmer ist kalt und staubig. Immer ist es kalt und staubig, wenn der Herbst anfängt, diese staubige Kälte im Herbst, die sich schwer vertreiben lässt. Mein Schreibzimmer ist gleichzeitig mein Schlaf- und Wohnzimmer. Wenn ich mich umschaue, denke ich: Es fehlt mir an Büchern.

2
Ich habe mir angewöhnt, an vielen Dingen gleichzeitig zu arbeiten. Mich hatte die Leere an manchen Vormittagen oder auch Nachmittagen erschreckt. Sie legte mir nahe, stets viele Gedanken zu verfolgen. Es ist wie Zaubern: Jeder Gedanken entwickelt Dringlichkeiten und Erfordernisse und hält mich beschäftigt. So habe ich mich für meinen Beruf, für eine gewisse Art von Zeitgenossenschaft, qualifiziert.

3
Viele Jahre zuvor unterzog ich mich einer radikalen Kur: Schluss mit Büchern. Ich wollte Asphalt, real life, Abenteuer, street life. Meine Mutter hatte diesen spöttischen Blick. Ich ging. Kollektive Wohnungen, kollektivierte Betten, kollektive Feierlaune, kollektive Ratlosigkeit, kollektive kalte Füße, kollektive bauliche Mängel, kollektiv rumhängen, kollektiv arbeiten, kollektive Besetzungen, kollektive Gewahrsamnahmen, kollektive Unzulänglichkeit, kollektiv schlecht schlafen und kollektiv gut essen. Mir war das ziemlich ernst.

4
Als ich mich fürs Schreiben entschied, zog ich alleine in ein leeres Zimmer und druckte mir „A room for one’s own“ von Virginia Woolf im kostenlosen pdf aus. So lebten wir eine Weile: The room, Virginia und ich. „But, you may say, we asked you to speak about women and fiction – what has that to do with a room of one’s own? I will try to explain.“

5
Mein Schreibzimmer (das von heute, kalt und staubig) liegt im dritten Stock, am Ende eines langen Flurs, in dem in den letzten fünfundzwanzig Jahren hundert Bewohnerinnen und Bewohner Spuren hinterlassen haben. Viele haben irgendwelche Kisten stehengelassen, die sie nie wieder abholen, andere haben die Wände besprüht, bemalt oder beschriftet. „Geh doch in die 2. pissen!“ „Katholiken trinken kein Alkohol“ Oder: „J’ai vomi plusieurs fois.“ Wieder andere haben besagte Wände überhaupt erst gebaut. Oder die Fenster eingesetzt, die Stromleitungen verlegt, die Kacheln verfugt. Momentan sind wir wenig mehr als vierzig Personen im Haus. Das Haus reißt mich oft aus den Gedanken. Ständig klopfts an meine Tür. Wenn das Internet nicht geht und ich es reparieren soll. Wenn es einer Freundin schlecht geht. Wenn das Essen fertig ist oder wenn ich es kochen soll. Silvia Federici schreibt: „[D]ie „Vergemeinschaftung“ (commoning) der materiellen Reproduktionsmittel [stellt] den wichtigsten Mechanismus zur Herstellung kollektiver Interessen und wechselseitiger Verbundenheit [dar].“ Oha.

6
Schreiben ist meine Einsamkeit. Immer wieder bin ich erleichtert, wenn ich es geschafft habe, mich davon zu schleichen. Wenn ich alleine bin. „Ich trinke Eisensaft und rauche“, schrieb mir eine Freundin. So stelle ich es mir vor: Sie, schreibend, Eisensaft trinkend, rauchend, alleine. Romantisch, immer wieder, diese Verbindung aus Einsamkeit und Schreiben. Essentiell auch, gefährlich. Sich versteigend, verrennend, zerfallend. Wer hälts zusammen?

So let’s go Schreibjournal.

Einen Kommentar hinterlassen»