Argelés-sur-Mer — eine cobrakritik.cobra von Juliane Hahn

Letzte Woche waren es nur vier von „den Jungs“ – wie man sie hier nennt. Letzte Woche waren cobraanker.cobra in ihrem Theaterstück soft auf einer Schiffsreise – mit Tanz und Teppich in Fernen Weiten, um ihr Geschlecht aufs Spiel zu setzen. Argelès-sur-Mer ist das Urstück des Theaters von Jasper, einer Frau und „den Jungs“. Diesen ersten Teil der Reise hat Gesine begleitet.

In der ersten Reihe weht der Wind von Fahrradchoreographien, das ist erfrischend und beängstigend zugleich. Vielleicht
geht ja was schief und die rauschen voll in mich rein. Aber die Jungs haben das im Griff. So, wie ich mir immer vorstelle, endlich angesprochen zu werden, um Teil einer Gruppe Synchronschwimmerinnen zu sein, hat die Red Anchor Crew ihr Glück im Miteinander des Radfahrens gefunden – in Reihen, in Kreisen, hintereinander, versetzt, synchron, asynchron. Sie fahren durch Bänder, die von der Decke hängen, bauen sich Fahrradhöhlen, ziehen Trikots an, streicheln sich, zerstören und summenbrummensingen ihre Hymne. In den Videobotschaften: Le Tour des Velos am Wasser des Bremer Weserstrands, der Heimat. Natur und Penis vereint.

I’m waiting for that feeling… Irgendwie holpert das alles. Sprachlos fahren sie in Schleifen. Der Wind der Fahrradchoreographien weht weiter, doch ich weiß: die Jungs haben das schon im Griff. Bis dann – Love’s the greatest thing… – der Fremde Dünnbein im Kleid auftaucht und einen aus der Gruppe stiehlt. Als Frau kommt man nicht rein, da nimmt man sich den Jungen eben mit. Nichts mehr mit Sturmfest und erdverwachsen, plötzlich wird gesprochen. Organisation, Vereinzelung, Diffamierung des Anderen; jetzt also die Gruppe aufs Spiel setzen. Mir wird klar, die sind ja alle auch einzeln ganz nett und smart. Das währt nicht lange: „Von der Weser bis zur Elbe, von dem Harz bis an das Meer – stehen Niedersachsens Söhne, eine feste Burg und Wehr, fest wie unsre Eichen halten alle Zeit wir stand.“ Deswegen müssen alle Kontrahent_innen, inklusive Papa (Respekt) und Kleidfrau einfach kaputtgemacht werden. Der Selbsterhalt der Gruppe. Barbarisch Steinzeitlich Männlich National (Papa?) Völkisch….

Trotzdem und am Ende: Reisen und Bewegung sind Themen in der Kombination „Jasper & die Jungs“. Indem sich die Fremde im Kleid am Ende auflöst, endet Argelès-sur-Mer auf dem Sprung. Die Jungs verschwinden im Schwarz. Zwei Kleidmenschen stehen noch da. Das gefällt mir. Das berührt mich.

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