Fatzer/Krieg

Regie Benjamin van Bebber // Dramaturgie Martin Grünheit // Bühne Zahava Rodrigo // Kostüme Mascha Mihoa Bischoff //Komposition Frieder Hepting // Mit Marton Nagy, Lisa Schmalz, Meret Mundwiler, Frieder Hepting, Tomek Nowicki, Peter Kubik

Das Projekt FATZER / KRIEG ist die Abschlussinszenierung von Benjamin van Bebber (Studiengang Regie Musiktheater) an der Theaterakademie Hamburg. Gemeinsam mit seinen Gefährten von cobratheater.cobra begibt sich der junge Regisseur auf die waghalsige Suche nach einem musikalischen Zugang zu Brechts Fatzer-Fragmenten und konfrontiert diese mit den weltauslöschenden Thesen aus dem Kultstück »Krieg« von Rainald Goetz. Dieser wurde dafür in den Achtzigern mit dem renommierten Mühlheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. Im Zusammenspiel von Popmusik und minimalistischen Klängen geht van Bebber der Frage nach, wie zwischen Egoismus und Asozialität eine Gesellschaft entstehen kann? Das cobratheater.cobra ist ein Netzwerk von jungen Theaterschaffenden. Im Zeichen der Cobra und im Rahmen des Studiums entstand sein erfolgreiches Opernprojekt »Dideo und Aeneas«, dass zu verschiedenen Nachwuchsfestivals eingeladen war unter anderem OUT NOW, KALTSTART, 150% Made in Hamburg.

Rechte: Suhrkamp Verlag

 Trailer

 

Eine Antwort auf Fatzer/Krieg

  1. Fatzer/Krieg – In Hamburg zieht Benjamin van Bebber mit Brecht und Goetz die vierte Wand hoch
    Hinter Glas
    von Falk Schreiber
    Hamburg, 22. November 2013. „Wo-soll-man-da-hin-flie-hen?“ fragt der Deserteur stockend, „Ü-ber-all-ist-der-Mensch!“ Es gibt kein Entkommen, überall Kommunikation. Und weil sie nicht fähig ist, sich in diesem Kommunikationszwang als Kollektiv zu verstehen, wird die kleine Gruppe Fahnenflüchtiger in Bertolt Brechts zwischen 1926 und 1930 entstandenem Fragment „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ eben zu einem Haufen Verräter und Mörder. Keine Chance auf Solidarität, nirgends.
    Keine Aktion, keine Interaktion
    Benjamin van Bebber stellt das selten aufgeführte „Fatzer“-Fragment im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel in eine konsequent künstliche Umgebung: Zahava Rodrigos Bühne ist bis auf ein Klavier und eine Schüssel Wasser leer, dafür ist sie mit Plexiglasscheiben vom Zuschauerraum abgetrennt (was man wohl als Wiederaufbau der längst niedergerissenen vierten Wand verstehen kann). Ein Großteil der Dialoge wird choralartig gesungen. Aktion gibt es praktisch keine, auch keine Interaktion. Und wenn dennoch Kontakte zwischen den Figuren stattfinden, etwa als die Deserteure bei einer Freundin (Meret Mundwiler) unterschlüpfen wollen, wirken diese gekünstelt, unbeholfen. Van Bebber konzentriert sich damit explizit auf den Lehrstückcharakter der Brechtschen Vorlage: Einfühlung, Identifikation mit Johann Fatzer und seinen Mit-Deserteuren finden an keiner Stelle statt, gerade mal ein Nachvollziehen von Handlungsmotiven. Auf der Bühne stehen keine echten Figuren, sondern Spielfiguren, die von der Regie kunstvoll arrangiert werden.

    © Zahava Rodrigo
    Das macht diesen „Fatzer“ einerseits zu einer recht trockenen Angelegenheit, andererseits gibt es der Inszenierung Gelegenheit, nach etwas mehr als einer Stunde einen zweiten Text anzutäuschen: Rainald Goetz’ 1987 uraufgeführtes Stück „Krieg“, hier eine Feier der Vereinzelung. Bei Brecht hatte diese Vereinzelung noch Entsolidarisierung, Verrat und am Ende Tod zur Folge, bei Goetz ist sie ein dumpfes, irgendwo befriedigendes Wummern. Die Körper trampeln wüst im Halbdunkel, elektronische Beats dröhnen, ein Sprachwasserfall ergießt sich übers Publikum: „Musik war überall, überall Musik.“ Nur ein zehnminütiger Epilog bleibt von Goetz, dennoch ist „Krieg“ mehr als eine Ergänzung des „Fatzer“-Fragments, es ist: ein Weiterdenken von Brecht in die Gegenwart der Techno-Monaden. Endlich allein.
    Traditionelle Strukturen
    „Fatzer/Krieg“ ist die Abschlussinszenierung van Bebbers im Studiengang Musiktheaterregie an der Theaterakademie Hamburg, das erklärt den etwas akademischen Charakter der Arbeit. Die Inszenierung zeigt aber auch exemplarisch, welchen Weg van Bebber sowie sein mehr oder weniger enges Theaternetzwerk „cobratheater.cobra“ gehen: hin zu einem Theater, das einerseits die radikale Form sucht, andererseits die Strukturen traditioneller Theaterproduktion beibehält. Es wird in Hierarchien gearbeitet, es gibt Regie, Dramaturgie, es gibt Darsteller, die sehr wohl Rollen ausfüllen, auch wenn beispielsweise Martón Nagy ein Johann Fatzer ist, der nur noch die äußere Hülle einer Figur ist. Es gibt vor allem auch Texte, die überaus ernst genommen werden, die mehr sind als bloßes Material – zuletzt inszenierte van Bebber Büchners „Lenz“ und Purcells „Dido und Aeneas“.
    Van Bebber und „cobratheater.cobra“, die seit einiger Zeit als große Nachwuchshoffnung der Hamburger freien Szene gehandelt werden, sind in diesem Sinne ganz traditionelle Theaterarbeiter, wenn man einmal vom unorthodoxen Umgang mit den Genres Musik- und Sprechtheater absieht. Nach Jahren, in denen die freie Szene sich hauptsächlich mit konzeptionellen Arbeiten und kollektivistischen Strukturen einerseits vom Staatstheater emanzipierte und andererseits in die Staatstheater einsickerte, mutet van Bebbers Arbeit so fast konservativ an. Allerdings auf eine nahezu revolutionäre Weise.

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