alles alles geht mich an

Morgen gibts ne runde kostümspaß, stand in imke powerlicks rundmail. martin grünbein antwortete mit einem schweigen, einer leeren mail, aber halt, stop. das schweigen ist keine abwesenheit, und so fand man im anhang doch noch eine erhabene versammlung des gesamten seins. vielleicht nicht für wanja. aber für die spieler, die den text der 2.szene im ersten akt aufgeteilt zugeschickt bekamen. nicht nach figuren (danke julien), nicht nach satzzeichen, nach keiner situationslogik. aber doch nach etwas. nach was? vielleicht habe ich ein gefühl, aber sicherlich kein wissen. allerdings bin ich übelst heiß darauf, ein noch geileres gefühl dafür zu bekommen. ich glaube ich schaffe es erst dann den text auf der bühne zu sprechen. being sad is not a crime; herr bisesi erwies sich auch als nachhilfelehrer für textverständnis.

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Nicht nur die Kostüme von Imke, Anna und Aimee und der Text von Martin waren plötzlich auf der Bühne, nein, auch Frieder Hektisch war plötzlich übelst anwesend, ein Auftritt, fast wie Analsex. Frieder hatte ein Mikro auf die Bühne gestellt, das verbunden mit seinem Computer zum Zepter einer neuen Weltherrschaft wurde. Juliens Erwartungen hatten sich so angestaut, dass er völlig selbstverständlich seine Klamotten auszog und plötzlich nur in Unterhose zwischen uns stand. Noch so ein krasser Auftritt. Ich fühlte mich verführt, sah die Haut und sah die anderen, die auch Haut sahen, irritierte Augen, die immer wieder vom sprechenden Martin abwichen, bis sein Sprechen keine Aufmerksamkeit mehr hatte. Das war irgendwie geil.

Dann traten wir auf die Bühne. Einzeln. Haben die Kostüme gesehen, sie anprobiert. Wenn Imke inszeniert, probieren wir nicht mehr, wir probieren an. Haben die Wandsbeker Probebühne verwandelt, einen Ort geschaffen. Später haben wir die Kostüme gewechselt, uns ausgezogen und was anderes wieder angezogen. Und umgebaut, neue Bilder geschaffen, neue Figuren auch. Ein andre Gegend der Insel.

Währenddessen haben wir einzeln, einer nach dem anderen, dann wieder gemeinsam, gleichzeitig oder sich anscheinend antwortend, ins mikrofon gesprochen. krasse töne waren zu hören. Alex hat gesprochen, als wäre da ein kleines mädchen in ihm, das eigentlich viel schneller als er ist. sein eigener hall hat ihn überholt. hat bei mir einen ton ausgelöst, den ich im raum nochmal widergeben musste um ihn woanders auch zu hören, plötzlich war ich seiner sprache näher gekommen, ich hab die Sprache, ich hab Alex ganz anders gehört. mir kam fast vor, als würden wir gemeinsam sprechen, obwohl ich gar nicht wusste über was. ich habe mit ihm gesprochen, obwohl ich nicht wusste was. aber wie, martin, wie, das ist hier frage.

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Figuren waren noch nicht da, wurden dann. Wurden zu Theater. Und verschwanden wieder.

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Immer wieder Stille. Keine Abwesenheit. Mehr der Versuch einer vollkommenen Inneneinrichtung. Und ein Zuhören. Da war es wieder: Wie spricht man? Und wie spricht man am Mikro? Was muss davor kommen? vielleicht kann ich erst sprechen, nachdem etwas gewesen sein wird. und das Kostüm. Ich spreche im Kostüm, es ist nicht das Kostüm, das spricht. Ich bin der Träger, die tragende Rolle, das trägt mich wohin, bitte nur nicht zur Trägheit. Vielleicht zu dem Gedanken, den Justus gerne formuliert. Wir sind alle eins. Ein Kostüm, das sich nur immer wieder an ein paar Stellen verwandelt. In diesem Kostüm begegnen wir uns. Jeder hinterlässt dabei eigene Spuren auf der Bühne, einen Schneckenschleim. In seiner eigenen Bedeutung. Die sich bei jeder Begegnung zum anderen Kostüm verändert. Und man sich selbst verändert und die Schnecke ihr Gehäuse verlässt um anders, woanders weiterzuschleimen. Eine andre Gegend der Insel.

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Die verschiedenen Kostüme erzeugten verschiedene Zeiten bei uns. Langsam bewegte sich der Körper im endlos weiten, schwarzen Priesterumhang während ein greller Schwarm von Insekten um ihn schwirrt. Darüber legt die Sprache Folien der Wahrnehmung, der Text schafft- auch durch seine Wiederholung – Motive, die der Zuschauer hört und dann weiß, dass er sich genau das gewünscht hat, obwohl er es vorher noch nicht gewusst hatte. Auch die Spieler. Die da sind und sich nicht denken: ich weiß nicht was gerade ist, sondern wie Kathy es formuliert: ich weiß nicht was gerade war. Ein krasser Sauhaufen, sagt Grünbein, Laien, in der Ecke der Peinlichkeit. Wie schön Amateur zu sein. Liebender zu sein. Wir schämen uns nicht, sagte Alex und es stimmte nicht, erst dann, als jeder Einzelne ans Mikro trat um sich selbst zu formulieren. Ich. schäme. mich. nicht. – Und da ist es wieder: Das Wir.

Und irgendwie hört es nie auf. Wir finden immer etwas, das gilt dann, aber wir finden nie etwas, das für immer gilt.

Doch: Ich liebe euch. Gute Nacht, Freunde. Es ist fast halb drei und die Schauspielhäuser Deutschlands sind nicht mehr ansprechbar.

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