15. 01. 2013

Guten Abend, liebe Kollegen.
Ich habe, aus den Erfahrungen des sechsten Probentages schöpfend, eine Geschichte für euch geschrieben. Dass sie so abrupt aufhört, ist nicht meine Schuld, das hat die Geschichte so an sich. Ich glaube, dass sie vielleicht auch eher eine Generalpause macht, damit das Orchester die Instrumente nachstimmen kann, der Dirigent einen neuen Stab holt, und der Zuhörer von der Stille geweckt wird. Aber lest selbst:

Im Jahre 1846 wurde auf der „Maßdorferhöhe“, in der Nähe der böhmischen Grenze eine Glasfabrik gebaut. Man nannte sie die „Marienhütte“. Im selben Jahr entschied man, dass Bayern fortan nicht mehr Baiern heissen sollte, und der Engländer William Lassell entdeckte Triton, den größten Mond des Planeten Neptun. Der Hütte angeschlossen lag der Gasthof „Zur Marienhütte“, der neben 12 Zimmern für Durchreisende und Handelsgäste, auch eine Stube mitsamt Wirtin hatte, die allerlei deftige Gerichte aus der regionalen Küche zubereitete, wie die in ausgebackener Form „Milchner“ genannten hlechtsmittel des Karpfens,
die als besondere Delikatesse galten und in der Gegend als „Ingreisch“ (von Innereien) bekannt wurden. Und so kamen, wenn der Herbst ins Land zog und die jungen Karpfen die Verzehrgröße erreicht hatten, eine Schar von Gästen zum Verkosten des echten „Marienhütter-Ingreisch“. Oft blieben die Sie bis spät in den Abend in der Gaststube und es wurden Lieder gesungen, Debatten über die Wiederkunft Christi geführt, und hin und wieder rief ein hitziger Kopf zur Rauferei. „Du bist halt a Lump, und du bleibst halt a Lump!“, hieß ein in der Region beliebtes Lied der damaligen Zeit.
Der Gasthof machte sich in den ersten Jahrzehnten gut, die Hütte lieferte Lampenglas an den Hof des Königs von Böhmen und Kaisers von Österreich, Ferdinand, und so kamen die Gäste zahlreich und zu fast jeder Jahreszeit. Nur um das neue Jahr, wenn die rauhen Winterwinde die Reisen ins Fichtelgebierge unwirsch machte, blieb der Rege Verkehr am Gasthof aus. Ab und zu hielt noch ein reisender Händler, der aus den weiter entfernten Städten Bamberg oder Erlangen kommend die Kutschpferde ruhen ließ, bevor er seine Reise in die benachbarten Regionen fortsetzte. Eines späten Winterabends, im Januar des Jahres 1872, es lag ein dünner Schnee in kleinen Blättchen auf dem Ziegeldach der Brennerei, hielt ein leichter Einspänner vor dem Hoftor. Ein dünner, in eine wollene Pferdedecke gewickelter Mann mit graubeschmutzten Lederstiefeln stieg vom Kutschbock, und ging, seinen krummen Rücken haltend, an das Hoftor und läutete die schwere Messingglocke. Die Wirtin, die zur Stubenarbeit vor dem Kamin saß und Wolle spann, erschrak, als das dumpfe Läuten ihre gleichmäßige, seelige Beschäftigung unterbrach. Sie zog geschwind ihren alten Mantel an und schlüpfte in die Holzpantoffeln. Mit einem Docht holte sie Feuer aus dem Kamin, entzündete die Laterne und eilte mit dem Schlüssel zur Tür,- heraus in den Hof. Im matten Schein der wackelnden Öllampe sah sie, kurz bevor sie am Tor ankam, die schwammigen Konturen des gebückt läutenden Mannes in der Decke, der, als er die Wirtin heraneilen sah, sich umgedreht hatte, um mühsam einen großen, schwarzen Seekoffer aus dem Wagen zu heben. „Öffnen sie das Tor!“ herrschte er die Wirtin an, und zischte laut, als er die Kiste auf dem gefrorenen Boden abstellte. Die Wirtin trat mit der Lampe an den Torpfosten und hob den gusseisernen Riegel vom Haken. „Naja, dann kommen sie, kommen sie herein, herein, es ist kalt, ich stelle das Pferd unter, gehen sie ruhig, gehen sie ruhig… in die Stube, geradeaus!“. Mit wenigen Schritten ging die Wirtin nun an den Wagen und strich dem schnaufenden, dunklen Warmblüter den Hals. „Naja, wirst schon sehen, schon sehen, wirst’s fein haben, heut nacht.“ sagte sie leise und führte das Ross in den Stall. Der Fremde hatte inzwischen mühsam seine Kiste bis zur Eingang des Hauses gezerrt und griff zitternd mit seiner rauhrissigen Hand nach dem Türknopf.

Ja, da hört es auf.
Hier noch ein wenig Sekundärliteratur:

Mitte August 1856 entdeckten italienische Steinbrucharbeiter in einem kurz darauf dem Kalksteinabbau zum Opfer gefallenen Abschnitt des Neandertals 16 Knochenfragmente. Sie wurden zunächst achtlos zum Abraum geworfen, später jedoch vom Mitbesitzer des Steinbruchs, Wilhelm Beckershoff, an Johann Carl Fuhlrott zur näheren Untersuchung übergeben. Fuhlrott untersuchte die Skelettreste und befand: Es handele sich um ein Individuum „aus der vorhistorischen Zeit“. Er präsentierte den Fund im Juni 1857 auf der Generalversammlung des Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande. Seine Interpretation wurde jedoch vom Fachpublikum nicht geteilt. Mehr noch, deren Reaktion empfand Fuhlrott als extrem entmutigend. Seinen ersten Bericht versah er mit dem resignierten Schluss, dass er „auf jeden Versuch einer Propaganda für meine Überzeugung gern verzichte“. Man nahm an, dass es sich beim Fund Fuhlrotts um die Knochen eines Höhlenbären handeln muss, und die Knochenreste wurden nicht weiter untersucht. Fuhlrott hatte die besonderen Merkmale der Knochen (Überaugenwülste, ungewöhnlich dicke Grate und Leisten als Ansatzpunkte überaus kräftiger Muskeln) auf Anhieb als einen Vorgänger des modernen Menschen erkannt.
Die Benennung des Fossils als Homo neanderthalensis erfolgte erst zehn Jahre später. Der damals bedeutendste deutsche Pathologe Rudolf Virchow hielt den Fund für einen krankhaft deformierten Schädel eines modernen Menschen und verwarf die These des „Urmenschen“. Bis zu Fuhlrotts Tod im Jahr 1877 wurde sein Fund in Deutschland nicht anerkannt. Erst 1902, nach dem Tod Virchows, wurde Fuhlrott bestätigt.

Als Carl von Linné 1735 den Menschen in seiner Schrift Systema Naturae dem Tierreich und in diesem der Gattung Homo zuordnete, verzichtete Linné – im Unterschied zu seiner üblichen Vorgehensweise – auf eine an körperlichen Merkmalen ausgerichtete Beschreibung der Gattung. Stattdessen notierte er: „Nosce te ipsum“ („Erkenne dich selbst“) und ging demnach davon aus, dass jeder Mensch genau wisse, was ein Mensch sei.

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