31.Januar – Alle stehen in der Ecke

wir sind in wandsbek. unweit der schokoladenfabrik von nestle. die luft riecht nach gebratener Schokolade, weil der wind unglaublich massiv aus der einen Richtung kommend in unsere weht. der regen auch – nur eben vertikal.

wir scheitern wir scheitern wir scheitern

alle stehen hinten vom zuschauer aus auf bühne rechts in der ecke. sie bilden ein Pulk. die Aufgabe: es darf nur einer aus dem Pulk herraustreten und etwas machen. wunderschön abstrakt-konkrete aufgabe, die vielleicht ein wagnis bedeuten kann. (Bei den Aufgaben überlege ich immer wie ich sie formulieren kann. so, dass sie nicht zu sehr etwas vorschreiben und trotzdem starke Setzungen sind, die Spannungen erzeugen. eine Klippe über die man drüber muss, oder eben nicht. die eine noch unstrukturierte begegnung mit dem Publikum erzeugt. eine in der jeder sein verhältnis zum zuschauer überprüfen muss. und somit auch ich als Zuschauer mein verhältnis zur Bühne/situation auf der Bühne überprüfen muss. wir das also zusammen tun. im jetzt. das gelingt mir nicht immer – ich gebe mir mühe)

eingreifen und den fluss nicht unterbrechen: mit improvisieren. wann ist es zu viel, wann muss ich einschreiten. wann darf ich was dazu geben. Bsp.: julian ist am Mikrophon, er spricht auf englisch über Kruste, haut, grenze (so weit habe ich das verstanden) frieder legt einen effekt drüber. der sich sanft verändert. es ist eindringlich. sowohl inhaltlich als auch Intensitär. ich denke, ja er ist nahezu ein nativ speaker – weil auch amerikaner, vielleicht kann er den sturm – the tempest im auf englisch lesen. ich reagiere auf sein angebot. (ich habe im hinterkopf das wir heute, im verhältnis zu gestern vorher beginnen müssen. vor der zweiten szene des ersten aktes. die erste Szene. der Sturm. was kann das sein? was passiert da? eine Gemeinschaft wird in ihren Grundfesten erschüttert – Gesetze/selbstverständlichkeiten werden entsetzt. das gilt wohl auch für die erwartungen des Zuschauers. sonst können wir nicht auf die Insel kommen. wie kommen wir auf die Insel?)

so kann es gehen.

anderes Beispiel: ich merke beim zuschauen, das anne irgendwie unruhig ist. im pulk stehend verschränkt sie die arme, schaut auf den Boden, dreht sich weg vom Publikum, geht aber nie aus dem pulk. ich will sie rauslocken. (warum will ich das? – diese frage kann ich jetzt gerade nicht klären) ich frage mich woran liegt das? was probiert sie gerade? – sie probiert eben gerade schon. wahrscheinlich ist es das. sie probiert im pulk und brauch aber den raum. sie durchschreitet den raum nicht und probiert am fleck. ich weiße sie darauf hin: ich sage soetwas wie: anne nicht die arme verschränken. das sage ich vielleicht etwas zu forsch. habe ich jetzt zu viel eingegriffen? habe ich einen fluss unterbrochen? wer weiß wo das hingeführt hätte? hätte ich das noch weiter forcieren müssen. ihr probieren am fleck? ist es eine perspektive für das nächste mal? – Ja!

wir durchlebten heute ein reichhaltiges angebotnachfrageverunsicherungspeinlichkeitsaktivierungstheater. wenn wir das auf die bühne bekommen. dann müssen wir nicht mehr von der befreiung reden, dann befreien wir uns und wenn die anderen die die zuschauer sein werden bock haben, dann kommen sie mit. zu vermessen?

ich nehme mir für die nächste probe vor: noch mehr zu reduzieren. diesen Aufschub den wir produziert haben, durch das lange lesen, diesen Aufschub müssen wir auf der bühne erzeugen. es muss noch mehr reduziert werden. alle sind so schön anzuschauen. das trägt erstmal. diese anspannung vor dem ersten schritt. die trägt. die ruhe vor dem Sturm!

wir reden dann noch über die impro, die ca. 1 1/2 stundengläser gedauert hat. zeit für die erste pause. vielleicht gehen wir ja doch auf die 3 stunden zu.

frieder spielte zum ende Klavier. das war toll. ich finde er hat sich weiterentwickelt, dachte ich beim hören.

ich halte es kurz und beende es hier:

Henry purcell: „music for a while“:

„Music for a while
Shall all your cares beguile.
Wond’ring how your pains were eas’d
And disdaining to be pleas’d
Till Alecto free the dead
From their eternal bands,
Till the snakes drop from her head,
And the whip from out her hands.

 

 

 

 

 

 

 

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